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Zurück zur Übersicht :: Druckversion Katholischer Bischof vs. christdemokratische Familienministerin: "Gebärmaschine"? Nein - selbstbestimmter "Lebensentwurf"! GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 20. Juni
2007
Katholischer Bischof vs. christdemokratische Familienministerin: „Gebärmaschine“? Nein
– selbstbestimmter „Lebensentwurf“! Die Familienministerin
Ursula von der Leyen will die Zahl der Krippenplätze massiv ausbauen – dort
können berufstätige Frauen ihre Kinder ab 6 Monaten bis 3 Jahre abgeben. Das
wird allgemein als ein gelungenes Projekt der Regierung angesehen. Freilich gab
es auch Widerstand. Nicht wenige Christdemokraten wollten nicht so recht
mitziehen, und der Augsburger Bischof Mixa erlangte vorübergehende Berühmtheit
mit seiner scharfen Kritik an der Familienministerin. Diese Kritik wurde von
einer Mehrheit, die sich selbst als „aufgeklärt“ sieht, ebenso scharf
zurückgewiesen und der Bischof von seinen Kollegen zurückgepfiffen. Der
„gesellschaftliche Konsens“ läuft nämlich darauf hinaus: Nur mehr die Mütter
sind vorbildlich, die Arbeit und Kind unter einen Hut kriegen – und dabei steht ihnen Unterstützung zu. Unvoreingenommen betrachtet liegt der Augsburger
Bischof gar nicht so sehr daneben, wenn er gegen die „neue Familienpolitik“ der großen
Koalition einwendet: „Diese Politik ist
vorrangig darauf ausgerichtet, junge Frauen als Arbeitskräftereserve für die
Industrie zu rekrutieren und sie zu Gebärmaschinen zu degradieren.“ Schließlich hat er einen
Fakt auf seiner Seite. Frauen werden – ob aktiv oder in Reserve – als
Arbeitskräfte benötigt und rekrutiert: „Unternehmenschefs
beteuern von morgens bis abends, dass in einigen Jahren auf dem Arbeitsmarkt in
Deutschland nicht mehr genug qualifizierte Arbeitskräfte zu finden sein würden,
wenn der Anteil der Frauen nicht kräftig steige.“ (FAZ, 14.3.2007) Schon jetzt arbeiten 16
Millionen Frauen in Deutschland und stellen damit fast die Hälfte der Erwerbsbevölkerung.
Ein Leitartikler der „Süddeutschen“ hält das für ein probates Mittel gegen Armut:
„Mit der
Berufstätigkeit der Frau lässt sich Armut effektiv bekämpfen. Denn sobald in
einer Familie beide Partner arbeiten, sinken die Armutsquoten drastisch“.
(SZ, 3.4.) Die Auskunft ist also:
Familien sind arm. Frauen – Tendenz steigend – arbeiten, um diese Armut
zu „bekämpfen“ – für die meisten dieser 16 Millionen ein Zwang, denn die
Familien sind auf ein zweites Einkommen angewiesen. Und: Auch diese Art die
Armut zu „bekämpfen“, macht sie nicht weg, der Zwang bleibt also. Werden Frauen bei den Unternehmenschefs
vorstellig, so werden sie zwar zunächst mit offenen Armen empfangen, freilich
müssen sie sich zwei Mängel vorhalten lassen: Erstens fehlt es ihnen an
beruflicher Erfahrung, zweitens sind sie einfach nur aufgrund ihrer
biologischen Beschaffenheit ein Ausfallzeiten-Risiko. Diese „Argumente“ führen
zu einem als äußerst ungerecht beklagten, aber auch äußerst haltbaren
Frauenlohnabschlag. Mit diesem Lohn reihen sich die Frauen in die notorischen
Rationalisierungswellen und Reallohnsenkungen ein, sind von ihnen ganz
gleichberechtigt betroffen, und sie leisten mit ihrem Niedriglohn
gezwungenermaßen einen weiteren Beitrag zum allgemeinen Einkommensschwund. So
sehen sich dann immer weitere Familien zu dieser Sorte „Armutsbekämpfung“
genötigt – Geldmangel und Mehrarbeit treiben einander voran. Diese Notlage ist
die bleibende Grundlage für eine hochgelobte Errungenschaft der
Nachkriegszeit: die„Emanzipation der Frau“ – sie steht ja nun im Beruf ihren
Mann, was ohne eine „Wandlung des traditionellen Frauenbildes“ nicht abgeht.
Eine Folge dieser Errungenschaft ist aber: So zur Emanzipation gedrängte Frauen
überlegen sich dreimal, ob sie Kinder kriegen wollen. Egal, ob sie in
einer Doppelverdiener-Beziehung stecken, die eher mit einem knappen
Familienbudget kalkulieren muss, oder in einer gut situierten – Kinder stellen
einen Widerspruch zur Berufstätigkeit der Frau dar: Für den größeren Teil der
erwerbstätigen Frauen bringen sie Lohnausfall und erschwerte Rückkehr in den Beruf
mit sich, die sie sich nicht leisten können, und für den kleineren Teil der
erwerbstätigen Frauen eine Beeinträchtigung ihres gehobenen Lebensstandards
und/oder ihrer Selbstverwirklichung im Beruf, die sie sich nicht leisten
wollen. Diesen Widerspruch hat
der Staat mit mannigfachen Hilfen wie Kindergeld, Mutterschutz usw. aushaltbar
machen wollen, aber die Geburtenrate sinkt trotzdem konstant. Das ist
dramatisch – für den Staat, der ein allmähliches Absterben seines
original deutschen Volkes befürchtet. Die Familienministerin wurde deswegen
beauftragt, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, auch „unkonventionelle“. Wenn es denn
so ist, dass immer mehr Frauen arbeiten und deswegen keine Kinder gebären, der
Staat aber gleichzeitig von ihnen Kinder haben will, dann muss er Frauen
ermöglichen, Kinder zu bekommen. Den Frauen, die sich das wünschen, genügend
Geld zu geben, um sie vom Arbeitszwang zu befreien, kommt natürlich nicht in
Frage, das würde ja eine Einschränkung ihrer nützlichen Dienste für „die
Wirtschaft“ bedeuten. Vielmehr will er ihnen dabei helfen, die Arbeitsunterbrechung
möglichst kurz zu halten – so können sie sich die „Belastung
durch das Kind“ vielleicht eher leisten. Auf diese Weise anerkennt der Staat
die Vorrangigkeit der Arbeit, denn nur so lässt sich das Auseinandertreten des
Arbeitskräftebedarfs des Kapitals und des Menschenbedarfs des Staates wieder
heilen. Den Zorn des Bischofs
hat das deswegen erregt, weil in seinem Familienbild die Mutter den von Gott erteilten Auftrag erfüllt, „Leben
zu schenken“, und dahinter hat jeder Materialismus zurückzustehen. Mit der
Art, wie der Staat seine biologische Keimzelle fördern will, ist der
Bischof ganz und gar nicht einverstanden, geht doch in seinen Augen der sittliche
Auftrag der Familie darüber zuschanden. Diesen Auftrag erfüllt die Mutter
an vorderster Front: Mit dem Kind ist die Mutter zur Selbstaufgabe aufgefordert,
es ist freudig anzunehmendes Opfer. Nur dieses praktizierte Selbstbewusstsein
der zur Mutter gewordenen Frau garantiert aus katholischer Sicht, dass aus dem
Kind ein guter Mensch wird, denn nur in der naturhaften Verbundenheit
mit der Mutter kann das Kind deren Tugendhaftigkeit erleben, einsaugen und sie
sich als lebenslang wirkendes Vorbild zu Herzen nehmen. Wird das Kind der
Mutter hingegen schon im zarten Alter entfremdet, so erspart sich die
Mutter das Opfer und erliegt schnödem Materialismus – nämlich sich
lieber in die „Arbeitskräftereserve“ einzugliedern, als sich um das Kind zu
sorgen. Die kirchliche Logik sieht zwei Leidtragende: Erstens wird die Mutter
so zur „Gebärmaschine“ erniedrigt, zweitens gerät das Kind unter fremde
Obhut, die das Kind nicht mit der natürlichen mütterlichen Tugendhaftigkeit
versorgt – mit fatalen Folgen für es selbst und die sittliche
Verfasstheit der ganzen Gesellschaft. Mit diesem Familienbild
trifft der Bischof auf den heftigen Widerstand der großen Mehrheit der Frauen,
insbesondere der arbeitenden. Das lassen sie sich nicht sagen: sie würden
dermaßen herzlos mit dem Kind – ob schon vorhanden oder
angedacht – rechnen und umgehen; und erst recht lassen sie sich nicht sagen,
sie würden einer schnöden Berechnung des Staates auf den Leim gehen. Diese
Frauen haben viele Fürsprecher in den Talkshows auf ihrer Seite, insbesondere
aber – wie sie sagen – „wissenschaftliche Erkenntnisse: Da ist die Rede von
einem „beschleunigten Wandel der Gesellschaft“ und dass die „neuesten
wissenschaftlichen Erkenntnisse“ besagen, dass Kleinkinder doch viel besser in
Krippen betreut und entwickelt werden können als früher gedacht. Die
„Fixierung“ auf eine „Bezugsperson“, das weiß man jetzt, ist gar nicht
so gut, besser sind „Offenheit“ und wechselnde „Bezugspersonen“. So hat man eine schöne Sprachregelung gefunden,
den genannten ökonomischen Zwang zum Arbeiten als ein Anliegen des Kindes bzw. als Parteinahme für es auszudrücken. Und
schon kann die Mutter guten Gewissens in die Arbeit gehen, ihr Kind in der
abwechslungsreichen und kreativen „Lernumgebung“ der Krippe abgeben und dann
kriegt sie es mit den „Kompetenzen“ zurück, die es für den „beschleunigten
Wandel“ braucht… Wenn
schließlich die Fürsprecher einer modernen Kinderbetreuung so richtig in Fahrt
kommen, lassen sie sich von dem abschreckend gemeinten Verweis auf die
„indoktrinierende“ Kinderbetreuung in der DDR – den ein Mixa gerne bemüht –
überhaupt nicht beeindrucken, sondern freuen sich darüber, dem Mixa eine „um
sich greifende Verwahrlosung“ in „seinen“ Familien, in denen die Frauen nicht
zur „Bekämpfung der Armut“ beitragen, hinreiben zu können, um also den
moralischen Ruin, den er an die Wand malt, ihm und seinem Familienbild
anzukreiden. Damit ist klar: Die Sittlichkeit der modernen Familie steht außer
Frage, sie ist sogar die bessere. Moderne Frauen haben
sich ein anderes Familienbild ausgedacht, das ihrem Selbstbewusstsein viel mehr
entspricht und ihm Raum verschafft. Deswegen gehen sie auch gerne der
Familienministerin auf den Leim: Die lobt Frauen ausdrücklich dafür,
ihre „Lebensrealität“ in freier Verwirklichung ihres ganz eigenen
„Lebensentwurfes“ selbst geschaffen zu haben – eine dreiste und
berechnende Idealisierung der Zwangsverhältnisse, die der Kapitalismus den
Familien aufhalst. Die verwandelt die Ministerin in lauter Schwierigkeiten,
die lebenstüchtige deutsche Frauen und ihre Familien als „Herausforderungen“
nehmen und ihr „Leben“ so „entwerfen“, dass sie sie bewältigen können.
So kontrastiert das Leyen’sche „Frauenbild“ sehr schön zu dem fast schon
frauenfeindlichen des Bischofs Mixa, weswegen frau ihr unbedingt glauben kann,
dass all ihre Maßnahmen ganz sicher dem Wohle der Frau, ihrer
„Selbstverwirklichung“ dienen. Wenn die Frau dann den „Entschluss zum Kind“
fasst und den Kinderwunsch des Staates verwirklicht, tut sie das bestimmt nicht
als „Gebärmaschine“, sondern weil das nun mal in ihrem „Lebensentwurf“
so vorgesehen ist. So ist beiden Seiten gedient. Für die Radiosendung
gekürzte Fassung des Artikels mit demselben Titel in GegenStandpunkt 2‑07 Zurück zur Übersicht :: Druckversion | |||