|
GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 26.12.07, 18 Uhr
|
Zurück zur Übersicht :: Druckversion
Journalisten erklaeren die Einkommensstatistik: Die Realloehne sind gefallen/gleich geblieben/gestiegen
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für
Stuttgart vom 26. Dezember 2007
Journalisten erklären die Einkommensstatistik
Die
Reallöhne sind
– gefallen
(Bild),
– gleich geblieben (SZ)
– gestiegen (FAZ)
Das
Arbeitsministerium hat eine „volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ veröffentlicht,
die für Aufsehen sorgt. Unter anderem bilanziert sie ein durchschnittliches
Nettorealeinkommen der Arbeitnehmer von 1320,24 Euro pro Monat für 2006, was
bedeutet: Das Nettorealeinkommen ist seit 1986 nicht mehr gestiegen. Die Presse
klärt auf, was die Statistik zu bedeuten hat.
*
Für die Bildzeitung ist
klar: Das ist ein
„Netto-Lohn-Skandal“: „Wir arbeiten und
arbeiten – und bekommen am Monatsende gefühlt immer weniger Netto raus! Geht es
ihnen auch so? Kein Wunder – denn es stimmt! Das belegen die neuen Zahlen des
Bundesarbeitsministeriums. Demnach verdienen Arbeitnehmer in Deutschland so
wenig wie seit 20 Jahren nicht mehr!“ (24.9.07)
„Warum
immer weniger in den Taschen der Arbeitnehmer ankommt“, liegt daran – so die
Bild weiter –, dass der Staat „dreister in die Tasche“ greift, die
Unternehmer mehr „geizen“ und die Beschäftigten in einer „Inflationsfalle“
stecken.
Arbeitnehmer, die
jahrzehntelang die von ihnen verlangten Leistungen erbringen und weiter kein Aufhebens
davon machen, dass immer weniger rauskommt, genießen die volle Sympathie der
Bildzeitung. Deren Unzufriedenheit über die eingerissenen Lebensverhältnisse
gibt sie recht, stachelt sie sogar ein wenig an und macht sich zum Wortführer
eines Beschwerdewesens über ungerechte Behandlung, die sich für ‚unser‘ Land
eigentlich nicht gehöre. Das ist schon eine gelungene Interpretationsleistung:
Staat und Unternehmen, die die Macht über sämtliche gesellschaftlichen
Einrichtungen haben und die diese Macht rücksichtslos gegen die
Lebensbedürfnisse der Lohnabhängigen ausüben, die müssten eigentlich die Arbeiterinteressen berücksichtigen? Aber genau so soll es
der Leser sehen: Die tonangebenden Instanzen im Land werden bei der
egoistischen Verfolgung ihrer Interessen ‚maßlos‘ und weichen darin von ihrer
angeblichen eigentlichen sozialen Verantwortung ab. In deren anerkannter
Zuständigkeit liegt es demnach auch, klaffende ‚Gerechtigkeitslücken‘ wieder zu
schließen. Für die Opfer deutscher Standortpolitik bleibt die Rolle der
ohnmächtig Betroffenen, die ihrer Empörung – vertreten durch Bild – auch einmal
öffentlich Gehör verschaffen dürfen und damit zufrieden zu sein haben.
Bild präsentiert sich
freilich auf diese Art nicht nur als Volkes Stimme, die anprangert, wie mit
‚uns‘ umgesprungen wird. Das Blatt weist den Beschwerden auch gleich den
richtigen Weg und lässt einen sachverständigen Gewährsmann zu Wort kommen, der
den Betroffenen des ‚Lohn-Skandals‘ die fälligen Konsequenzen mitteilen darf:
„‚So kann es nicht
weitergehen‘, warnt DGB-Chef Sommer … ‚Es gibt dringenden Nachholbedarf für den
‚kleinen Mann‘ – die Geldbeutel der Menschen wurden in den vergangenen Jahren
geschröpft! … Jeder soll von seiner Arbeit leben können. … Für den
Mindestlohnbereich brauchen wir eine untere Haltelinie als Schutz vor
Armutslöhnen: den gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 7,50 Euro pro
Stunde.‘“ (ebd.)
Klar, dass der „kleine
Mann“ ‚arbeitet und arbeitet‘, klar, dass er den Reichtum schafft, der den
Staat mächtiger und die Unternehmen reicher macht; aber genau dafür steht ihm
auch eine angemessene Behandlung durch seine Herren zu: Nein, nicht ‚fühlbar‘
weniger Arbeit und mehr Lohn für alle; nein, kein gewerkschaftlicher Aufstand
gegen die ‚skandalösen‘ Lohnarbeitsverhältnisse, sondern eine gewisse Schranke
beim Lohnsenken, wenigstens für die Untersten der Unteren – dafür könnte und
sollte sich doch die Politik stark machen. Denn: „leben“ – das sollen sie schon
können, die braven Arbeitsleute. Dass ihnen selbst dieses trostlos bescheidene
Anliegen von den machtvollen Instanzen in der Gesellschaft massenhaft und in
zunehmendem Maße bestritten wird, dass die Arbeitsleute überhaupt billig zu sein
haben, ist dem obersten Verwalter der Arbeiterinteressen selbstverständlich,
wenn er „für den Mindestlohnbereich“ eine „untere Haltelinie“ fordert.
Aber die soll es dann schon sein. Sie liegt seines großzügigen Erachtens nach
bei umgerechnet 1200 brutto – womit nebenbei klargestellt ist, ab wann ein Lohn
kein Armutslohn mehr ist. Vollkommen fern also von einer Diagnose, seine
Organisation hätte vielleicht in Sachen Abwehrkampf versagt und zumindest einen
zukünftigen Kampfauftrag für die Erstreitung von Lohnerhöhungen, weiß der
DGB-Chef, in wessen Hände der praktische Umgang mit der Armut gehört. Die ist
Sache des Gesetzgebers, der doch im Rahmen seiner gesamtgesellschaftlichen
Verantwortung einsehen muss, dass „wir“ einen „Schutz vor Armutslöhnen“
brauchen. Anders als vom Standpunkt des Gesamtverwalters des deutschen
Kapitalismus, dem verelendete Proletarier womöglich zur Last fallen könnten,
mag der DGB-Chef die Lebensbedürfnisse seiner Klientel offenbar gar nicht
vorkommen lassen. Eine stolze Leistung des Gewerkschaftsführers: Ausgerechnet
der Chef derjenigen Organisation, die allein schon mit ihrer Existenz davon
kündet, dass Arbeiterinteressen in dieser Gesellschaft ohne Gegenwehr auf der
Strecke bleiben, macht sich zum Kronzeugen für die Rolle seiner Mitglieder als
rücksichtslos ausgenutzte und hoffnungslos ohnmächtige Figuren.
*
In der
Bildzeitungs-Tour, einer Unzufriedenheit recht zu geben, ihr die Perspektive
der Bittstellerei bei den zuständigen Instanzen zu weisen und sie auf diese
verständnisvolle Art zu erledigen, sieht die ‚seriöse‘ Presse allen Ernstes
einen Angriff auf das Image ihres geliebten Systems. Dass auf ihre
Marktwirtschaft ein schlechtes Licht fallen könnte, hält sie einfach nicht aus
– und legt sich argumentativ mächtig ins Zeug.
Vor gar allzu
kurzschlüssiger Sichtweise, wie sie „die fette Schlagzeile eines
Boulevardblatts“ (25.9.) nahe legt, warnt die Süddeutsche Zeitung tags
drauf. Das mag sich zwar mit dem „Empfinden der Bürger“ decken, nach
sorgsamer Berücksichtigung des volkswirtschaftlichen Zusammenhangs kommt man in
Münchner Redaktionsstuben jedoch zu einem differenzierteren Befund:
„Richtig daran ist
zunächst, dass die Löhne seit Jahren langsamer steigen als etwa die Unternehmensgewinne
oder die Kapitaleinkünfte. Ein Grund dafür sind niedrige Tarifabschlüsse, die – gepaart mit
Steuer- und Abgabenerhöhungen – die verfügbaren Einkommen der Arbeitnehmer
geschmälert haben. Auf der anderen Seite hat das dazu geführt, dass die
deutschen Unternehmen heute zu den wettbewerbsfähigsten der Welt zählen und
wieder mehr Menschen einstellen.“
Armut ist also nur die
eine, quasi die Schattenseite eines insgesamt gelungenen Gesamtkunstwerks. Die
Verarmung der Leute war nämlich auch produktiv, hat sie doch andere reicher
gemacht! Was ja auch deswegen sein Gutes hat, weil die Nutznießer der billig
entlohnten Arbeit auch noch mehr schlecht bezahlte Arbeitsplätze schaffen. So
besehen kann Armut nun wirklich kein schlechtes Licht auf den deutschen
Kapitalismus werfen.
Aber damit nicht genug.
Die SZ will auch das bloße, statistisch aufbereitete Faktum eines
national gesunkenen Lohnniveaus nicht so stehen lassen. Und siehe da: Genau
betrachtet führt die „zugrunde liegende Statistik in die Irre“: „So
wird suggeriert, dass die Menschen heute ärmer wären als 1986. Tatsächlich aber
ist die Kaufkraft gleich geblieben. Der Durchschnittsbürger kann sich von
seinem Gehalt also genauso viele Fernseher oder Autos leisten wie seinerzeit.“
Reicher sind die Leute nicht geworden – aber auch nicht ärmer! Das ist doch mal
ein Argument gegen die Miesmacherei der Bildzeitung. Der Nutzen von zwanzig
Jahren Produktivkraftsteigerung, die Fernseher und Autos heute in einem
Bruchteil der Zeit entstehen lässt, ist offenbar vollkommen an den – noch nicht
entlassenen – Arbeitern vorbeigegangen – das ist dem Autor eine
Selbstverständlichkeit. Der weiß eben, was einem Lohnarbeiter zusteht.
So viel zum
„Durchschnittsbürger“. Hinsichtlich des Mangels einer Durchschnittsbetrachtung
möchte der Kommentator den Leser aber auch nicht im Dunkeln lassen: „Über
die wahren Verhältnisse im Lande sagt diese Durchschnittsbetrachtung zudem nur
wenig aus, vor allem deshalb, weil sich das Gehaltsgefüge durch die Einrichtung
eines Niedriglohnsektors in den letzten 20 Jahren erheblich ausgeweitet hat.
Konkret: Viele Menschen verfügen heute über weniger Kaufkraft als 1986, viele
andere dagegen über deutlich mehr.“ Eine Durchschnittsrechnung hat nämlich
die Eigenart, dass es – wer hat eigentlich das Gegenteil behauptet? –
Abweichungen nach oben und nach unten gibt: Der massenhaften Zunahme von Armut
stehen auch Gewinner mit Einkommen oberhalb des Durchschnittsnettolohns
gegenüber. Weil die Masse der Armutslöhne über die Jahre so systematisch
gewachsen ist, handelt es sich es überhaupt um einen ‚neuen Sektor‘, der das
‚Gefüge‘ verändert; also – klar! – lassen sich aus der Statistik keine gültigen
Schlüsse über Armut ziehen: Wer das trotzdem macht, folgt keinen aufklärerischen
Motiven, sondern ist unseriös. Die SZ kommt insofern nicht umhin, der ‚populistischen‘
Publikumsbetreuung des „Boulevardblattes“ Inkompetenz zu bescheinigen: Das
‚Phänomen‘ Armut muss heutzutage einfach viel differenzierter betrachtet
werden:
„Insofern taugt die
Statistik zwar für eine dicke Schlagzeile. Einen wirklich erhellenden Beitrag
zur Diskussion über Mindestlöhne auf der einen sowie Steuer- und
Abgabensenkungen auf der anderen Seite aber leistet sie nicht.“ Dass es Bild in ihrer
„fetten Schlagzeile“ vielleicht um ein seriöses Anliegen anderer Art gegangen
sein könnte, nämlich um die passende Stimmungspflege fürs Volk und nicht um
eine nationale Wirtschaftsberatung nach SZ-Muster, geht in den
Journalisten-Schädel einer deutschen Intellektuellenzeitung einfach nicht
hinein.
*
In der Redaktion der FAZ
hat man sogar herausgefunden: Von wegen ärmer – reicher sind sie geworden,
die Arbeitnehmer! Es kommt nämlich nicht nur darauf an, z. B. die
passenden Vergleichsjahre zu wählen, sondern die richtige Bezugsgröße.
Betrachtet man nämlich die Statistik, die das Einkommen ins Verhältnis zur
Arbeitszeit setzt, sieht die Sache schon ganz anders aus.
„Die Arbeitnehmer in der
Bundesrepublik sind in den zurückliegenden beiden Jahren ‚ärmer‘, im gesamten
Zeitraum seit der Wiedervereinigung aber insgesamt ‚reicher‘ geworden, wenn
auch ‚nur‘ um 6,2 Prozent. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts
hervor, die neben der Einkommensentwicklung auch die seit 1991 gesunkene
Arbeitszeit berücksichtigen. … Dadurch relativiert sich der Befund, dass die
Nettorealverdienste im vergangenen Jahr auf den Stand von 1997 gesunken seien.“ (FAZ vom 25. September)
Die Leute kriegen zwar
weniger Geld, das aber auch in weniger Zeit! Da hat die FAZ ja wirklich mal was
ganz Aussagekräftiges gefunden:
„Die Berechnung der
realen Nettoverdienst je Stunde ist auch deshalb aussagekräftiger als die Betrachtung
je Arbeitnehmer, da sie wenigstens teilweise die Verzerrungen ausschaltet, die
sich durch die Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur ergibt – etwa von
mehr Teilzeitbeschäftigung, Mini-Jobs und Ein-Euro-Kräften.“
Ja wenn es immer mehr
und als feste Einrichtungen eingeplante Arbeitsverhältnisse gibt, von denen man
nicht leben kann, dann darf man sie doch nicht in die Statistik hineinrechnen.
Die verzerren glatt die Bilanz! Also muss man das Ganze so, nämlich auf
Stundenlohnbasis, betrachten, dass keine Verzerrung dabei herauskommt.
Ein Ein-Euro-Jobber kann
dann zwar nicht von seinem Stundenlohn leben, dafür aber ein anderer
Teilzeitarbeiter wenigstens ein paar Stunden …
Zurück zur Übersicht :: Druckversion
|