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Zurück zur Übersicht :: Druckversion Der Dalai Lama auf Tournee GegenStandpunkt – Kein Kommentar im
Freien Radio für Stuttgart vom 31. Oktober 2007 Religiöser
Fundamentalismus, wie ihn Imperialisten lieben: Ein moderner Sinnstiftungs-Guru und Der Dalai Lama kommt zu uns und wird „gefeiert
wie ein Rockstar“, dabei kann er weder singen noch tanzen und in den Charts
ist er auch nicht. Was ist es dann, das den Mann so beliebt macht? Anders
gefragt: Wer braucht eigentlich den Dalai Lama – und wozu? 1. „Der Gott zum Anfassen“ (Spiegel
29/07) „Seine Heiligkeit“ aus Tibet füllt hierzulande Stadien und Hörsäle, in
Umfragen ist er beliebter als der deutsche Papst. StudentInnen, Hausfrauen und
Manager folgen ergriffen seinen Vorträgen, alle bewundern „Klugheit, Kraft,
Charisma“ des Mönchs, Exilpolitikers und Friedensnobelpreisträgers. Der
Spiegel versteht, warum: „Viele Menschen im Westen suchen einen spirituellen
Tröster“; sie nehmen diesen wandelnden „Ozean der Weisheit“ als
Ratgeber bei der Bewältigung des rauen kapitalistischen Alltags; manch
gestresstem Großstädter „tut er total gut: Durch ihn komme ich auf andere
Gedanken“. Auf welche Gedanken man durch ihn dann kommt, stellt
allerdings weder seiner Weisheit noch dem Geisteszustand derer ein gutes
Zeugnis aus, denen er zum Wohlsein verhilft. Denn erstens sind es überhaupt
keine ‚anderen Gedanken’, derer man teilhaftig wird, wenn die 14. Wiedergeburt
seiner Selbst die fernöstlichen Botschaften unters westliche Volk streut: „Finde dein
innerstes Selbst! In der Ruhe liegt die Kraft! Der Weg ist das Ziel!“ Solche und ähnliche
Weisheiten schrieben sich früher mal höhere Töchter ins Poesiealbum, heute fassen
sie zusammen, was man in der Rubrik ‚Lebenshilfe’ auch sonst geboten bekommt,
womit man aber auch beim Deutschen Alpenverein fürs Bergsteigen Werbung macht.
Zweitens ist es sehr bedenklich, wenn einem Sinnsprüche dieses Kalibers auch
noch ‚total gut tun’. Lebenssinn heißt das in hohem Ansehen stehende
Bedürfnis, von dessen Befriedigung auf die Weise erfolgreich Vollzug gemeldet
wird, und diese verbreitete Sitte, die hierzulande die geistige Kultur adelt,
macht gar kein Hehl daraus, welch niederer Beweggrund da den Gedanken leitet:
Wer Sinn für sein Leben sucht, den treibt das Bedürfnis, sich garantiert
enttäuschungsfrei positiv zur Welt stellen zu können. Er wünscht sich einen Gesichtspunkt,
der ihm letztinstanzlich Zufriedenheit mit allem besorgt, was er sein
Lebtag lang durchmacht, also wider alle seine Erfahrungen Harmonie
in der Welt der Gegensätze stiftet, in der er sich umtreibt. Ausdrücklich
jenseits von allem, womit er sich zu seinem Missbehagen herumzuschlagen
hat, will einer da wenigstens ideell auf seine Kosten kommen – und
verschafft sich die verlangte Befriedigung durch die entsprechend sinnige
Deutung seiner Welt und vor allem durch die unermüdliche Pflege seiner eigenen
Stellung zu der: Im Wege des strikten Absehens von allen wirklichen Mächten,
denen das eigene Tun unterliegt, bildet man sich selbst ein als Subjekt, das
sich zur Stiftung von Zufriedenheit hauptsächlich darum zu bekümmern hat, dass
es im Einklang mit sich lebt. Also sucht man nach seinem ‚Selbst’, hört in sich
hinein und macht dann wohl auch seine einschlägigen metaphysischen Erfahrungen.
Man verspürt die Kraft, die einem dadurch zuteil wird, dass man alles nicht
mehr so wichtig nimmt und den Imperativ beherzigt, sich bloß über nichts
aufzuregen. In der Weise pausenlos auf sich ein- bzw. sich dementsprechend gut
zuzureden, darin besteht sie, die hohe Kunst des positiven Denkens: Wer sich
nichts mehr vornimmt im Leben und seinen trostlosen Alltag als Weg zu sich
selbst ‚begreift‘, kann auch nicht mehr enttäuscht werden. Darin besteht das
prima Lebensgefühl, der ‚spirituelle Trost’, den der Dalai Lama spendet: Das
Ich ruht im Selbst, mit Ruhe wird aus einem Sandkorn eine Perle – wer daran
glaubt, den kann die Welt am Arsch lecken, weil er sie komplett im Griff hat. Dass der Trostspender mit seinen
salbungsvollen Worten nicht nur Mönchen in ganz fernen Kulturkreisen, sondern
auch hierzulande manchem so ‚gut tut’, ist kein Wunder dieses Heilsbringers.
Der verkörpert erstmal nur eines der ganz vielen Angebote für die Nachfrage
nach kompensatorischer Sinngebung, für die berufsmäßige Lebenshelfer selber
überhaupt nichts tun müssen: Der Irrationalismus, sich einen höheren und
eigentlichen Lebenssinn zu imaginieren, hat in den zivilisierten Gemeinwesen
des Abendlands seinen festen Stammplatz und seine solide Funktion für
den Zusammenhalt von Herr und Knecht. Aufgeklärte Bürger geben das
selber zu Protokoll, wenn sie den Bedarf nach Sinn mit der beruhigenden Wirkung
auf ihren Gemütszustand begründen: Manche brauchen den Herrn Jesus,
manche den Herrn Lama, um das Leben leichter auszuhalten; er
wirkt quasi wie eine Schmerztablette, aber ohne Chemie; Religion ohne
Fegefeuer; Psycho ohne Sektenverdacht – don’t worry, be happy. So richtig
interessant macht den Senf, den der Herr zu diesem Zweck erzählt, fürs Publikum
freilich etwas, was die wenigsten Sinnstifter vorzuweisen haben: Seine Autorität
bezieht der Mann auch aus weltlichen Quellen: Er ist Chef der
tibetischen Exilregierung und ein beliebter Gast nicht nur des deutschen
Staates. 2. „Pandabär der internationalen
Politik“ (Er über sich) „Wir sind die Pandabären der
internationalen Politik. Jeder mag uns, aber keiner tut was für uns.“ Was der Mann in einem Anfall ironischer
Selbsterkenntnis sagt, trifft die zwiespältige Rolle, die er als
oberster Tibeter in der Staatenwelt hat, auf seine Weise durchaus: - Im Hauptberuf ist der 14. Dalai Lama
kein Wanderprediger, sondern Politiker, Nationalist und Glaubensführer;
allerdings einer der besonderen Art. Er ist ein Staatsmann ohne Staatsgebiet,
ein Regent ohne Regierte, ein Gottkönig ohne Heimatgemeinde. Die seltsamen
Doppelrollen übt er natürlich nicht freiwillig aus, sie sind Produkt des
Anschlusses Tibets an die Volksrepublik China: 1950 kippt Peking die seit 1913
proklamierte einseitige Unabhängigkeit Lhasas nicht nur politisch, sondern faktisch;
die Armee besetzt das Hochgebirgsland, der Dalai Lama als „oberster
weltlicher und geistiger Führer des Volkes“ wird entmachtet und auf sein
Kirchenamt reduziert, Tibet wird autonome Provinz Chinas und sukzessive mit
Rotchinesen besiedelt. Nach dem Aufstandsversuch des Dalai Lama und seiner
Getreuen wird er 1959 verjagt, Indien schenkt ihm eine Mini-Enklave, von dort
aus und seitdem agiert Nr. 14 als „Vorsitzender der Exilregierung Tibets“,
die bis heute allerdings kein Staat der Welt anerkennt. Darunter leidet der
Mann furchtbar. Er ist Staatsmann und Patriot genug, den Verlust seiner
politischen und religiösen Macht mit den Leiden seines Volks bzw.
seiner Gemeinde gleichzusetzen und den Verlust des bekannten
Grundnahrungsmittels „kulturelle Identität“ anzuklagen, das armen
Reisbauern, Sherpas und Mönchen am meisten fehlt. Er weiß aber auch, dass er
als Herrscher ohne jede materielle Basis – null Waffen, null Öl, keine
dienstbare Nationalökonomie und keine Staatsbürger in Uniform – umso mehr auf mächtige
Paten in der ausländischen Staatenwelt verwiesen ist, die sich seines
Hilferufs „kultureller Völkermord!“ annehmen. Nun dreht sich weder die
wirtschaftliche noch die militärische Konkurrenz der reichen und mächtigen
Nationen um Gebetbücher oder Volkstänze. Wahrscheinlich hätte kein Hahn nach
der Knechtung des fernöstlichen Mönchs und seines tapferen Völkchens gekräht,
hätte sich nicht doch eine gewisse Verwendung für diesen Freiheitskampf
gefunden. - Zwar nicht die, die sich der Dalai Lama
gewünscht hätte: Für die Staaten des Freien Westens war
und ist Tibet nicht die große Nummer, wie es ihm vorschwebt. Sei es, dass man
sich auf die Insel Taiwan als Speerspitze gegen die weltpolitischen Ansprüche
der VR China verlegte, sei es, dass ein Priester ohne Land & Volk kein
übermäßiger Stachel im Fleisch des Hauptfeinds Nr. 2 ist: Ein weltmächtiges
Interesse, das sich ernsthaft für eine Staatsgründung Tibets stark gemacht
hätte, hat sich jedenfalls nicht gefunden, und auch heute profitiert die
politische Sache des Dalai Lama nicht davon, dass Kriege und Waffenlieferungen
in der neuen US-Weltordnung häufiger im Namen von Menschenrechten und
kultureller Freiheit abgewickelt werden. Aber eine diplomatisch berechnende
Zuneigung erfährt der bedrohte Tibetpanda im Westen schon: Seine Ambitionen als
Machthaber, der volle „Autonomie für Tibet“ fordert, finden
Aufnahme in die lange Liste der „Menschenrechtsverletzungen“, die seine
Gastgeber Chinas Führung vorrechnen, wann und wofür es ihnen ins Kalkül passt. - So ist der jüngste Empfang des Dalai
Lama ein diplomatisch ausgeklügeltes Protokoll deutscher Chinapolitik.
Nicht zufällig 1 Jahr vor Olympia 2008 in Peking äußert sich Berlin besorgt
über Wettbewerbsverzerrung auf dem Schlachtfeld nationaler Ehre durch staatlich
gefördertes Doping, über den hohen Wert der Freiheit patriotischer
Berichterstattung und Jubelorgien, über die falsche Behandlung von Dissidenten
- und bekräftigt die „Tibet-Resolution des Deutschen Bundestages von 1996“,
deren Zwars und Abers Chinas KP eine immer noch gültige Mischung aus
Kampfansage und Partnerschaftsansprüchen übermitteln: „Wie alle anderen
Regierungen der Welt bezweifelt die BR Deutschland nicht die
Rechtmäßigkeit des territorialen Anspruchs Chinas auf Tibet“; das soll
Peking offenbar freuen, weil der deutsche Staat sich versagt, was er durchaus
auch anders könnte. Nicht angezweifelt wird die völkerrechtliche
Legitimität der Landnahme, nicht in Frage gestellt die
Ein-China-Doktrin, nicht unterstützt tibetischer Separatismus ‑
mehr Raum für „nationale Identität“ sollte aber schon sein; nicht
vorgehalten werden China Volksvertreibung oder Beschneidung des Rechts auf
Heimat ‑ aber Verbrechen an einer berechtigten, historisch
geadelten Religionsfreiheit: Nach der Logik wird nicht mehr, aber auch nicht
weniger als ein diplomatischer Einwand gegen chinesische Souveränität auf
den Weg gebracht, dessen Einsatz und Dosierung sich die deutsche Regierung je
nach „Stand der Beziehungen“ und Eignung des Anlasses vorbehält. Anlässlich des
Besuchs des frommen Gastes aus Tibet hat sie sich eben so entschieden: Als
religiöses Oberhaupt wird er mit Respekt und Beifall überschüttet,
aber nicht als Staatsmann geladen oder gesponsert. Die Kanzlerin lobt seine „Gewaltlosigkeit“,
unterstützt ihn also als die ohnmächtige Figur, die er ist; sie lobt die „Friedensmission
des guten Menschen“, trennt den Mann von der politischen Mission, für die
er steht, und verweigert ihm damit die Anerkennung als weltliches Oberhaupt,
für die seine Buddhismus-Teach-ins in aller Herren Länder Vehikel sein sollen. Der Dalai Lama muss feststellen, dass
seine 'Autonomie für Tibet!' nirgends einen potenten Anwalt findet und seine
Werbung für religiösen Nationalismus ohne Gewalt allenfalls eine Fußnote im
'Kampf der Kulturen' ist. Was die Gegnerschaft des Freiheitslagers zum
wachsenden Konkurrenten China angeht, lässt sich der unterdrückte Glaubensführer
als Einspruchstitel gerne zitieren, die erhoffte Prämie wird ihm aber verwehrt.
„Keiner tut was für uns“, lamentiert er ‑ aber was macht das
schon, wo „der Weg das Ziel“ ist. Zurück zur Übersicht :: Druckversion | |||