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Zurück zur Übersicht :: Druckversion Unter Geiern: Wie "Geier-Fonds" an ueberschuldeten Entwicklungslaendern verdienen GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 05.12.2007
Unter Geiern „Einem
nackten Mann kann man nichts aus der Tasche ziehen!“ Für Taschendiebe mag das
stimmen, für das internationale Finanzkapital nicht. Mit der Kreation von
Finanzprodukten bewerkstelligt es genau das mit gutem Erfolg: 1. Wie „Geier-Fonds“ an überschuldeten
Entwicklungsländern verdienen Sogenannte Geier-Fonds holen beachtliche Renditen aus
ruinierten Drittwelt-Staaten mit folgender Geschäftsidee: ,,Sie kaufen alte Schuldtitel von Entwicklungsländern
auf, die praktisch nicht mehr zahlungsfähig sind. Dafür zahlen sie weit weniger
als den ursprünglichen Wert.“ (,,Albtraum der Armen“ in: Süddeutsche Zeitung v. 24.10.2007) Die Fondsgesellschaften engagieren dann ,,hochbezahlte
Rechtsanwaltskanzleien“, deren „trickreiche Juristen (...) gegenüber
den betroffenen Staaten hohe Forderungen über Schuldenrückzahlungen
einschließlich Zins und Zinseszins“ vor Gericht durchsetzen. Im Ergebnis
ein höchst profitables Geschäft für diese Fondsgesellschaften: ,,So
verdiente einer dieser Fonds an Schulden des zentralafrikanischen
Staates Republik Kongo, die er zum Schnäppchenpreis von zehn Millionen Dollar
erworben hatte. In einer Klage forderte der Spekulant 400 Millionen Dollar – am
Ende gab es immerhin noch 127 Millionen Dollar“. (ebda.) Eine gutes Geschäft also, Fondsbetreiber und ‑anleger
sind hoch zufrieden. Weniger zufrieden sind kritische Dritte-Welt-Aktivisten,
die von den Wirtschaftsjournalisten der SZ zustimmend referiert werden. Die
halten diese Art der Kapitalvermehrung für moralisch höchst
verurteilenswerte ,,Leichenfledderei“: ,,Den ärmsten der armen
Entwicklungsländer wird der letzte Euro oder Dollar abgepresst.“ (ebda.) Und das soll was Neues sein? Warum verkaufen denn die
Gläubiger diese Schuldtitel an diese Geier-Fonds? Weil sie uneinbringlich
sind – was aber nicht bedeutet, dass sie nicht ertragreich gewesen
wären. Getaugt haben sie dafür, das so ziemlich einzige Geschäft mit Krediten
zu finanzieren, für das diese Schuldnerstaaten interessant waren und mit dem
sie sich überhaupt am Weltmarkt beteiligen konnten: die Ausbeutung und den
Verkauf ihrer Rohstoffe. Den Kreditnehmern, also den Schuldnerstaaten,
hat das nur einen unaufhaltsamen Ruin eingetragen, weswegen sie mittlerweile in
der Staatenkategorie der „Gescheiterten Staaten“ (failed states) oder der „hoch
verschuldeten armen Länder“ (HIPC = Highly Indebted Poor Countries) rangieren.
Den Kreditgebern hat das einerseits einen steten Strom an billigen und
immer billiger werdenden Rohstoffen eingetragen, andererseits eine ständige
Bedienung ihrer Kredite aus den Exporterlösen der Schuldnerstaaten. Diese
Kredite waren nicht auf Rückzahlung berechnet, vielmehr – das ist die berühmte
„Schuldenfalle“ – waren sie nur die kreditmäßige Sicherstellung des
Rohstoffabtransports und haben sich über den kontinuierlichen Zinsfluss an die
Kreditgeber schon längst mehr als amortisiert. Der Versuch früher einmal
„Entwicklungsländer“ genannter Staaten, mit geliehenem Geld ein
Wirtschaftswachstum in Gang zu setzen, ist gescheitert, und der Zwang, die
Auslandsschulden zu bedienen, hat zu immer neuer Kreditaufnahme geführt und
diese Staaten zahlungsunfähig gemacht. Daran änderte sich auch nichts durch die
sog. „Strukturanpassungsmaßnahmen der Weltbank und des Internationalen
Währungs-Fonds, die für Umschuldungen und neue Kredite Privatisierung und
Sparmaßnahmen vor allem im sozialen Bereich erzwangen, um den Schuldendienst
doch noch möglich zu machen. Da sich nichts mehr aus den Schuldnerstaaten
herauspressen lässt, schreiben die Gläubiger einen Teil des Schuldenbergs als
uneinbringlich ab. Zu schön, dass sich dann noch ein Teil dieser Schulden an
die Geier-Fonds verkaufen lässt. Dass es denen gelingt, diese „ärmsten der armen“
Länder so unter Druck zu setzen, dass sie doch noch Zahlungsmittel auftreiben,
trägt ihnen Kritik ein; und zwar nicht nur von Hilfsorganisationen, die zwischen
der Zahlungsunfähigkeit eines Staates und der Armut seiner Bevölkerung keinen
Unterschied machen wollen, sondern auch aus gewichtigem Munde: „‚Solch ein Vorgehen nutzt den Schuldenerlass anderer
Gläubiger aus und lenkt damit Mittel von der Armutsbekämpfung in dem
Schuldnerstaat ab‘, kritisierte der Pariser Club.“ (manager-magazin.de 30.05.2007) Die „großen Industrieländer“ des Pariser Clubs
haben den . „hoch verschuldeten armen Ländern“ einen Teil ihrer Schulden
erlassen – und das mit dem Auftrag der „Armutsbekämpfung“ verbunden.
Getan wird so, als käme das Geld dafür aus dem Schuldenerlass. Aber wie soll
denn da was „frei“ werden, wenn die Schulden sowieso nicht mehr bezahlt werden
konnten? Schließlich wurden sie ja deswegen erlassen. Dieser Schuldenerlass ist
erstens ein abschließendes – und vernichtendes – Urteil über diese
Länder: Sie haben jegliche Kreditwürdigkeit verloren. Deswegen werden sie aber
– zweitens – nicht aus der Kontrolle entlassen: Ein Mindestmaß an
Elendsverwaltung, damit die Hungerleider nicht die Küsten der reichen Länder
unsicher machen, sondern da bleiben, wo sie sind, dort still vor sich hin
(ver)hungern und keine politischen „Wirren“ anzetteln – das soll schon sein. Dafür
gibt’s Geldgeschenke („donations“) und vielleicht den einen oder anderen
Kredit, die dann aber ganz für diese „Armutsbekämpfung“ und nicht mehr für
irgendeine „Entwicklung“ eingesetzt werden sollen. Dabei stört das Geschäft der Geier-Fonds: Wenn die die
Leichen völlig marktwirtschafts- und rechtskonform gefleddert haben, dann
bleibt für die Mitglieder des Pariser Clubs und für Weltbank und IWF womöglich
keine Instanz mehr übrig, die sich noch beaufsichtigen ließe. Also werden „außenstehende“
Gläubiger – in der Regel Staaten wie Rumänien oder Bulgarien, um deren
Zahlungsbilanz es seit der Abschaffung ihres Sozialismus selber nicht mehr gut
bestellt ist – aufgefordert, den Verkauf von Schuldtiteln aus ihrer
realsozialistischen Vergangenheit gefälligst bleiben zu lassen, und die
Geier-Fonds an den Pranger gestellt. Mehr passiert nicht, das aber im Namen der
„Armen“. Da können die sich aber freuen! 2. Mit gutem Gewissen
an der Armutsbekämpfung (mit)verdienen Auch gute Menschen brauchen auf satte Renditen nicht
zu verzichten. „Geld anlegen und sich dabei gut fühlen“, das ist möglich,
vermeldet die Stuttgarter Zeitung, und es ist ganz einfach: „Ein neues Investmentgesetz erlaubt es der deutschen
Finanzbranche, neben klassischen Aktien- und Rentenfonds künftig auch
Mikrokreditfonds aufzulegen und zu vertreiben. [...] Künftig
sollen alle Sparer beim Anlagenthema Kleinstkredite bedenkenlos zugreifen
können.“ (Stuttgarter
Zeitung v. 10.11.07) Mohammad Junus, Bankier und Friedensnobelpreisträger,
hat es vorgemacht und jeder Sparer kann es ihm nachmachen, dank der Findigkeit
der Finanzbranche und der deutschen Gesetzgebung: Man kann Geld verdienen am
absoluten Elend und sich dabei eines guten Images erfreuen, nach außen und nach
innen. Das geht so: Weltweit gibt es zahllose Arme, die nach dem erfolgreichen
Siegeszug der Marktwirtschaft Geld für ihren Lebensunterhalt brauchen, aber
keines haben – fürs Überleben nicht und für Arbeits- oder Produktionsmittel
erst recht nicht. Lokale und zunehmend auch international agierende Banken
leihen ihnen kleine und kleinste Summen als „Unternehmenskredit“ und nehmen zum
„Ausgleich“ für das Ausfallrisiko und den Verzicht auf pfändbare Sicherheiten
2–4 % Zinsen – pro Monat(!). Den Charakter von Hilfe erhält das dadurch,
dass anders Geld gar nicht oder nur zu noch viel höheren Zinsen zu bekommen
ist. Ein lokaler Eintreibedienst holt monatlich Zins und Tilgung ab und sorgt
für eine Rückzahlquote von über 98 %. Ein einträgliches Geschäft also, an
dem sich der deutsche Sparer jetzt beteiligen darf: Er kann Anteile an
deutschen Fonds erwerben, denen die kreditgebenden Banken die Schuldverschreibungen
als ihr Geschäftsmittel verkauft haben. So sind gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe
geschlagen: −
Aus ansonsten für die
Kapitalvermehrung völlig nutzlosen, weil dafür nicht gebrauchten, Hungerleidern
ist ein Geschäftsmittel für Kapital, Bankkapital in diesem Fall,
geworden. −
Die Ärmsten der Armen,
zumindest die, die eines Mikrokredits als Startkapital für ein Kleinstunternehmen
würdig befunden werden, können sich ernähren, sofern es ihnen gelingt, sich mit
ihrem Geschäft gegen industriell erzeugte Importprodukte und den kämpferischen
Geschäftssinn von ihresgleichen zu behaupten und dadurch so viel zu verdienen,
dass nach der Befriedigung der Zins- und Tilgungsansprüche ihres
wohltätigen Gläubigers für sie selbst genug übrig bleibt. −
Die Spargroschen des
kleinen Mannes in den kapitalistisch erfolgreichen Ländern fließen in Finanzprodukte
der Fondsgesellschaften, die damit ihre Spekulationen machen, und den kleinen
Mann, gegen Gebühr selbstverständlich, an deren Erfolg oder Misserfolg teilhaben
lassen. −
Die „deutschen
Sparer“, die solche Fondsanteile kaufen, können sich fühlen wie
Friedensnobelpreisträger – im Miniformat. Während es der gute Junus zu
beachtlichem Reichtum gebracht hat, „bekämpfen“ sie mit der Aussicht auf eine
hohe Rendite nicht nur die Armut der Drittweltbewohner, sondern auch die
eigene. Nicht so furchtbar erfolgreich in beiden Fällen, aber dafür mit gutem Gewissen. Übrigens, wofür Mohammad Junus
den Friedensnobelpreis bekommen hat, ist nachzulesen in GegenStandpunkt 4‑2006, S. 59:
„Friedensnobelpreis für einen Bankier: Geschäft ist Hilfe, Kredit ist
Menschenrecht“. Zurück zur Übersicht :: Druckversion | |||