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Zurück zur Übersicht :: Druckversion "Jobmotor", "Jobwunder" Zeitarbeit: Ein grosser Schritt weiter in der Oekonomisierung des Personals GegenStandpunkt – Kein
Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 13. Juni 2007
„Jobmotor“,
„Jobwunder“ Zeitarbeit:
Ein
großer Schritt weiter in der Ökonomisierung des Personals
Die Zeitarbeit, früher einmal als eher
minderwertiges Beschäftigungsverhältnis geächtet, soll für den „Aufschwung am Arbeitsmarkt“
gesorgt haben. An diesem „Jobwunder“ ist nichts wundersam. Unternehmen wollen
Arbeit zu rentablen Preisen immer exakt in der Menge abrufen, nach der sie
aktuell Bedarf haben – und mit dem Ausleihen von Arbeitskräften treiben
sie diesen Zweck voran. Schon immer kannten Unternehmen Methoden, ihre
Belegschaften auf das Minimum zu reduzieren, mit dem sich die nach Zeit und
Menge unterschiedlich anfallenden Arbeiten verrichten lassen, und nun haben sie
ein zusätzliches Verfahren, das sie durchgreifend von den Kosten entlastet,
die ihnen aus der Bereithaltung von Personal erwachsen: Sie trennen die Benutzung
eines bestimmen Teil des Personals einfach von allem finanziellen Aufwand
ab, mit dem sie bislang dauernde Verfügbarkeit sicherstellten. Um
garantiert nur die Arbeit zu zahlen, die sie verrichten lassen, leihen
sich die Unternehmer ihr Personal befristet aus. Damit entfallen
Rücksichtnahmen auf ihre Festangestellten: Wenn sie bei gutem Geschäftsgang
Leute fest einstellen, dann können sie diese so schnell nicht wieder los
werden, wenn sie sie nicht mehr rentierlich benutzen können. Da setzen Firmen
wie Randstad an – Geschäftsführer Gatzke: „Mittelständische Betriebe, aber auch große
Konzerne ergänzen ihren Stamm an fest angestellten Mitarbeitern um einen
flexiblen Pool an Zeitarbeitskräften zur Deckung zusätzlichen Bedarfs bei Auftragsspitzen
und Projekten.“
FAZ, 8.1.) Vorher mussten sie sich den kostspieligen Luxus
leisten, Leute allein für die Bereitschaft zu bezahlen, im Personal eventuell
auftretende Besetzungslücken zu schließen – logisch, dass der Wegfall dieses
Aufwands fürs Kapital ein einziger Auftakt dazu ist, Beschäftigung zu schaffen:
„‚Der größte Vorteil ist, Leute kurzfristig und auch für kurze Zeit zu
bekommen‘, sagt [ein Personalchef namens] Schlachta, ‚ob für
Urlaubsvertretungen, an Feiertagen oder für krankheitsbedingte Ausfälle, bei
denen kurzfristig Personalersatz zur Stelle sein muss.“ (SZ, 16./17.12.).
So ist aus einer Methode zur Senkung der Arbeitskosten ein „Jobmotor“ geworden.
Arbeiter ausleihen und nach Gebrauch zurückgeben – ein riesiger
Befreiungsschlag für den kapitalistischen Zugriff auf Arbeitskraft – und dazu
noch ein Geschäftszweig eigener Art. Die Zeitarbeitsfirmen halten die
lebendige Arbeit auf Lager, ökonomisieren also Kosten auf dieselbe Weise, wie
das moderne Fabriken mit ihren Maschinen, Rohstoffen etc. schon länger tun.
Dieser Service ist die Grundlage ihres Geschäfts, denn diese Leistung lassen
sie sich honorieren, so dass sich das Verleihen von Arbeitskräften auch für
sie lohnt. Sie gründen einen „Mitarbeiterpool auf Abruf“, indem sie
Leute ohne Arbeit fest bei sich anstellen. Die Verträge werden „über die
Sozialversicherungen abgesichert“, laufen entweder befristet auf die Dauer
der jeweiligen Entleihung oder über sie hinaus. In letzterem Fall und immer
dann, wenn die Angestellten gerade nicht nachgefragt werden, werden dieselben
Techniken der ‚Flexibilisierung’ auf sie angewendet, zu deren Perfektionierung
sie anderswo zur Verfügung stehen: „Arbeitszeitkonten“, deren Auffüllung
sich mal mit 10 oder 20, mal mit 60 wöchentlichen Arbeitsstunden gestaltet,
Überstunden, für die man sich mit verleihfreien Zeiten abspeisen lassen muss
usw. Der Lohn, den sie erhalten, wird im Subtraktionsverfahren ermittelt: In
den Preis, den die entleihenden Kapitalisten für die geleistete Arbeitszeit an
die Verleihfirma zu zahlen haben, kalkuliert letztere ihre Betriebskosten und
ihren Profit mit ein, was übrig bleibt, ergibt die kalkulatorische Lohnsumme,
die an ihre Angestellten – und an die Sozialkassen – geht. Es gibt schon mal
Ingenieure und andere „hoch spezialisierte Kräfte“, deren Dienste sich
manche Firmen sogar eine überdurchschnittliche Bezahlung kosten lassen, aber
ansonsten ist es überhaupt kein Gerücht, dass in dieser Branche eine Bande von
Blutsaugern am Werk ist, die überwiegend Hungerlöhne zahlen: „Ein Zeitarbeitnehmer, der zuvor als
stellvertretender Lagerarbeiter (...) 1.498,76 Euro netto verdient hat, erhält
bei Randstad 765,95 Euro für angeblich hoch qualifizierte Tätigkeiten.“ (Sozialreport Zeitarbeit,
IG-Metall, 15.3.) „Bei Daimler-Chrysler (erhielten) einige bisher befristet
Beschäftigte nun als Leiharbeiter für die gleiche Arbeit 20 Prozent weniger
Geld.“ (MAZ, 17.5.) Aber das ist ja auch nicht weiter erstaunlich,
denn zur Bereitstellung von Arbeitskräften der Verleihfirmen für ihre Kunden
ist die Billigkeit des Preises , zu dem ihnen ihr menschliches Geschäftsmittel
zur Verfügung steht, doch der Witz. In ihrer übergroßen Masse sind das Arbeiter
und Angestellte, die die Unternehmen in den letzten Jahren für nicht mehr
brauchbar befunden und hinaussortiert haben. Sie durften seitdem eine Karriere
als sozialpolitische Betreuungsfälle durchlaufen, wobei sie nicht nur praktisch
darüber belehrt wurden, dass im Sozialstaat ein Lebensunterhalt ohne
„Beschäftigung“ nicht im Programm ist: Der Staat hat dafür Sorge getragen, dass
„Beschäftigung“ – zu welchem Preis auch immer – für sie auch zum praktizierten
(Überlebens‑)Zweck wird. Für seine ihm auf der Tasche liegenden,
kapitalistisch nicht gebrauchten Massen hat er Wege eröffnet, sich doch irgendwie
brauchbar zu machen. Im Zuge dessen hat der Staat die Zeitarbeit, die er
über Jahre nur als rechtlich beschränkten und zu beschränkenden Ausnahmefall
vom arbeitsvertragsrechtlichen Regelfall tolerierte, als seinen Hebel
fürs „Schaffen von Beschäftigung“ entdeckt. Erst „vermitteln statt
verwalten“, dann „vermarkten statt vermitteln“, heißt die neue
Devise für den sozialpolitischen Umgang mit Arbeitslosen. Für die wird Leih-
und Zeitarbeit als „zumutbare Arbeit“ definiert, die einer anzunehmen
hat, will er nicht sein Recht auf Unterstützungszahlungen verwirken. Und damit
die Zumutung auch stattfinden kann, schuf man den passenden rechtlichen Rahmen:
Private Agenturen dürfen sich der „Kostgänger“ des Sozialstaats annehmen; sie
können ab sofort Arbeitskräfte ziemlich unbefristet verleihen; nachfragende
Firmen können Personal auch befristet einstellen, sooft sie wollen; die
Anstellung bei der Zeitarbeitsfirma darf auch „synchron“ gestaltet
werden, d. h. exakt so lange dauern, wie der Entleihbetrieb die
Arbeitskraft braucht – und prompt regnet es die Chancen auf den ‚Arbeitsmarkt’
nur so herunter: „Damit eröffnen sich auf dem Zeitarbeitsmarkt im
Gegensatz zum regulären Arbeitsmarkt auch noch Chancen für gering oder gar
nicht qualifizierte Kräfte.“ (SZ, 16/17.12) Wo sich bei der „Schaffung von
Arbeitsplätzen“ auf einen Schlag so viel tut, kann und will der DGB
bei dieser neuen Errungenschaft natürlich nicht abseits stehen. Wenn das, was
er mal als Sklaverei gebrandmarkt hat, zur kapitalistischen „Realität“
wird, fehlt der nur noch eines: Eine Gewerkschaft, die diese „Entwicklung“
verantwortungsvoll mitgestaltet. Also schließt der Dachverband der
deutschen Gewerkschaften in Gestalt der Chefs seiner Mitgliedsverbände mit dem
Arbeitgeberverband der Zeitarbeitsfirmen einen Tarifvertrag ab, der den „besonderen
Bedingungen“ der Zeitarbeit Rechnung trägt – in der Hauptsache besteht die
Besonderheit dieser Bedingungen in Stundenlöhnen, die deutlich – im Osten der
Republik natürlich noch deutlicher – unterhalb des geltenden tariflichen
Niveaus liegen. Und kaum hat darüber auch diese Branche ihren Tarifstandard
erhalten, fangen die Einzelgewerkschaften an, entschlossen gegen die
Zeitarbeit zu kämpfen: „Zeitarbeit untergräbt Tarifstandards“, lässt die
IG-Metall vorwurfsvoll wissen, findet es „skandalös“, „dass in den
Betrieben gleiche Arbeit nicht gleich bezahlt wird“ – als ob beides nicht
gerade der Sinn und Zweck dieser Methode des Stiftens von „Beschäftigung“
wäre! Zum Klassenkampf wird aufgerufen, nämlich zum „entschlossenen Kampf
gegen die zunehmend um sich greifende Zweiklassengesellschaft in den Betrieben“
– als hätte man dieser „Spaltung der Belegschaften“ in Stammpersonal und
anderes Personal nicht gerade seinen allerhöchsten tarifrechtlichen Segen
erteilt! Der Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Peters,
entdeckt noch ein Kampffeld: Da vereinbaren doch glatt christliche Gewerkschaften
Löhne, die noch niedriger sind als die, die sein eigener Dachverband DGB mit
den Vertretern der Zeitarbeitsbranche ausgemacht hat. Daher verlangt Peters von
der Regierung, sie „solle die Vereinbarung für allgemeinverbindlich
erklären, die die DGB-Gewerkschaften mit dem Bundesverband Zeitarbeit
Personal-Dienstleistungen abgeschlossen haben. Sie sieht einen
Mindest-Stundenlohn von 6,10 € (neue Länder) und 7 € (alte Länder)
vor“ (Tagesspiegel, 15.3) – also noch nicht einmal den vom DGB geforderten
Mindestlohn von 7,50 €. Die Betreuung einer schon so bedeutsamen und „immer
bedeutender werdenden Branche“ in den Händen einer Konkurrenzgewerkschaft:
Das ist für den DGB wie seine Mitgliedsverbände in der Tat das Allerschlimmste,
was dem Leihpersonal der Ausbeutung passieren kann! Kurzfassung
fürs Radio des soeben in GegenStandpunkt 2‑07, S. 65–69, erschienenen
Artikels: „Jobmotor“, „Jobwunder“ Zeitarbeit: Ein großer Schritt weiter in
der Ökonomisierung des Personals Der Sendemitschnitt im Freien
Radio für Stuttgart vom 13.06. kann heruntergeladen werden von: Weiterführende Lektüre: GegenStandpunkt 2‑07 ist ab 15.
Juni 2007 im Buchhandel und beim GegenStandpunkt Verlag erhältlich. | |||