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GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 17.10.07, 18 Uhr
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Die Lokfuehrergewerkschaft GDL kaempft (1/2): Ein ganz normaler Lohnkampf - eine Ausnahme in diesem Land!
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für
Stuttgart vom 17. Okt. 2007
Die
Lokführergewerkschaft GDL kämpft um mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen
(Teil 1/2*):
Ein ganz normaler Lohnkampf – eine Ausnahme in diesem Land!
Was dürfen Gewerkschaften fordern, wie ihre
Forderungen vertreten und wie weit mit ihren Streikdrohungen gehen? Wo endet
die Erlaubnis zum Arbeitskampf? Und wie soll überhaupt eine ordentliche Arbeitervertretung
organisiert sein? Sind Einheitsgewerkschaften nach Art der DGB-Gewerkschaften
das Rechte, oder können und sollen konkurrierende Berufsgewerkschaften eine
nützliche Rolle spielen? Grundsatzfragen dieses Kalibers bewegen diesen Sommer
die deutsche Öffentlichkeit. Mit Berufung auf höchste Rechtsgüter und gültige
Sitten in der deutschen Arbeitswelt verbreiten sich Journalisten, Juristen und
Politiker öffentlich darüber, wie eine Interessenvertretung der Lohnabhängigen
generell auszusehen hat, die in die wirtschaftliche, soziale, rechtliche und
politische Landschaft passt. Die maßgebliche Welt sieht sich aufgerufen, die
Maßstäbe zu diskutieren, an denen sich hierzulande die Anliegen der arbeitenden
Menschheit zu orientieren haben, und damit in Erinnerung zu bringen, dass die
Vertretung von Arbeiterinteressen grundsätzlich eine Sache der Genehmigung ist,
über die vom Standpunkt des großen Ganzen und keinesfalls vom parteilichen
Standpunkt der Betroffenen aus entschieden wird.
Was ist geschehen? Eigentlich nichts Besonderes: Eine kleine
Gewerkschaft, die ‚Gewerkschaft der Lokführer’ (GDL), Vertretung des
Fahrpersonals bei der Bahn, stellt Forderungen nach mehr Lohn und besseren
Arbeitsbedingungen und macht Anstalten, die auch durchzusetzen. Damit ruft sie
alle ehrenwerten Instanzen der Nation auf den Plan. Der Lohnkampf der GDL
gerät zu einem Lehrstück: über die Anspruchshaltung,
mit der hierzulande dem Ansinnen von Arbeitnehmern, ihre Einkommenslage und die
Leistungsanforderungen zu ihren Gunsten zu korrigieren, begegnet wird; über die
Mittel, mit denen dies Ansinnen bekämpft wird; also darüber, wie
unverträglich diese Anliegen der Beschäftigten mit den hierzulande gültigen
Interessen sind.
Ein ganz normaler Lohnkampf – eine Ausnahme in diesem Land!
Der Hauptvorstand der GDL zieht Bilanz und beschließt, dass
es reicht:
„Das Fahrpersonal hat
seinen Beitrag zur Sanierung der Bahn bereits übererfüllt ... Während die DB
das Betriebsergebnis seit der Bahnprivatisierung 1994 um 5 Mrd. erhöht hat und
die Produktivität des Fahrpersonals um rund 200 % gestiegen ist, hat das
Fahrpersonal einen Reallohnverlust von 9,5 % erlitten ... Die Lohnkurve
muss stringent nach oben gehen.“ (der GDL-Vorsitzende Schell,
GDL-Infodienst, 23.5.)
Die gewerkschaftliche Vertretung des Fahrpersonals stellt
sich auf den Standpunkt, dass nach Jahren von Lohnverzicht und
Leistungssteigerungen das Lohninteresse der Beschäftigten wieder zu seinem
Recht kommen muss. Die Leute brauchen mehr Geld und weniger Arbeitsbelastung,
und die GDL will sich dafür einsetzen, dass sie beides bekommen. Ihr
Forderungspaket zielt auf Kompensation der Schäden, die das
Bahnunternehmen dem Fahrpersonal im Gefolge der Bahnsanierung aufgehalst hat:
Durch eine kräftige Erhöhung der Grundgehälter sollen Reallohnsenkungen
rückgängig gemacht werden; die gewachsene Belastung im Schichtdienst soll reduziert
werden, die Arbeitszeit insgesamt erträglicher geregelt werden.
Ein ganz normaler gewerkschaftlicher Forderungskatalog also.
Dafür sind Gewerkschaften schließlich da. Wegen der Freiheit des Unternehmens,
mit der Einrichtung der Arbeitsplätze auch die Arbeitsanforderungen zu seinen
Gunsten zu gestalten, wegen der alltäglich stattfindenden Erpressung zu mehr
Leistung für weniger Lohn müssen Arbeitervertretungen periodisch antreten, um
die auf Basis der geltenden Tarifverträge stattfindenden Verschlechterungen für
ihre Mitglieder soweit wie möglich wieder rückgängig zu machen. Die ganzen
schönen Vertragswerke, die Gewerkschaften mit den Kapitalisten aushandeln,
stellen in dieser Hinsicht gar nichts sicher; ohne periodische Kampfansage kommt
nicht einmal das Anliegen zur Geltung, sich in Sachen Lebensunterhalt und
Arbeitsumständen nicht laufend schlechter zu stellen. Auch was die Argumente
angeht, mit denen die GDL ihre Forderungen begründet, folgt sie ganz der
gewerkschaftlichen Logik eines den Arbeitenden zustehenden, gerechten Lohns.
Sie verweist auf die Betroffenheit ihrer Mitglieder durch die
Sanierungskünste der Bahn; auf die besonderen Belastungen, die das
Fahrpersonal auszuhalten hat; auf die Verantwortung, die insbesondere
die Lokführer tragen; auf die Leistungen, die ihre Mitglieder für den
Erfolg der anderen Seite erbracht haben; und darauf, dass nun, da dieser Erfolg
sich in Gestalt einer enormer Gewinnsteigerung eingestellt hat, das
Unternehmen die Lohnerhöhung problemlos verkraften kann. Sie führt also lauter
Rechtfertigungsgründe an, die in der Sache den eigenen Ausgangspunkt, das
Interesse, die Geldnot ihrer Mitglieder und die gestiegenen Arbeitsanforderungen
abzumildern, relativieren. Denn dieser Bedarf ergibt sich ja daraus, dass sie
vom Lohn leben und sich ihre Arbeitskraft und Lebenszeit einteilen
müssen; und diese Notwendigkeiten – vom Bedürfnis nach frei zu gestaltender
‚Lebensqualität’ ganz zu schweigen – werden nicht mit einer besseren oder
schlechteren Geschäftslage des Bahnunternehmens mehr oder weniger dringlich;
und eigentlich, sollte man meinen, müssen sie nicht erst noch durch Hinweis auf
die besonderen Dienste, die die Belegschaft ihren Anwendern leistet, als
gerechtfertigt nachgewiesen werden. Aber Gewerkschaften, die das
Vertragsverhältnis zwischen der Arbeitermannschaft und ihren Anwendern
korrigieren, d. h. unter wieder verbesserten Bedingungen erneuern
wollen, argumentieren genau so – so nämlich, dass sie selber diese
Lebensnotwendigkeiten nur in dem Maße gelten lassen wollen, wie sich die
Beschäftigten deren Berücksichtigung durch die Gegenseite nach den Grundsätzen
von Leistung und Gegenleistung verdient haben. So auch die GDL.
Nicht zu übersehen ist allerdings, dass diese Gewerkschaft
es mit den so begründeten Anrechten der Beschäftigten ernst meint und deren
Anerkennung nötigenfalls auch erzwingen will. Damit stellt sie in der
bundesdeutschen Gewerkschaftslandschaft eine Ausnahme dar. Denn die
Arbeitervertretungen hierzulande pflegen gemeinhin solche öffentlichen Verweise
auf die Berechtigung ihrer Tarifforderungen mit einem ‚eigentlich’ zu
versehen. Sie verkünden, was ihren Mitgliedern eigentlich zustehen würde, nur
um gleichzeitig mehr oder weniger offen zu signalisieren, dass sie
selbstverständlich ein Einsehen haben, wenn die Unternehmer diese Forderungen
mit Verweis auf ihre Konkurrenzerfordernisse für unerfüllbar erklären
und die Sachnotwendigkeiten ihrer Rechnung mit niedrigen Lohnkosten ins
Feld führen. Sie richten ihre Forderungen schon im Vorhinein an diesen Einwänden
aus und verstehen sie als Verhandlungsmasse, von der sie Abstand zu
nehmen gewillt sind. Nicht so die GDL. Die verkündet ernstlich ein Ende der
Bescheidenheit der letzten Jahre und lässt auch keine Zweifel daran, dass sie
mit Widerstand der Gegenseite rechnet, dem aber nicht nachzugeben bereit ist.
Deshalb hat sie schon bei der Planung ihrer Tarifauseinandersetzung einen Streik
ins Auge gefasst. Dazu sieht sie sich durch das mangelnde Entgegenkommen der
Bahn vollauf berechtigt. Sie sieht die Sache nämlich so, dass nicht sie
die Störung des „Arbeitsfriedens“ zu verantworten hat; es ist die Bahn,
die ihr keine andere Wahl lässt, weil sie den von ihr Vertretenen die ihnen
zustehenden Verbesserungen verweigert: „Sollte der Arbeitgeber seine
Verweigerungshaltung beibehalten, dann provoziert er weitere Arbeitskämpfe. Für
diesen Fall sprachen sich Hauptvorstand und Tarifkommission dafür aus, die
Urabstimmung einzuleiten.“ (GDL-Info-Dienst, 16.7.) Dabei ist sich die GDL
der durchschlagenden Wirkung einer Arbeitsverweigerung ihrer Mitglieder bewusst
– die Dienste, die ihre Mitglieder der Bahn AG erbringen, sind für den Fahrbetrieb
insgesamt entscheidend, vor allem die Lokführer sind schwer ersetzbar, nicht
zuletzt dank der kostensenkenden „Ausdünnung“ des Personals der Bahn in den
letzten Jahren; sie ist sich zudem – nicht minder wichtig – sicher, dass
ihre Leute das auch wollen:
„Die Streikbereitschaft ist hoch, die Kollegen haben die
Schnauze voll. Und wir können mit ein paar Dutzend Kollegen alle Knotenbahnhöfe
wie München oder Frankfurt stilllegen.“ (GDL-Sprecher Maik Brandenburger,
TZ, 30.6.)
Und sie ist bereit, dies im Ernstfall auch zu tun und
den Bahnbetrieb nachhaltig zu stören: „Wir würden auch lieber den Bahnchef
im schicken Berliner Bahntower bestreiken. Das hätte aber nicht die gewünschte
Wirkung.“ (Schell in der Bild-Zeitung 10.7.) Auch damit steht sie im
Gegensatz zu der gewohnten Praxis deutscher Gewerkschaften, mit mehr
symbolischen, wenig durchschlagenden Streikaktionen ausgerechnet bei der
Arbeitsverweigerung die Verantwortung der Gewerkschaft und ihre
Rücksichtnahme auf das Betriebswohl zu demonstrieren.
Mit ihrem entschieden gewerkschaftlichen Standpunkt fällt
die GDL also gehörig aus dem Rahmen – und bekommt es gleich mit zwei Gegnern zu
tun: dem Unternehmen und den konkurrierenden Bahngewerkschaften.
Die Antwort der Bahn AG
Die Bahn AG weist die Forderungen der GDL unmissverständlich
zurück. Die verlangte Kompensation kommt nicht in Frage. Mit seinen
Rationalisierungsmaßnahmen verfolgt das Unternehmen schließlich den Zweck, den
Gewinn durch Senkung der Lohnkosten zu steigern, und das mit der Perspektive, die
Bahn AG erfolgreich an die Börse zu bringen. Dabei rechnet der Bahnchef wie
alle Kapitalisten mit Tarifrunden nur in einem Sinne: Sie sind im Prinzip
lästig, bestenfalls die Gelegenheit, das Ergebnis erfolgreicher
Lohnkostensenkungen möglichst weitgehend von den Gewerkschaften unterschreiben
und absegnen zu lassen; sonst haben sie ihren Zweck verfehlt. In dieser
Hinsicht sind die Arbeitgeber inzwischen mehr als anspruchsvoll, weil gewohnt,
dass ihre diesbezüglichen Erwartungen beim gewerkschaftlichen Fordern
berücksichtigt und als unverrückbare Vorgaben aller Verhandlungen respektiert
werden. Tarifrunden geraten sogar zu Veranstaltungen, bei denen weniger um Gewerkschaftsforderungen
nach einer gewissen Kompensation für die laufenden Verschlechterungen der Lohn-
und Leistungsgegebenheiten gestritten wird als darum, dass die Unternehmerseite
die Arbeitervertretung mit ihrem immer noch viel zu wenig bedienten
Anspruch konfrontiert, bisherige Lohn- und Leistungsbedingungen zu Lasten der
Belegschaft zu korrigieren. Insofern stellt das Ansinnen der GDL, für ihre
Mitglieder tatsächlich eine Korrektur in die andere Richtung durchzusetzen, für
den Bahnchef eine einzige Ungeheuerlichkeit dar: „Irrwitzig“ findet er
das, rechnet die Forderungen bezüglich Arbeitszeit und Geld als Kosten
zusammen, die der Bahn erwachsen würden – und seitdem weiß alle Welt, dass die
GDL die Wahnsinnssumme von mehr als 31 % Lohnerhöhung haben will. Das
sieht doch jeder unmittelbar, dass eine solche Forderung völlig aus der
Welt ist; dass sie an den „Realitäten“ vorbei geht und die guten Sitten
verletzt, die in Lohnfragen zu gelten haben. An welchen „Realitäten“
Löhne und Arbeitszeiten der Beschäftigten Maß zu nehmen haben, verschweigt der
Bahnchef nicht. Mit ihren völlig überzogenen Ansprüchen gefährdet die GDL das
zentrale Projekt ihres Arbeitgebers, den anstehenden Börsengang der Bahn. Als
Vorwurf an die GDL ist diese Zurückweisung einerseits etwas absurd: Schließlich
beruft sich Mehdorn nur auf das erfolgreich in Anschlag gebrachte Interesse der
Bahn an gewinnsteigernden Lohnkostensenkungen, gegen das die GDL gerade
antritt. So sieht er die Sache aber nicht; vielmehr so, dass jede
gewerkschaftliche Lohnforderung maßlos und ungehörig ist, die sich nicht von
vornherein am Programm der Gegenseite orientiert, den Lohn als Kost
in den Dienst des Kapitalwachstums zu stellen und sich damit für das
Bereicherungsinteresse finanzkräftiger Kapitalanleger attraktiv zu machen. Er
hält es gar nicht für nötig, das Gewinninteresse der Bahn als Interesse
ins Feld zu führen, das mit den gegenläufigen Lebensinteressen der Arbeiter abzugleichen
wäre. Für ihn versteht es sich von selbst, dass die Frage, was der Lohn für die
Leute, die für ihn arbeiten müssen, zum Leben taugt, bei der
Auseinandersetzung darum, was Arbeitern zusteht, einfach nichts verloren hat;
dass beim Befinden über dessen Höhe allein die Gesichtspunkte gewinnbringender
Anwendung der Arbeitskräfte zählen. Das ist in der Tat der hierzulande
gültige Konsens in Lohnfragen.
Gewerkschaftliche Schützenhilfe für die Bahn AG: Der Tarifabschluss der
Bahngewerkschaften Transnet/GDBA
Dass Mehdorn sich auf das Unternehmensinteresse an
geschäftsförderlichen Lohnabschlüssen wie ein Gewohnheitsrecht berufen kann,
ist nicht zuletzt das Verdienst der Gewerkschaften, die der Bahnchef als
maßgeblichen Tarifpartner im eigenen Haus hat – der Transnet, in Tarifeinheit
verbunden mit der ursprünglich als Vertretung der Bahnbeamten gegründeten GDBA.
Seit dem Beginn der Bahnprivatisierung sehen die ihre gewerkschaftliche Aufgabe
darin, den Ausbau der Bahn zu einem weltweiten Logistikkonzern zu unterstützen.
Im Oktober vorigen Jahres bietet Transnet der Bundesregierung offiziell an,
auch zum geplanten Börsengang das Ihre beitragen zu wollen und „beratend die
inhaltliche Ausgestaltung des Privatisierungsgesetzes zu begleiten“ (Papier
von Transnet/GDBA zur Bahnprivatisierung) – selbstverständlich im Namen der
Sicherung deutscher Arbeitsplätze. Was sie dafür für erforderlich hält, gibt
sie in diesem Zusammenhang gleich mit zu Protokoll, nämlich Rücksichtslosigkeit
gegen ihre eigenen Tariferrungenschaften von gestern; schließlich ist, so die
Gewerkschaft unisono mit der Gegenseite, „die wirtschaftliche Stabilität der
DB AG und deren Wettbewerbschancen in Deutschland, Europa und weltweit für die
Arbeitsplatzsicherung genau so relevant wie die Sicherung bestehender
Tarifverträge.“ (ebd.)
In diesem Geiste führt die Tarifgemeinschaft
Transnet/GDBA auch die diesjährigen Verhandlungen. Die Bahnprivatisierung will
sie nicht durch unmäßige Lohnforderungen gefährden; zugleich verlangt das
gewerkschaftliche Selbstverständnis nach einem Abschluss, der sich vor der
„Basis“ vertreten lässt. Beide Anliegen lassen sich leicht unter einen Hut
bringen – zumal der Bahn-Vorstand mit- und die Basis brav ihre Rolle spielt:
Transnet meldet eine Lohnforderung von 7 % an; der Bahn-Vorstand weist das
als völlig untragbar zurück und legt ein Gegenangebot von 2 % vor.
Transnet inszeniert ein paar Warnstreiks – die Basis will schließlich auch bedient
sein.
Die Bahn AG ist schwer beeindruckt und legt ein neues Angebot vor. Die
Warnstreiks werden abgebrochen. Am Ende einigt man sich irgendwo in der Mitte.
Die Kapitalseite tut der Gewerkschaft den Gefallen und betont, wie schwer sie
die 4,5 % angekommen seien: „Mehdorn sprach von einem Abschluss,
der wehtue. Es handele sich um einen ‚der höchsten Abschlüsse, die in
Deutschland in diesem Jahr gemacht worden sind...’ Die Bahn habe dem
Tarifkompromiss ‚mit großen Bedenken zugestimmt`“ (FTD.de) Das beweist
nicht nur schlagend, dass 4,5 % ab dem 1.1.08 plus 600 Euro Einmalzahlung
ein prima Ergebnis sind; es belegt auch, wie wichtig die Gewerkschaft
ist, wenn es darum geht, die Interessen des Bahnpersonals mit denen ihres
Arbeitgebers zu versöhnen:
„Hansen (der Transnet-Chef) sprach von einem
Ergebnis, das sich auch vergleichen lässt mit dem hervorragenden Ergebnis der
Deutschen Bahn AG im vergangenen Wirtschaftsjahr … Das Ergebnis werde dazu
beitragen, das Vertrauen der Belegschaft in die Unternehmensführung und ihre
Strategie zu stärken.“ (FDT.de)
Deutlicher kann man es eigentlich nicht sagen. Die
Gewerkschaft verpflichtet die von ihr Vertretenen darauf, dass sie mit dem Erfolg
des Unternehmens in der Konkurrenz am besten bedient sind, dass sich also
die Massenentlassungen, Lohnsenkungen und neuen Arbeitsbelastungen, die die
Bahnbeschäftigten im Zuge der Privatisierung haben über sich ergehen lassen, für
sie lohnen, weil sie sich für das Unternehmen lohnen. Und sie misst den
Erfolg ihrer Tarifpolitik daran, dass sie ihrer Klientel beides glaubwürdig
beibringt: Dass an den Härten, die die Bahn AG ihnen im Zuge ihrer
Privatisierung zumutet, kein Weg vorbeiführt; und dass sie im Rahmen der
großen Herausforderungen, die auf die Bahn im Zuge des Börsengangs
zukommen, alles ihr Mögliche getan hat, um auch für die Belegschaft
etwas herauszuholen. So werden sich Bahn und Transnet handelseinig. Die Bahn
zahlt ein paar Prozente; die Gewerkschaft garantiert ihr preisgünstig den
Tariffrieden, den sie benötigt, um ihr kapitalistisches Erfolgswerk ungestört
fortzusetzen – und die freie Presse bestätigt die Lüge, wie ausnehmend gut die Arbeiterschaft
diesmal bedient worden sei, würdigt zugleich durchaus ehrlich den Abschluss
als gelungenen Beitrag der Tarifpartner zum Fortgang des Bahngeschäfts,
und benennt den gemeinsamen Störenfried, gegen den das Tarifergebnis
diesmal gerichtet ist – die GDL:
„Bahnchef Mehdorn hat einen
machtpolitischen Erfolg errungen. Mit einem Lohnzuschlag von 4,5 % ist er
den Bahngewerkschaften Transnet und GDBA zwar weit entgegengekommen – es ist
der höchste Tarifabschluss in der jüngeren Geschichte der Bahn. Zugleich bremst
der Abschluss die Lokführergewerkschaft GDL aus … Mehdorn zahlt viel, aber er
kauft sich dafür wahrscheinlich sozialen Frieden beim größten deutschen
Unternehmen... Der Abschluss liegt insgesamt deutlich näher an den
Vorstellungen der Gewerkschaft als am Einstiegsangebot der Bahn. Ein bisschen
politische Berechnung dürfte in diesem Ergebnis auch stecken. Die Gewerkschaft Transnet
hat Konzernchef Mehdorn schließlich gegen viele Widerstände darin unterstützt,
die Bahn inklusive des Schienennetzes an die Börse zu bringen.“ (FDT,
10.7.)
Für diese sozialfriedliche Kooperation zwischen ‚Kapital und
Arbeit’ stellt allerdings die GDL eine ernst zu nehmende Bedrohung dar, nicht
nur, was die Bahn AG, sondern auch, was die Transnet/GDBA angeht.
Die GDL – ein einziger Angriff auf die Vertretungshoheit der Transnet
Die GDL macht keinen Hehl daraus, dass sie von der
tarifpolitischen Linie der Transnet nichts hält; insbesondere nicht von der Art
und Weise, wie sich Transnet der Bahn AG als unterstützende Kraft bei deren
Börsengang andient. Die Lohnforderungen der Transnet für diese Tarifrunde hält
sie für lachhaft und skandalös; für ihre Klientel ist das auf alle Fälle zu
wenig; also beschließt sie, eigene Forderungen aufzustellen und aus eigener
Kraft durchzusetzen. Nach wachsenden Unstimmigkeiten tritt die GDL im Mai 2006
aus der Tarifgemeinschaft mit der Transnet aus, führt nun ihre
Auseinandersetzung um Lohn und Arbeitsbedingungen mit dem Kapital selbstständig
und stellt dann auch „klar, dass die GDL den zwischen dem DB-Vorstand und
den beiden anderen Bahngewerkschaften erzielten Tarifabschluss auf keinen Fall
unterzeichnen wird.“ (GDL-Info-Dienst, 16.7.)
Damit geht sie nicht bloß auf Distanz zur Transnet;
mit ihrem gewerkschaftlichen Standpunkt, ihren Forderungen und der Art ihres
Auftretens stellt sie sich polemisch zu der ganzen Linie, die die
anderen Bahngewerkschaften vertreten; damit aber auch automatisch in Gegensatz
zu den DGB-Gewerkschaften insgesamt. Sie stellt deren Gewerkschaftspolitik und
Rolle bei der Regelung der nationalen Lohnverhältnisse doppelt in Frage.
Erstens untergräbt sie die Glaubwürdigkeit der gängigen
gewerkschaftlichen Lebenslüge, die Arbeiterschaft würde mit der
einvernehmlichen Regelung ihrer Lohnansprüche im Lichte einer gesunden und
arbeitsplatzförderlichen Geschäftspolitik am besten fahren und mehr, als
was die Unternehmerschaft und die für alle deren Konkurrenzansprüche
empfänglichen Gewerkschaften jeweils für verträglich halten, sei eben beim
besten Willen nicht ‚drin’ gewesen. Allein schon damit, dass sie mehr
fordert und sich bereit zeigt, für ihre Forderungen ernstlich zu kämpfen,
sprengt sie das bei DGB-Gewerkschaften bewährte Konzept einer für beide Seiten
verträglichen Lohnfindungspolitik. Ein Verein wie die GDL droht nicht nur den
konkurrierenden Gewerkschaften die Mitglieder abspenstig zu machen; er
provoziert mit seinem Beispiel unweigerlich auch Kritik in deren eigenen Reihen
und gefährdet dadurch deren gewohnte Art gewerkschaftlicher Vertretung: das Kommando
einer Gewerkschaftsführung, die ihrer folgsamen ‚Basis’ sagt, was für
sie zu holen ist und wann sie sich auf- und wann wieder abstellen lassen soll.
Zweitens gefährdet die GDL damit den anerkannten Alleinvertretungsanspruch
der deutschen Einheitsgewerkschaften, und damit die Rolle, die sie in der
Republik einnehmen und unbedingt einnehmen wollen. Im Programm vertrauensvoller
Zusammenarbeit mit dem Kapital fungieren die Mitglieder als Beleg für
das Recht der Gewerkschaft auf Mitsprache; als Allein-Vertreter der
Beschäftigten, also in deren Namen reklamieren die Gewerkschaftsoberen Teilhabe
an allen Entscheidungen des Kapitals, die Wohl und Wehe der Belegschaft betreffen;
sie stehen ihrerseits dafür ein, die Beschäftigten auf alles festzulegen,
was sie als Vertreter der Arbeitermannschaft mit den Herren der Produktion
aushandeln. Die Machtposition der DGB-Gewerkschaften, ihre Beteiligung an der
Regelung der Arbeitswelt beruht deshalb ganz und gar darauf, dass das Kapital
und die hohe Politik ihre unternehmens- und staatsdienliche Leistung anerkennen,
die von ihr Vertretenen verlässlich einzubinden und unterzuordnen unter die Ansprüche,
die der Standort Deutschland ihnen abverlangt. Das muss die „Basis“ dann aber
auch mit sich machen lassen; denn die Gewerkschaft braucht ihre Mitglieder als Beleg
für ihre Fähigkeit, den „sozialen Frieden“ zu stiften und zu halten. Die
sollen ihrer Gewerkschaftsführung daher auch und gerade dann die Treue halten,
wenn sie im Namen von Beschäftigungssicherung oder gleich unverhohlen um der
Konkurrenzfähigkeit der Firma im globalen Kampf um Märkte willen eine
Lohnsenkung und Leistungssteigerung nach der anderen unterschreibt.
Nichts Geringeres als das Gesamtkunstwerk moderner
gewerkschaftlicher Interessenvertretung steht also auf dem Spiel, wenn sich
eine gewerkschaftlich organisierte Mannschaft aufmandelt und gegen den Willen
der national etablierten Arbeitervertretung auszutesten droht, wie weit ihre
Erpressungsmacht gegenüber dem Kapital reicht. Es ist von daher kein Wunder,
dass Hansen, Sommer und Co. giftig werden.
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