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GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 06.06.07, 18 Uhr

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Zu den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm: Radikale Anklagen, bescheidene Alternativen, verwegene Antraege: Antiimperialismus heute - und wie der Rechtsstaat damit umspringt

GegenStandpunktKein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 6. Juni 2007

Zu den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm:

Radikale Anklagen, bescheidene Alternativen, verwegene Anträge: Antiimperialismus heute
– und wie der Rechtsstaat damit umspringt

Die Chefs der großen Nationen, die Weltmarkt und ‑politik bestimmen, treffen sich diesmal unter deutscher Leitung an der Ostsee. Und eine breite Protestbewegung macht demonstrativ klar, was sie von der „Ordnung“ hält, die diese Mächte dem Globus aufnötigen: Gar nichts.

„Die von der Dominanz der G8 geprägte Welt ist eine Welt der Kriege, des Hungers, der sozialen Spaltung, der Umweltzerstörung und der Mauern gegen MigrantInnen und Flüchtlinge.“ (Eine andere Welt ist möglich! Aufruf zur Internationalen Großdemonstration in Rostock am Samstag, 2.6.2007)

Ursächliche Zusammenhänge zwischen der Dominanz der G8 und dem Elend der Welt wissen die Wortführer des Protests auch anzugeben – schließlich dominiert, nicht bloß in Deutschland, eine öffentliche Meinung, die alle Unverschämtheiten nachbetet, mit denen sich die demokratisch gewählten War Lords der westlichen Großmächte und all die ehrenwerten Instanzen der „1. Welt“ ins Recht setzen, die sich Re­gierungen und andere Gewalthaber in der „3. Welt“ kaufen. Dagegen setzen die G8-Kritiker ihr eigenes Sittenbild. Das wirft allerdings auch einige Fragen auf.

„Alle fünf Sekunden stirbt in der Welt ein Kind an Hunger, mehr als 800 Millionen Menschen sind chronisch unterernährt. Maß­geblich verantwortlich hierfür ist eine ungerechte Welthandelspolitik, wie sie im Rahmen der G8 und anderer internationaler Institutionen von den reichen Industrieländern betrieben wird.“ (ebd.)

Der kritische Blick geht immerhin in die richtige Richtung: Er fällt auf die Veranstalter der globalen Wirtschaftskreisläufe. Aber kann es wirklich sein, dass bloß ein Mangel an Gerechtigkeit in der Welthandelspolitik der Grund für weltweites Massenelend ist? Lässt sich zu den Zwecken dieser Politik nicht etwas Handfestes sagen – ungerecht zu sein, ist ja sicher nicht ihr Anliegen! Und wenn man die Prinzipien des Welthandels ins Auge fasst: Gehört da nicht die Scheidung zwischen Gewinnern und Verlierern, die Produktion von Reichtum und Opfern zum System – schließlich wird der Weltmarkt nicht aus Philanthropie, sondern als Konkurrenz um das Geld der Welt betrieben! Und gehört zu diesem System nicht eine eigene Sorte Gerechtigkeit – nämlich das Recht der Erfolgreichen?!

„Trotz der vollmundigen Versprechungen vom G8-Gipfel in Gleneagles 2005 wurde den Ländern des Südens bislang nur ein ge­ringer Teil ihrer Schulden erlassen.“ (ebd.)

Kleinlich sind sie, die Großen; keine Frage. Aber ist das nicht der praktische Beleg dafür, dass der gesamten Schuldenerlass-Initiative lauter Berechnungen der Gläubiger zugrunde liegen, die mit einer durchgrei­fenden Statusverbesserung der überschuldeten Länder des Südens, geschweige denn einer anständigen Lebensperspektive für deren Bevölkerung nun wirklich gar nichts zu tun haben? Selbst wenn die internationale Gläubigerversammlung sich zu einem kompletten und sofortigen Schuldenerlass durchringen würde: Wäre der überhaupt eine Gunst, wenn die Geschäftsfähigkeit der Staaten – und, als deren Anhängsel, das Überleben ihrer Insassen – davon abhängt, dass sie mit ihren Bemühungen um Kreditwürdigkeit vor den großen Kreditschöpfern Gnade finden? Was hilft, kurz gesagt, eine Schuldenstreichung gegen die brutalen Regeln des globalen Kreditsystems?

„Indem sie Liberalisierung und Privatisierung vorantreiben, haben die G8 Armut nicht nur im globalen Süden, sondern auch in den Industrieländern verstärkt. Die weltweite Plünderung von Rohstoffen und anderen natürlichen Ressourcen wird beschleunigt.“ (ebd.)

So viel ist klar: Wo Mensch und Natur als Mittel verwendet werden, Geld zu erwirtschaften, also dazu, dass Unternehmer in aller Freiheit privaten Reichtum aus ihnen herausholen, werden die Menschen massenhaft verarmt und die natürlichen Quellen des Reichtums ruiniert. Der Grund dafür kann aber doch nicht darin liegen, dass die G8 es mit ihrer Politik der Förderung des globalen Geschäftemachens übertreiben! Die Kritik an diesem Irrsinn kann doch wohl nicht so gemeint sein, dass Geschäftswelt und Staatsgewalt es beim Verelenden und Plündern langsamer angehen lassen sollten!

„Zugleich schotten sich die reichen Industriestaaten immer stärker gegen Flüchtlinge und MigrantInnen ab. Die dennoch Eingereisten werden illegalisiert und als rechtlose BilligarbeiterInnen ausgebeutet.“ (ebd.)

Das hat in der Tat seine zynische Logik: Erst macht der Zugriff der mächtigen Staaten und Konzerne in halben Kontinenten ein Überleben unmöglich; dann lassen die politischen Machthaber der Nationen, von denen dieser Zugriff ausgeht, gegen Elendsflüchtlinge Zäune bauen und ihre Marine patrouillieren; und wer da trotz­dem durchkommt, gerät bestenfalls in eine Ausbeutungsmaschinerie. Das Ganze ist ein drastisches Beispiel dafür, wie Weltgeschäft und Nationalismus, Ausländerrecht und Ar­beitsmarkt, Ruinierung des Südens und Pa­triotismus des Nordens zusammengehören und sogar ganz ohne Plan systematisch zu­sammenwirken. Bloß: Ist im Sittenbild der G8-Kritiker das gemeint? Oder lautet die Botschaft doch wieder bloß: „Wie unge­recht!“?

„Die G8-Staaten sind verantwortlich für 90 % der weltweiten Waffenexporte und eine neue Ära von Rohstoffkriegen. Sie sind Vor­reiter einer auf Krieg gestützten Weltordnung, die in vielen Ländern zu Flucht, Vertreibung, neuem Hass und Gewalt führt.“ (ebd.)

Am Ende also doch ein klares Wort: Die Welt, so wie die großen Mächte sie ein- und zugerichtet haben, funktioniert nur mit kriegerischer Gewalt. Wer gegen Merkel & Co protestiert, soll wissen, womit er sich da an­legt: mit nichts Geringerem als einer ganzen „auf Krieg gestützten Weltordnung“, einem System von Herrschaft, Ausbeutung und Ge­walt. Nur: Wenn dieser Befund wirklich so gemeint ist, wie verträgt er sich dann mit diesem aufmunternden Versprechen?

„Dagegen wollen wir bei unserer Großdemonstration am 2. Juni 2007 in Rostock protestieren und die Alternativen dazu aufzeigen.“ (ebd.)

Alternativen aufzeigen – dazu?! „Aufzeigen“, dass „es“ auch anders geht – das klingt so, als wäre weiter gar nicht viel dabei, eine ganze mit Krieg verteidigte Weltordnung aus den Angeln zu heben und zu ersetzen; als wollten die Gipfelkritiker sich anheischig ma­chen zu zeigen, wie der ganze Laden sich auch ohne Verelendung und Gemetzel managen ließe. Wer so denkt, der nimmt alle Behauptungen über eine Weltordnung, die auf Krieg „gestützt“ ist und Ausbeutungsinteressen bedient, schlichtweg zurück – oder hat sie so ernst überhaupt nie gemeint.

Den meisten der kritisch eingestellten Leute, denen Heiligendamm eine Demonstration wert ist, mag die Frage, wie die Weltordnung funktioniert, unwichtig vorkommen. Und tatsächlich braucht man über die Regularien des internationalen Kreditgeschäfts nicht im Einzelnen Bescheid zu wis­sen, um gegen das System Einspruch einzulegen, zu dem Schulden wie Waf­fen gehören und enorme Gewinne ebenso wie massenhaftes Elend. Genau in der Frage aber: ob der Protest dem System des Welthandels gilt oder bloß einer vermuteten Ungerechtigkeit beim Geschäftemachen, ob man zu den Prinzipien des kapitalistischen Menschen­verschleißes und Naturverbrauchs Nein! sagt oder bloß zu ein paar Übertreibungen, ob man in der Ordnung der Welt, wie sie ist, den Grund für Gewalt und Krieg erkennt oder ein Problemfeld, das für bessere „Lösungen“ offen ist: in der Frage geht es ums Ganze. Daran entscheidet sich nämlich, ob man der „von der Dominanz der G8 geprägten Welt“ ihre Grobheiten und Gemeinheiten als letztlich überflüssige Verfehlungen vorhalten, also im Prinzip sein Einverständnis bekunden will, oder ob man die Notwendigkeiten die­ser Weltordnung im Sinn hat und denen das Verständnis aufkündigt. Es geht um die Entscheidung, ob man sich an der Vorstellung erbauen möchte, die Welt könnte auch ohne ihre schlechten Sei­ten funktionieren, oder ob man sich klar macht, warum diese Welt über so eindrucksvoll schlechte Seiten verfügt, und in den Gründen die Mittel findet, ohne die dem ganzen Elend nicht beizukommen ist.

Die Vereine, die zum Protest gegen den G8-Gipfel aufrufen, haben sich entschieden. Sie fordern eine „andere Welt“ – und das ist die, die es gibt, ohne ihre schlechten Be­gleit­erscheinungen:

„Gemeinsam mit Millionen Menschen in aller Welt sagen wir: Eine andere Welt ist möglich! Für die sofortige Streichung illegitimer Schulden und eine faire Entschuldung der Länder des globalen Südens! … Für ei­ne friedliche Welt! … Globalisierung im Interesse der Mehr­heit der Menschen bedeutet faire Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, bedeutet Frieden, Gerechtigkeit, soziale Sicherheit, Demokratie und Be­wahrung der Lebensgrundlagen des Planeten für die nächsten Generationen.“ (ebd.)

Das haben die Kritiker des brutalen Weltgeschehens satt: dass es zu der Politik, die die Mächtigen machen, keine Alternative gäbe; dass überall da, wo Staatsgewalt und Geldmacht zuschlagen und Opfer schaffen, ein Sachzwang vorläge, dem sich zu widersetzen ebenso hoffnungslos wie unvernünftig wäre. Dagegen setzen sie ihre Parole von der gar nicht so unrealistischen Möglichkeit einer „anderen Welt“ – und schenken sich im Namen dieser Losung gleich jede Befassung mit den wirklichen Gründen für das System realer Zwänge, an denen der Wunsch nach einer besseren Welt beständig scheitert und die von der herrschenden Ideologie als grundvernünftige Sachzwänge hei­lig gesprochen werden. So kennen die Gipfelgegner z.B. einen Unterschied zwischen Industrie- und Entwicklungsländern; aber von den Interessengegensätzen, die für so verheerende Wirkungen sorgen, wollen sie nichts weiter wissen; mit der Tugend der Fairness wäre schon alles ins Lot zu bringen, dann gäbe es nur noch „legitime“ Schulden. Als wäre nicht die ökonomische Herrschaft des Gläubigers über den Schuldner das Kernstück jeden Kreditrechts. Die großen staatlichen Gläubiger sollen ihre „illegitimen“ Forderungen streichen – denen ihre Kreditmacht zu nehmen, davon ist nicht die Rede, so viel „Änderung“ wäre ja auch nicht so leicht „möglich“. Die G8 sollen auf­hören, „wirtschaftliche und machtpolitische Interessen militärisch durch­­zusetzen“ – als wären die anders durchzusetzen, oder als könnten die G8 auf ihre überlegene Wirtschaftskraft und Macht ganz gut verzichten und wären dann immer noch die G8, wenn sie sich bei ihrer Weltherrschaft auf das beschränken, was sich zwanglos unter Freunden regeln lässt.

Freilich, bloß fromme Wünsche sollen die Beschwörungen einer „anderen Welt“, die die Protestbewegung den Weltmachthabern entgegenschleudert, nicht sein. Der Agenda des Gipfels von Heiligendamm haben dessen Kritiker vielmehr das Eingeständnis ent­nommen, dass die Mächtigen selber Rie­sen­probleme mit ihrer Weltordnung haben – und zwar genau die Probleme, die die verarm­ten Massen und deren globalisierungskri­tische Freunde und Anwälte mit dieser Ord­nung haben. So wäre das wohlverstandene Eigen­interesse der G8 letztlich der An­satzpunkt und die Gewähr dafür, dass eine Alternative zu der Politik, mit der sie die Welt verwüsten, wirklich „möglich“ ist. So zum Beispiel in Sachen Klimawandel:

„Die Unfähigkeit der G8, zukunftsweisende Politik zu betreiben, ist auch im Energiesektor offenkundig. … Wird die Knappheit erst mal spürbar, spitzt sich der Konflikt um Energie zu. … Die G8 ziehen aber nicht die offensichtlichste aller Schlussfolgerungen: Fossile Energien sind nicht die Lösung der Energiefrage, sondern verursachen erst die Probleme. … All dies passiert, obwohl die Alternativen zum fossilen Pfad klar auf der Hand liegen. Nicht die verfehlte Politik der G8 brauchen wir, sondern eine massive Förderung erneuerbarer Energien. Sie sind umweltfreundlich, friedenspolitisch sinnvoll und wohlstandsfördernd. Sie schaffen Arbeitsplätze.“ (Attac, G8-Infoheft, November 2006)

Genau besehen sind es also gar nicht die wirtschafts- und macht­politischen Interessen, mit denen die Weltmächte den Globus ins Verderben stür­zen, sondern deren falsche Mittel: Es sind die „fossilen Energien“, die „erst die Probleme machen“, an denen nicht bloß die Betroffenen lei­den, sondern vor allem die Mächtigen selber. Erfreulicherweise liegt die machbare Alternative hier so „klar auf der Hand“, dass man sich vergeblich fragt, wieso die G8 an ihrer „verfehlten Politik“ eigentlich so zäh festhalten. Klar ist hingegen der Fehler, den die Pfadfinder der „erneuerbaren Energien“ machen: Über den wirklichen, stand­ort- und weltordnungspolitischen Inhalt der nationalen Interessen, die die Großmächte unter dem Titel „Klimaschutz“ verfolgen, über die damit neu aufgemachten internationalen Konflikte ebenso wie über die daraus abgeleiteten innernationalen Verzichtsdiktate se­hen sie einfach hinweg und glauben stattdessen die fadenscheinigsten offiziellen Ideologien zu Merkel-Gabriels neuer Energiepolitik von wegen „umweltfreundlich, friedens­politisch sinnvoll und woh­l­standsfördernd“.

Noch wüster die Empfehlungen zur Lösung des Kriegs-„Problems“:

„Liegt die Lösung der Konflikte wirklich in militärischen Interventionen? … Studien der Weltbank beweisen, dass auch neutrale oder multilaterale Interventionen die Konfliktdauer nicht verkürzen. Leider ziehen die reichen westlichen Staaten aus solchen Fakten nicht den Schluss, Militär als Instrument zur Herstellung von 'Sicherheit und Ordnung' in ihrer Außen- und Innenpolitik kritisch zu hinterfragen, sondern verstärken ihre militärischen Aktivitäten. … Sinnvoller und effektiver als 'Friedens'-truppen zu finanzieren, ist die Bekämpfung der Armut.“ (ebd.)

Krieg – eine schlechte Konfliktlösungsstrategie? Armutsbekämpfung – der billigere Weg zum gleichen Ziel?! Auf eine so einfühlsame Deutung von Militäreinsätzen muss man erst einmal kommen. Haben die­se Kriegskritiker nicht mitgekriegt, dass das einzige „Problem“, das Kriege „lösen“, die Existenz einer feindlichen Gewalt ist, die einer militärisch potenten Macht im Weg steht? Haben sie übersehen, dass es im Kriegsfall um schleunige „Konfliktlösung“ allein in dem Sinn geht, den Gegner möglichst blitzartig zur Kapitulation zu zwingen? Merken sie nicht, wie absurd es deswegen ist, Krieg an dem Kriterium der fried­lichen Beilegung von Streitigkeiten zu messen und als dafür untauglich zu verwerfen? Haben sie ihren eigenen Vorwurf, mit Kriegen würden „machtpolitische Interessen durchgesetzt“, gleich wieder vergessen? Be­stätigt fühlen diese Friedensfreunde sich auch noch durch die Weltbank, wenn die errechnet, Bomben und Granaten seien un­rentabel. Wollen sie sich deren zynisches Kalkül zu eigen machen? Und finden sie wirklich nichts dabei, Armutsbekämpfung unter dem Gesichtspunkt zu empfehlen, dass damit Kriegsziele billiger zu erreichen wären? Klar, an die Ziele wirklicher Kriege denken sie dabei nicht. Aber das ist gerade das Merkwürdige: Ausgerechnet beim Kritisieren nehmen die Gipfelkritiker es mit der Realität nicht so ge­nau; statt dessen übernehmen sie alle schön­färberischen Sprachregelungen von we­gen „Frieden schaffen“ und „Konflikte lösen“, mit denen zivile demokratische Be­fehlshaber ihre Feldzüge bewerben, und nehmen sie für bare Münze, um die kriegerische Realität an solchen fik­tiven Zielen zu blamieren. Die Gipfelkritiker üben eine ganz eigene Art kritischer Solidarität mit ihren Kriegsherren, indem sie an deren Sorgen um die Weltordnung, nämlich um die Unterordnung der restlichen Staatenwelt, ihre Sorge um eine gewaltfrei geordnete Welt herantragen: Die eigene ide­a­listische Problemsicht unterstellen sie als das große Weltproblem, an dessen Lösung die Verantwortlichen sich mit dem untauglichen Mittel des Krieges zu schaffen machen, logischerweise vergeblich. „Aufzeigen“ wollen sie allen Ernstes, dass ihre „andere Welt“, von der die Machthaber immerzu nichts wissen wollen, die einzig tragfähige oder jedenfalls billigste, aber böswillig oder aus Dummheit verschmähte Lösung auch und gerade für die Drangsale der Großen und Mächtigen selber wäre.

Nach diesem Muster arbeiten sich die G8-Kritiker durch die gesamte Agenda der Heiligendamm-Veranstaltung durch.

– Wenn Kanzlerin Merkel ‚Afrika’ auf die Tagesordnung setzt, dann geht es da um das Ordnungs­problem, das mindestens 6 bis 7 der G8 mit gewissen Konsequenzen ihrer eigenen Afrika-Politik haben: Der Kontinent gerät zusehends zu einer Ansammlung von „failed states“, Ländern ohne brauchbares Gewaltmonopol, das der globalen Geschäftswelt kein sicheres Betätigungsfeld bietet und die strategischen Ordnungsdienste nicht versieht, die die „1. Welt“ von der „3.“ erwartet. Dass in dem Zusammenhang Hunger, Armut, Aids und Bürgerkriege zum Thema werden, nämlich als Hindernisse für das Bedürfnis der Weltmächte nach Beherrschung der Lage, ist für die Gipfelgegner keine schlechte, sondern eine gute Nachricht. Sie lesen ihre philanthropische Besorgnis ums Überleben der Leute in die Probleme hinein, die die USA und die EU mit den unzuverlässigen eigenen politischen Kreaturen, mit verkommenen oder von den Falschen ausgebeuteten Rohstoffquellen und mit potentiellen Schlupfwinkeln für antiwestliche Terroristen. Sie freuen sich über ein Problembewusstsein bei Merkel & Co, von dessen Inhalt sie nichts wissen wollen, weil sie ihren eigenen darin wiederfinden möchten. Sie erwarten von dem Gipfeltreffen gute Taten, mit denen das Leben der Opfer der aktuellen Weltordnung in Afrika zu verbessern wäre; sie verweigern den Regierenden von Washington bis Berlin jegliches Verständnis dafür, dass die in solchen Wohltaten noch immer nicht den Königsweg zur Bewältigung ihrer eigenen Ordnungsprobleme in und mit Afrika erkannt haben. Wenn dann tatsächlich die eine oder andere humanitäre Maßnahme den Zuständigen als Beitrag zur Stabilisierung brauchbarer Herrschaftsverhältnisse in einem Land einleuchtet, dann erschrecken die protestierenden Freunde Afrikas nicht über den Dual Use ihrer Weltverbesserungsideen und über den Zynismus, mit dem da auch noch ein bisschen Fürsorge für Aids-Kranke für den Konkurrenzkampf der Imperialisten um die Kontrolle dieser ruinierten Weltgegend funktionalisiert wird: Sie meinen, sie hätten mit Erfolg dem Good Will eine Bresche geschlagen!

- Wenn der Gipfel über Probleme der ‚Migration’ verhandelt, dann widmen sich die deutsche Bundeskanzlerin und ihre westlichen Kollegen einer anderen unerwünschten Nebenwirkung ihrer Weltherrschaft: der Flucht einer tatkräftigen Minderheit aus ihren desolaten Lebensverhältnissen. Das Problem der Regierenden besteht darin, eine striktere Abwehr der Flüchtenden, auch mit militärischen Mitteln, mit der Befriedigung der unverschämten Ansprüche heimischer Arbeitgeber auf exotische Billigst-Arbeitskräfte in Übereinstimmung zu bringen. Die Gemeinheit, sich dafür auf das offensichtliche, öffentlich besichtigte Elend der Elendsflüchtlinge zu berufen und deren massenhaften Rücktransport ins Elend ihrer Herkunftsländer als humanitäre Großtat und Kampf gegen verbrecherische Menschenhändler zu verkaufen, geht der Dame und den Herren in Heiligendamm leicht von der Hand – und freut die Gipfelgegner. Die verbuchen den Erfolg, dass das Elend der Opfer bei den Verursachern des Elends immerhin schon mal „angekommen“ ist; sie sehen Ansätze dafür, dass die Politik auf das humanitäre Problem aufmerksam wird, das sich ihnen an der Stelle aufdrängt; sie setzen darauf, dass die Erbauer von Mauern und Grenzzäunen letztlich nicht umhin können, sich im Sinne einer besseren Lösung, einer ohne Zäune und Stacheldraht, um „das Flüchtlingsproblem“ zu kümmern.

– Wenn Frau Merkel eine Initiative zur „sozialen Dimension der Globalisierung“ ankündigt, fällt der internationalen Solidaritätsbewegung nur Zustimmung ein: Sie fordert „weltweit gleiche soziale Rechte“ und das sofort; das wäre die wahre „Globalisierung von unten“. Dass derartige Rechte nur dort vonnöten sind, wo die soziale Deklassierung der Masse der Bevölkerung ihren Gang geht und der gesellschaftliche Normalfall bleibt, kommt der Bewegung nicht in den Sinn; schon gar nicht, dass solche Rechte nur dazu da sind, die Sortierung der Gesellschaft geordnet abzuwickeln, also zu verewigen. Wenn Deutschlands Kanzlerin das Thema unter dem Tagesordnungspunkt „Investitionsfreiheit in Industrie- und Schwellenländern“ einordnet, dann könnte den Befürwortern „weltweit gleicher sozialer Rechte“ dennoch auffallen, wofür dieser Titel in der internationalen Politik wirklich steht: für die Dauerbeschwerde der großen Weltwirtschaftsmächte über unliebsame, als unfair inkriminierte Konkurrenzpraktiken aufstrebender Nationen mit viel billigem Menschenmaterial; für die Sorge der Chefs der Kapitalstandorte mit den technologisch fortschrittlichsten Arbeitsplätzen, also einer Ausbeutung mittels höchstgezüchteter Produktivkräfte, die extensive Ausbeutung rechtloser Proletarier anderswo könnte ihre Überlegenheit auf den Weltmärkten relativieren; jedenfalls überhaupt nicht für den Beschluss, der Weltbevölkerung materiell etwas Gutes zu tun. Den Freunden der „3. Welt“ fällt das aber entweder gar nicht auf, oder sie machen sich einen sehr affirmativen Vers darauf: Hier würden die Probleme der Armen dieser Welt mit ihrer sozialen Rechtlosigkeit und die der kapitalistischen Weltwirtschaftsmächte mit den Lebensbedingungen, die gewisse „Schwellenländer“ ihren Massen zumuten, glücklich zusammenfallen... Dabei steht klar und deutlich die Drangsalierung konkurrierender Nationen auf dem G8-Programm, also das genaue Gegenteil einer globalen Sozialpolitik, wie die Kritiker sie sich wahrscheinlich vorstellen. Und dass das hoheitliche Plädoyer für weltweite Rechtsangleichung ganz nebenher für die Insassen der kapitalistisch fortgeschritteneren Standorte eine Angleichung ihres Lebensniveaus nach unten ankündigt – noch ein bisschen mehr „3. Welt“ in den Metropolen –, ist auch kein Geheimnis.

Was auch immer die Gipfelgegner an der Politik der G8 auszusetzen haben, stets kri­ti­sieren sie so, als wären die Sorgen und Nöte der Opfer der Weltordnung dieselben wie die Probleme der Macher. Wenn sie den Machthabern den Vorwurf machen, sie wären die Verursacher der Weltprobleme, dann denken sie immer einerseits an ihre Betroffenheit, als wäre genau die der wirkliche politische Inhalt der Weltlage, an der deren Urheber sich abarbeiten – und immerzu scheitern, weil sie die verkehrten Mittel anwenden und sich so selber ins Knie schießen. Die „andere Welt“, die sie sich wünschen, ist zusammengesetzt aus Idealen der wirklichen Welt, nämlich den beliebtesten Phrasen der politischen Moral, einem Bild der realen Verhältnisse ohne deren „Schattenseiten“, und der Vorstellung, die Abstraktion von allem Übel, die sie in ihrer Einbildung vornehmen, wäre deswegen „möglich“, weil darin und nur darin die Lösung für alle großen Weltprobleme läge, vor denen die Staatenwelt steht. Die Realität selbst, die schlechte, verlangt gewissermaßen nach ihrer Alternative – und nicht nur das: Aus Sicht einer Mehrheit von Gipfelkritikern ist sie in vieler Hinsicht und auf etlichen Gebieten schon so ideal, wie sie es insgesamt, im Weltmaßstab noch werden soll. Zumindest war es neulich noch so, wenn man nämlich mit dem richtigen demokratieidealistischen Blick das goldene Zeitalter vor der heutigen Phase der Globalisierung betrachtet:

„Untrennbar mit dem Territorialprinzip des Nationalstaates ist auch die parlamentarische Demokratie verbunden. Der Souverän der Demokratie ist der Staatsbürger. … Im Zug der Globalisierung findet eine Verlagerung ökonomischer Prozesse und Strukturen aus dem Rahmen des Nationalstaats statt sowie deren Übergang in den transnationalen Raum. Die Identität zwischen Wahlbürgern und jenen, die die politischen Entscheidungen fällen, löst sich zunehmend auf. … Solange das Wirtschaften im Wesentlichen innerhalb des Nationalstaats stattfand, unterlagen ökonomische Prozesse in erster Linie nationalstaatlicher Regulierung. Im Ergebnis langer Kämpfe … gelang es, den ungezügelten Manchesterkapitalismus … zumindest in den Industrieländern zu zivilisieren. Für die globalisierte Wirtschaft existiert ein solcher Ordnungsrahmen nicht.“ (Infoheft...)

Da liegt also die Lösung; das ist das Prinzip der „anderen Welt“: Die Staatsgewalt ist gefragt, zu guten Taten herausgefordert so wie damals, wann immer das gewesen sein mag, als die Nationen noch nichts vom Weltmarkt wussten und mit der Zähmung des Manchester-Kapitalismus beschäftigt waren. Und wenn ein Zurück schon nicht mehr möglich ist, dann müssen standhafte Staatenlenker sich unter den neuen Bedingungen der Globalisierung auf ihre Zivilgesellschaft besinnen, Erpressungsversuche der Kapitalisten in die Schranken weisen und eine echte Weltregierung nach dem Vorbild des nationalbürgerlichen Gemeinwesens fabrizieren, in dem rückblickend kein Globalisierungskritiker noch irgendetwas von Verarmung, Naturzerstörung oder gar Klassengesellschaft entdecken kann... Idealistisch bis zur schlichten Realitätsblindheit, dabei ganz auf den Nachweis der Realitätstüchtigkeit ihrer „anderen Welt“ erpicht, bekennen die Gipfelkritiker sich als Anwälte souveräner staatlicher Gewalt, präsentieren sich als Ratgeber für ein großes Gemeinschaftsunternehmen von Herrschern und Völkern für das schöne Ziel, aus der Welt „a better place“ zu machen. Die versammelten Führer der globalisierten Welt werden nur schlecht gemacht, um gutes Regieren von ihnen zu verlangen: Protest gegen als kämpferische Grußadresse an die Zuständigen.

Freilich, in einem Punkt lassen wenigstens die radikaleren Teile der G8-Gegner sich gar nichts vormachen: Die Figuren, die sich aktuell an der Ostsee zu ihrem Jahrestreffen versammeln, sind Heuchler, das steht fest.

„Die GipfelteilnehmerInnen repräsentieren die acht mächtigsten Staaten der Welt, die daran teilhaben, die globalen Probleme erst zu produzieren, für die sie dann vermeintliche Lösungen beschließen. Sie sprechen von 'Global Governance' und 'humanitärer In­ter­vention', 'Stärkung der Zivilgesellschaft' und 'friedensbildenden Maßnahmen', doch in Wirklichkeit nutzen sie gnadenlos das Recht der Stärksten, um eine Weltordnung zu schaffen, die ihrem Machterhalt und ka­pi­talistischen Profitinteressen dient.“ (G8 blockieren, Kriege verhindern! Aufruf zum Aktionstag am 5.6.2007 in Rostock-Laage)

Wer das auch so meint, der macht sich keine Illusionen mehr; weder über die Ordnung, die die Weltmächte schaffen, noch über die Phrasen, die die Urheber der brutalen Realität im Munde führen – die künden von nichts als dem unerhört guten Gewissen der Machthaber und ihrem Anspruch, für ihre Taten auch noch gelobt zu werden. Deswegen finden Teile der Protestbewegung es verkehrt, mit „Forderungen für eine andere Politik an die G8“ heranzutreten (Bundeskoordination Internationalismus (Buko), Frankfurter Rund­schau: Mehr als ein Gipfelsturm, FR, 19.5.2007). NGOs, die so verfahren, tragen nach Ansicht dieser Gruppen „dazu bei, die G8 als Adressatin zu legitimieren, und ermöglichen zudem den Anschein des kritischen Dialogs mit der Zivilgesellschaft“.

Dass jemand, der die Regierenden zu einer besseren Politik auffordert, deren Zuständigkeit anerkennt, sich also gegen eine Absage an die herrschenden Verhältnisse und deren Macher entschieden hat, das zu­mindest halten die Buko-Leute für falsch:

„Weite Teile der G8-Mobilisierung richten sich deshalb im Kern gegen die Anmaßung der Regierungen, die vorgeben, die Probleme der Welt zu lösen, die sie selbst maßgeblich mit verursachen. … Die Klima- und Ener­giepolitik lehrt, dass die Regierungen das bestehende, Ressourcen fressende Produktions- und Konsummodell nicht in Frage stellen.“

Warum sollten sie auch – möchte man fragen: Für die Großmächte der Weltwirtschaft handelt es sich bei dem System des kapitalistischen Wachstums, das sie weltweit flächendeckend durchgesetzt haben, gar nicht um ein „Modell“, das man „in Frage stellen“ und im Zuge eines bisweilen fälligen Modellwechsels auch mal beiseite legen könnte, wenn sich eine unter ganz sachfremden Gesichtspunkten „besser“ erscheinende – z.B. Ressourcen schonende – Alternative anbietet. Diese Mächte stehen total offensiv dafür ein, dass die Staatenwelt sich auf kapitalistisches Wachstum als ihre materielle Grundlage und entsprechend unverzichtbaren Teil ihrer Staatsräson festlegt. Und wenn die „Klima- und Energiepolitik“ der Führungsnationen etwas „lehrt“, dann sind das ein paar Wahrheiten darüber, wann diese Mächte mit dem Großverbrauch natürlicher Reichtumsquellen durch ihre heimische Wirtschaft ein Problem kriegen – nämlich dann, wenn die Kosten der Beschaffung und Sicherung von Nachschub die nationalen Wachstumsziffern belasten. Das Problem, das sie dann kriegen besteht in Konkurrenzproblemen erstens mit ihresgleichen und zweitens mit den Lieferanten, und sie gehen ihr Problem sehr zupackend an und fest entschlossen, anderen Nationen verbindliche Beschränkungen aufs Auge zu drücken. Am Ende ist das Weltklima für sie vielleicht wirklich auch noch ein ernsthaftes Schadens-, also Kostenproblem, vor allem aber ein Argument zur politischen Bevormundung anderer Souveräne. Die radikalen G8-Kritiker freilich scheinen ernsthaft die Frage zu wälzen, warum die für alles zuständigen Regierungen den Modellwechsel nicht vollziehen, der ihrer Ansicht nach ansteht und jedermann als fällig einleuchten müsste. Jedenfalls geben sie darauf, andeutungsweise, eine Antwort, die so verkehrt ist wie die Frage:

„Eine andere Klimapolitik würde heißen, sich hierzulande massiv mit der Industrie anzulegen – und mit dem Konsumverhalten einer großen Anzahl von Wählern.“

Aus Schwäche, aus Opportunismus, aus wahltaktischer Berechnung, womöglich er­presst durch die Macht der Industrie, mit populistischem Blick auf eine konsumsüchtige Bevölkerung unterlassen die Verantwortlichen das Notwendige: In dieser Diagnose sind sich die Radikalen mit dem Main­stream der Protestbewegung wieder einig. Radikaler sind sie insofern, als sie ihren „Blick“ nicht auf die Regierenden „verengen“, sondern, „breiter ansetzend“, auf die gesellschaftlichen Kräfte richten, die denen den Willen zum eigentlich notwendigen Wechsel des Gesellschafts-„Modells“ abkaufen:

„Es bedarf nicht nur eines Politikwechsels, sondern der Veränderung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse.“

Die Privatmacht des Industriekapitals ist zu groß, das Konsumverhalten der Massen unverantwortlich; diese „gesellschaftlichen Machtverhältnisse“ sind zu ändern; und dafür fällt den Radikalen schon wieder der Kunstgriff der „Delegitimierung“ ein. Von dem verspricht man sich zwar keinen direkten Effekt auf die Machthaber, dafür irgendwie weiterreichende Wirkungen; vor allem auf die „Menschen“, denen man in ihrer Eigenschaft als wahlberechtigte Konsumenten soeben noch das Misstrauen ausgesprochen hat:

„Ein Teil dieser Veränderung ist die Delegitimierung der herrschenden Politik – insbesondere der G8. Wenn die Botschaft in einer breiteren Öffentlichkeit ankommt, dass die Regierungen der G8 nicht Verbündete sind, sondern Teil des Problems, dann wirkt das für viele Menschen politisierend und öffnet Räume für eine andere Politik – mittelfristig auch für eine andere staatliche Politik.“

Insoweit bleibt der Veränderungswille also konsequent im Rahmen: Die Staatsmacht soll und muss es richten, letztendlich; ihr bleibt ja im Endeffekt ohnehin keine andere Wahl – „angesichts der enormen Probleme in der Welt“...

In äußerst konstruktiver Absicht kämpft die Protestbewegung, und zwar in allen ihren Abteilungen, um die Delegitimierung der G8. Und für dieses wichtige Anliegen fällt ihr, neben dem Vorwurf des Versagens vor den selbst geschaffenen Weltproblemen, noch ein anderes Argument ein, das sie of­fenbar für einen ganz besonderen Hammer hält, weil damit das ganze Gipfeltreffen in die Grauzone der Illegitimität rückt:

„Die Gruppe der 8 ist eine Institution ohne Legitimation. Dennoch trifft sie als selbsternannte informelle Weltregierung Entscheidungen, die die gesamte Menschheit betreffen.“ (G8 blockieren...)

Auch darauf muss man erst einmal kommen: Da treffen sich die Chefs der mächtigsten Nationen, die eine ganze Weltordnung bestimmen und ihre Zuständigkeit mit aller nötigen Gewalt praktizieren. Wenn je­mand sie an der Entfaltung ihrer Zugriffs- und Kontrollmacht hindert, dann sind sie das noch am ehesten selbst in ihrer immerwährenden Konkurrenz um Führungsmacht und Reichtumsquellen – und die Protestbewegung schmettert ihnen das Verdikt entgegen: „Das hat euch niemand erlaubt!“. Wer, bitte schön, außer ihnen selbst, hätte sie denn legitimieren sollen? Wer verteilt die Lizenz für Imperialismus? Die Opfer vielleicht? Oder die UNO – also die Organisation, die von den wichtigsten der G8 selber gegründet worden ist, schon damals in der Absicht, den Globus besser unter Kontrolle zu kriegen, und in der die Großen nach wie vor das Sagen haben? Statt deren Legitimation zu vermissen, hätten die Vordenker des Protests sich besser einmal gefragt, woher die G8 ihre Macht zu Entscheidungen haben, „die die gesamte Menschheit betreffen“. Vielleicht hätten sie dann sogar bemerkt, dass diese Menschheit – und nicht zuletzt die Pro­testbewegten sel­ber – nicht als miss­achtete Legitimationsinstanz, sondern als handfest benutzte materielle Basis eingebaut ist in den Imperialismus ihrer Nationen. Gerade für die Länder, in denen die Wortführer der Protestbewegung zu Hause sind, gilt: Es ist der funktionierende Kapitalismus daheim, die private Macht des Kapitals, aus der die Staatsmacht die Mittel bezieht, mit denen sie die Welt ihrem Nationalinteresse an Wirtschaftswachstum gefügig macht. Und es sind die verkehrten Berechnungen der Staatsbürger, die sich noch in der größten Unzufriedenheit auf die staatliche Politik als Instanz zur Lösung aller Pro­bleme beziehen, was es den Regierenden so leicht macht, ihre Völker als Manövriermasse zu benutzen, als verlässliche Grundlage auch für ihre weltpolitische Handlungsfreiheit.

Aber danach, warum die wirkliche Welt so ist, wie sie ist, fragt die Protestbewegung ein für allemal nicht mehr. Sie will von der Realität nur wissen, dass sie ihren Idealen – die in der Welt des demokratischen Imperialismus als Billigware zir­ku­lieren und den Kritikern als Messlatte fürs Delegitimieren dienen – nicht entspricht. Und mit diesem Fehler folgen sie einer altehrwürdigen staatsbürgerlichen Tradition. Denn mit ei­nem Protest, der sich auf allgemein akzeptierte idealistische Phrasen stützt, sind die Gipfelgegner in der für sie offenbar entscheidenden Hinsicht auf der sicheren Seite: Was sie an den Taten ihrer hohen Herrschaften auszusetzen haben, ist durch deren Worte gedeckt; mit der Berufung auf den Wertehimmel der abendländischen Demokratie verschaffen sie sich ihre Glaubwürdigkeit. Ob sie es mit ihren Plädoyers schaffen, die Herrschenden ins Unrecht zu setzen? Das ist in Wahrheit keine Frage; denn die Machthaber profitieren eher davon, dass man sie an höchsten Werten misst, so als wäre deren Verwirklichung der wahre und eigentliche Auftrag ihrer Gewalt. Eine andere Sache ist es, dass die Protestbewegung mit dieser Art von Kritik alles tut, um sich ins Recht zu setzen. Die Titel, mit deren Beschwörung sie die herrschenden Figuren und „Strukturen“ delegitimieren möchte, haben vor allem den tieferen Sinn, ihre Einwände zu legitimieren. Protestieren ist gerechtfertigt – das ist die Botschaft, auf die es den Gipfelgegnern entscheidend ankommt.

Damit stößt die Bewegung allerdings auf eine Staatsmacht, die ihren Kritikern mit aller Gewalt die umgekehrte Rechnung aufmacht. Sie definiert die Grenzen der Legitimität von Kritik und Protest. Und das tut sie genau so, wie es sich für einen demokratischen Rechtsstaat gehört, nämlich so, dass es wirklich durchschlagend Wirkung zeigt: Erst kommt die Gewalt, dann die Wertedebatte, die dann gar nicht mehr anders als passend ausfallen kann. Zuerst setzt der Gewaltmonopolist seine sicherheitspolitischen Fakten: baut einen Zaun, erteilt Auflagen für Demonstrationen, schafft No-go-Areas für Protestierer, geht im Vorfeld gegen potentielle Störer vor, und zwar gleich mit dem dicken Prügel des Terrorismus-Verdachts, mobilisiert Tausende von Polizisten mit paramilitärischer Ausrüstung usw. Mit all dem beschäftigt die Regierung ausgiebig eine freie Öffentlichkeit, die die Sicherheitsproblematik äußerst interessant findet, viel interessanter jedenfalls als die großen Weltprobleme der G8-Gegner und auch als die Agenda des Gipfels selber. Intensiv wird problematisiert, ob die Schutzvorkehrungen zu weit gehen oder zu wünschen übrig lassen, was sie kosten und wen sie stören, ob man damit einer „gewaltbereiten Minderheit“ Herr wird und wie böse die wirklich ist. So wird der Protest komplett unter das Überwachungsproblem subsumiert, das die bundesdeutsche Staatssicherheit damit hat. Das ist die solide Prämisse für die „geistige Auseinandersetzung“, die sich dann zwischen der Staatsgewalt in allen ihren Abteilungen, insbesondere in Gestalt der „4. Gewalt“, und der Protestbewegung entfaltet. Die kreist um genau ein Thema: Wie halten die Gipfelgegner es mit der Gewalt? Sind sie brav und friedlich? Dann geht ihr Protest in Ordnung; und nicht nur das: Dass er friedlich und ordentlich vonstatten geht, ist auch schon die ganze Botschaft, die überhaupt Beachtung findet – was in gewisser Hinsicht auch gar nicht ungerecht, sondern im Sinn der Veranstalter ist. Denn in ihrem Bemühen, die Berechtigung ihres Protests zu beweisen, steigen die selber ihrerseits auf die Vorgaben der Staatsmacht ein und debattieren heftig mit über das Problem berechtigter und unberechtigter Schranken der Demonstrationsfreiheit. Sie alle beteuern ihren guten Willen zur Gewaltfreiheit, diskutieren engagiert über „den Gewaltbegriff“, den eigenen wie den der Staatsmacht, und fordern von der Polizei glaubwürdige „Deeskalations-Strategien“. Auch Radikale, die Forderungen an die Regierenden für verkehrt halten, ereifern sich über räumliche Einschränkungen, die es unmöglich machen, dass die Gipfelteilnehmer von den Protesten etwas mitbekommen; alte Gerichtsurteile zu Sitzblockaden werden hervorgezerrt, um im Vorfeld eventuelle Behinderungen des freien Journalistenverkehrs zu und von der Tagungsstätte zu legitimieren; und so weiter. Hält sich dann der Protest im Rahmen des Erlaubten, so ehrt das natürlich nicht nur die Demonstranten, von denen man damit auch schon alles weiß, was man von ihnen zu wissen hat; ein solcher Ablauf adelt auch und vor allem die Staatsmacht, die in dem Fall wieder mal ganz prima das Gleichgewicht getroffen hat zwischen Sicherheit für die G8 und Freiheit fürs Demonstrieren. Sie hätte damit einmal mehr bewiesen, wie gut eine demokratische Herrschaft sich mit Kritik verträgt und wie wenig sie schon allein deswegen welche verdient.

Finden die Sicherheitskräfte umgekehrt ei­nen Anlass, mit Gewalt gegen unerlaubte Formen des Protests vorzugehen, dann wird wieder einmal manche staatliche „Überreak­tion“ zu beklagen sein und stellt ebenfalls ein gutes Zeugnis für die Staatsmacht als solche aus, sofern ihr damit bescheinigt wird, dass ein brutales Vorgehen bei ihr nie und nimmer wirklich im Programm sein kann. Und weil es sich bei der rechtsstaatlichen außerdem um eine fürsorgliche Gewalt handelt, lässt sie ihre Uniformierten, denen eventuell mal der Knüppel ausgerutscht ist, nicht im Stich, sondern nimmt sie gegen „übertriebene Vorwürfe“ tapfer in Schutz. Welche Botschaft auf der anderen Seite in einem solchen Fall von dem niedergemachten Protest ausgeht, ist erst recht klar: Er ist im Unrecht. Und zwar erstens egal, was er gewollt hat; zweitens gar nicht egal, denn dann kann auch sein Inhalt unmöglich legitim gewesen sein.

So macht der Rechtsstaat den G8-Kritikern vor, wie Delegitimierung wirklich funktioniert – und wie perfide eine Demokratie sich unliebsamer, auf öffentliche Wahrnehmung und Aktion drängender Kritik zu entledigen weiß. Praktisch und theoretisch wird Protest unter die Gretchenfrage subsumiert, wie er es mit der Gewalt hält, und damit ist schon alles erledigt. Denn entweder beweist er mit seiner Polizeiwidrigkeit, dass er insgesamt und folglich auch sein Inhalt unzulässig ist; oder sein Inhalt geht auf in dem geglückten Beweis, dass er der Obrigkeit den Respekt nicht kündigt. Das Letztere wird der Mehrheit der Protestbewegung im Endeffekt gerade recht sein.

Lesetipp:

Dies ist die Radiofassung des Artikels
„Zu den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm:
Radikale Anklagen, bescheidene Alternativen, verwegene Anträge:
Antiimperialismus heute
– und wie der Rechtsstaat damit umspringt“
Die Originalfassung erscheint in GegenStandpunkt 2‑07:
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/07/2/g8kritik_id.htm

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