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Zurück zur Übersicht :: Druckversion Der ANC waehlt einen neuen Vorsitzenden - die Presse erklaert, was daran wichtig ist: Aendert sich in Suedafrika nun das Investitionsklima oder bleibt es so guenstig, wie es ist? GegenStandpunkt – Kein Kommentar im
Freien Radio für Stuttgart vom 16. Januar 2008 Der ANC wählt einen
neuen Führer – die Presse erklärt, was daran wichtig ist: Ändert sich in Südafrika
nun das Investitionsklima 1. Der ANC (African
National Congress), die
Regierungspartei in Südafrika, hat einen neuen Vorsitzenden gewählt: Jacob Zuma
hat sich gegen den bisherigen Vorsitzenden Mbeki durchgesetzt. Es soll einen
„Aufstand des linken Lagers“ der Partei gegen ihn gegeben haben und viel
Unzufriedenheit bei der Parteibasis über die Verarmung im Land herrschen. Dabei
war es Anliegen und Politik genau des ANC, Südafrika nach dem Ende der
Apartheid als internationale Kapitalanlage- und Geschäftssphäre herzurichten. Auch wenn heute kein Schwarzer mehr durch
politische Diskriminierung von dem Grund- und Menschenrecht auf Freiheit und
Gleichheit ausgeschlossen wird und ohne Einschränkung an der Konkurrenz um die
sehr ungleichen Posten der kapitalistischen Berufs- und Einkommenshierarchie
teilnehmen darf: Es ist gerade der – nun allein gültige – Maßstab der
Sortierung des Volkes nach dem Kriterium seiner kapitalistischen Brauchbarkeit,
der dafür sorgt, dass sich an der elenden sozialen Lage der schwarzen Mehrheit
herzlich wenig ändert. Ein Großteil von ihr ist schlicht und ergreifend
überflüssig gemessen am Bedarf der in Südafrika tätigen Geschäftswelt an
kostengünstiger Arbeitskraft und lebt deswegen in der gleichen absoluten Armut
wie in den hässlichen Zeiten der Apartheid. Für den Rest sind miserable Löhne
und Arbeitsbedingungen der Preis dafür, überhaupt eine (Über‑)Lebensperspektive
zu bekommen. Heute haben die „krassen Gegensätze“ – offensichtlich – eben
nur noch die der kapitalistischen Produktionsweise geschuldeten Gründe. An ihnen ändern auch regierungsamtliche
Programme eines „Black Economic Empowerment“, die bestimmte Quoten der
„Ermächtigung“ von Schwarzen in „allen Bereichen und auf allen Ebenen der
Gesellschaft“ vorschreiben, im Grundsatz nichts. Solche Programme betreffen
lediglich die Verteilung von weißem und schwarzem Volk auf die verschiedenen
Klassen und Berufspositionen. Es werden Sozialprogramme gemacht wie solche,
die Lebensverhältnisse der schwarzen Massen in den ehemaligen Homelands und
Townships zu verbessern und ihnen „wirkliche Chancengleichheit“ zu gewähren.
Der Staat spendiert ihnen Sozialrenten von umgerechnet etwa 60 €, von
denen dann eine komplette Großfamilie ein Jahr leben muss; er baut immer mal
wieder Hüttensiedlungen mit Wasser- und Stromanschluss; er finanziert
Ausbildung und Programme zur Umverteilung des Landbesitzes. All diese Programme
unterstellen jedoch die Armut und deren Fortexistenz und ändern nichts an der
grundsätzlichen sozialen Lage der Menschen, die vom kapitalistischen Standpunkt
überflüssig sind. Zudem relativieren sich bzw. „scheitern“ solche Maßnahmen
regelmäßig daran, dass sie den Staat Haushaltsmittel kosten. Gelder, die vom
Standpunkt der Förderung des nationalen Geldreichtums, die auch der ANC zum
entscheidenden Erfolgsmaßstab seiner Regierung gemacht hat, und von deren
Gelingen er die stetig versprochene „Mehrung des Wohlstands in schwarzer
Hand“ abhängig macht, ziemlich unproduktiv verausgabt sind. Armut, Seuchen
und Kriminalität herrschen im heutigen Südafrika nicht trotz, sondern wegen
politischer Gleichheit und marktwirtschaftlicher Freiheit. Es ist gerade die Herrichtung
Südafrikas zum attraktiven Kapitalanlageplatz, die dafür verantwortlich
zeichnet, dass eine „kleine Elite“ (egal, ob weiß oder schwarze) in Wohlstand
lebt und die Masse des Volkes in bitterer Armut. Diese Politik hat Unzufriedenheit im Volk
hervorgerufen. Dass das Ende der Apartheid zwar die Anerkennung der Schwarzen
als vollwertige und gleichberechtigte Gesellschaftsmitglieder bringt, sie aber
nicht gleichzeitig satt macht, sondern vom gesellschaftlichen Reichtum
ausschließt, das haben die Leute gemerkt, und darüber hat sich Unzufriedenheit
eingestellt. Die politischen Anwälte von protestierenden Arbeitern und im Elend
hausenden Südafrikanern wurden in „Regierungsverantwortung“ genommen und
damit auf ‚kapitalistischen Staat machen‘ verpflichtet. Die Basis des
ANC, die Mbeki abwählt und auf Zuma setzt, macht den Unzufriedenen ein politisches
Angebot: Hier haben wir den zum Angehen der Probleme des Landes glaubwürdigeren
Vorsitzenden. Damit ist man weg davon, dass Armut und Not in Südafrika das
ökonomisch notwendige Ergebnis dessen sind, wenn das Land als international
lukratives Geschäftsfeld hergerichtet wird und ein Teil des Volkes dafür als
billige Manövriermasse benutzt, ein anderer „überflüssig“ gemacht wird. Der
Ausgangspunkt der Leute, Unzufriedenheit mit der Verarmung, ist damit von den
Repräsentanten der Unzufriedenen im ANC in „politisch zuständige Hände“
verlegt und in ein politisch anzugehendes und zu bewältigendes Problem
verwandelt. Auf diese Art und Weise hat der ANC existierende Unzufriedenheit
demokratisch vorbildlich „entschärft“: Sie darf und soll sich richten
auf Wahlen von Herrschaftsfiguren, Austausch von Vorsitzenden, auf die Partei
als die Instanz, die das Elend richten soll, für das sie mit ihrer kapitalistischen
Standortpolitik doch verantwortlich zeichnet. 2. Also
eigentlich alles prima: das Kapital weltweit kann ungestört in Südafrika
investieren und erfolgreich Geschäfte machen. Und doch hat die deutsche Presse
Sorgen ganz besonderer Art: „Der ANC steckt nach dreizehn Jahren an der
Macht in einer Krise, wie es sie seit dem Ende des Apartheidregimes 1994 nicht
gegeben hat. […] Die wirtschafsfreundlichen Kräfte um Präsident Thabo Mbeki
haben beim Parteikongress eine herbe Niederlage erlitten. Und der Triumph
gehört Jacob Zuma, dem linken Volkstribunen, vor dem sich nun Investoren und
Wirtschaftsbosse fürchten.“ Wenn sich Investoren und Wirtschaftsbosse
„fürchten“, dann sorgt sich fraglos auch die deutsche Presse. Zuerst einmal
bilanziert die SZ zufrieden, dass „das Land nach der Isolation der Apartheid-Jahre
erfolgreich in die Weltwirtschaft eingebunden ist.“ Als ob es ein Widerspruch wäre zu den markt- und
weltwirtschaftlichen Erfolgen Südafrikas, fährt die SZ wegen des Kontrasts
zwischen florierender Wirtschaft und katastrophalen Lebensbedingungen der
südafrikanischen Bevölkerung mit einem „aber“ fort: „Das Wachstum aber nutzt den Menschen am unteren Rand der Gesellschaft kaum. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird rasant größer.“ Und, wo ist dabei das Problem, was stört die SZ
daran? Dass das Wachstum des Kapitals für die überwiegende Mehrheit der
Menschen eben nichts als Armut mit sich bringt und für sie daher gar nicht
bekömmlich ist? Für den Zeitungsschreiber drängt sich angesichts des
Nebeneinanders von hohen Wachstumsraten und zunehmender Armut und Ungleichheit
eine ganz andere „Frage“ auf: Hat diese zunehmende „Kluft zwischen Arm und
Reich“ vielleicht negative Auswirkungen auf Südafrikas Verlässlichkeit als
Geschäftspartner? Ist der neue Chef der Regierungspartei willens, an der
bisherigen politischen Linie unbeirrt festzuhalten? Und ist er gleichzeitig
auch in der Lage, deren negative und unerwünschte Folgen auf Land und Leute im
Griff zu behalten? Von der politischen Gewalt in Südafrika erwartet man ein
erfolgreiches Management des kapitalistischen Widerspruchs zwischen gedeihlichen
Geschäftsbedingungen auf der einen und den daraus resultierenden elenden
Lebensbedingungen und staatlichen Ordnungsproblemen auf der anderen Seite. Die FAZ fragt sich folglich, ob der neue Mann
souverän bleibt gegenüber seiner Basis? Zwar hatte Zuma vor seiner Wahl versichert, „unter
ihm als Präsident werde es keine Abkehr von dem wirtschaftsliberalen Kurs der
Regierung Mbeki geben. Doch der Mann aus KwaZulu-Natal wurde mit den Stimmen
derjenigen zum ANC-Vorsitzenden gewählt, die 14 Jahre nach Ende der Apartheid
endlich bessere Lebensbedingungen sehen wollen.“ Wird die Regierungspartei den
‚wirtschaftsliberalen Kurs‘ fortsetzen oder haben nun womöglich diejenigen,
die ‚bessere Lebensbedingungen sehen wollen‘, mehr Gewicht in der
Partei? „Sollten sich unter einem Präsidenten Zuma die
Gewerkschaften mit drastischen Lohnerhöhungen und verschärften
Arbeitsrechtbestimmungen durchsetzen? […] Zumas Anhänger interessieren weder Handelsdefizite
noch Börsenkurse, sondern die Unfähigkeit der lokalen Verwaltung, Strom und
Wasser zu liefern.“ So die Sorgen der FAZ, die ideell den Standpunkt
von Investoren und Börsenspekulanten ein- und bessere Arbeits- und
Lebensbedingungen der Leute als drohende Geschäftskosten wahrnimmt. Von unzufriedenen Volksschichten gehen Gefahren
für die junge Demokratie aus, die der künftige Führer Südafrikas beherrschen
können muss. In den Augen der ausländischen Beobachter ist es nicht schlimm,
dass die Demokratie dem in ihr seit dem Ende der Apartheid angeblich
herrschenden Volk nichts als Armut und Elend gebracht hat. Schlimm ist es fürs
sie, dass ein Politiker wie Zuma im Machtkampf um den Vorsitz der
Regierungspartei aus wahltaktischen Berechnungen an den Materialismus der Massen
appelliert. Denn kaum Schlimmeres kennen demokratische Journalisten, als dass
ein demokratischer Politiker, der vom Volk den Regierungsauftrag bekommen will,
der Unzufriedenheit dieses vom Reichtum ausgeschlossenen Volkes mit seiner
sozialen Lage recht gibt. Einen „Populisten“ (und zwar einen linken) schimpfen
sie einen solchen, der beim Volk mit Versprechungen auf Stimmenfang geht,
dessen materielle Lage zu bessern, wo doch derartige Versprechungen mit der
Aufrechterhaltung des „günstigen Investitionsklima“ in Südafrika gar nicht
zusammengehen. – Daher macht sich die SZ jetzt Sorgen darüber, wie Zuma der von
ihm aufgestachelten ‚Ungeduld‘ seiner Anhänger wieder‚Herr werden‘ will, wenn
er an der Politik des ANC gar nichts ändern will: „Die Armen wollen Jobs, Brot und eine
Perspektive. Und die Armen haben wenig Geduld. Zuma hat noch nicht erkennen
lassen, wie er der Probleme Herr werden will. Er müsse den Kurs des ANC gar
nicht ändern, beruhigte er die Investoren und Wirtschaftsführer. Doch das hieße
ja, dass alles so bleiben kann, wie es ist. Die glühenden Anhänger Zumas werden das nicht
erlauben.“
Dann allerdings hätten „wir“, d. h. die deutschen Investoren und Wirtschaftsführer, mit Südafrika ein Problem. PS. Gelassene Worte kommen von einem, der es wissen muss: „Man solle nicht zu viel auf das Getöse der Linken um Zuma geben. Denn erstens gebärdeten sich ‚Führungspersönlichkeiten oft anders, als vorher zu erwarten war‘, und zweitens werde auch Zuma mit den ‚Realitäten der Globalisierung‘ konfrontiert werden. Es sei denn, fügte der letzte weiße Präsident Südafrikas ominös hinzu, er entscheide sich für eine Politik des ‚nationalen Selbstmords wie in Simbabwe‘.“ (Die Welt, 20.12.) Zurück zur Übersicht :: Druckversion | |||