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Zurück zur Übersicht :: Druckversion Massenentlassung bei Nokia Bochum! Der Taeter: Eine finnische "Subventionsheuschrecke". Das Opfer: Der Kapitalstandort Deutschland - Die patriotische Aufwiegelung eines Arbeiterprotests (1) GegenStandpunkt
– Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 13. Februar 2008 Massenentlassung bei Nokia
Bochum! Die patriotische Aufwiegelung eines Arbeiterprotests
(Teil 1) Der finnische Konzern gibt die Schließung des Mobilfunkwerks in Bochum bekannt. 2300 Angestellte verlieren den Arbeitsplatz, 1000 Leiharbeiter ihren Job, viele weitere Stellen bei Zulieferern sind gefährdet. Nach Siemens-BenQ schließt der zweite Handyhersteller in NRW und der letzte seiner Art in Deutschland, Nokia eröffnet neue Fabriken in Ungarn und Rumänien: Eine ziemlich alltägliche Nachricht aus der Welt der globalisierten Marktwirtschaft! Überall in der heute grenzenlosen Standortkonkurrenz
kapitalistischer Staaten erfahren Menschen die Abhängigkeit ihres
Lebensunterhalts von den Investitionen eines weltweit vergleichenden Kapitals,
um dessen Ansiedlung die Regierungen buhlen. Land & Leute werden zum Inventar
eines Standortes hergerichtet; Natur & Straßen, Löhne & Bildungsniveau,
die heimische Kaufkraft, der soziale Friede oder Lizenzen zur Umweltverpestung
werden als Standortbedingung feilgeboten. Entscheidet sich ein Konzern
für die Nation, deren Insasse man zufällig ist, und baut in der Nähe des
eigenen Wohnorts einen Industriepark mit Arbeitsplätzen, so wird Menschen das
größte anzunehmende Glück zuteil, das es in der kapitalistischen Welt gibt:
Ihnen wird Arbeit gegeben. Auch einige Tausend Bochumer haben dieses Glück
gehabt: Vor 20 Jahren übernahm Nokia die TV-Firma Graetz und baute das Werk mit
Hilfe staatlicher Geldspritzen in eine Handyfabrik um; von damals 4500
Festangestellten ist die Hälfte übrig geblieben. Jetzt wird der Standort samt
Bahnhaltestelle „Nokia“ beerdigt. Die Arbeiter erfahren es aus dem Radio: Kein
Interesse mehr an der Ausbeutung hiesiger Nokianer, Ende der Durchsage. Die
Betroffenen sind „entsetzt“. Offenbar jedoch nicht über die gültige
kapitalistische Rechnungsweise, der ihr Lohn nun zum Opfer fällt, sondern
darüber, dass in diesem Fall die Sachzwänge und Konkurrenznöte gar nicht
vorliegen, mit denen Entlassung und Verarmung sonst gewöhnlich plausibel
gemacht werden. Nokia, heißt es, steht am Weltmarkt gut da, macht in Bochum
Gewinn und jetzt dennoch zu; trotz bombiger Geschäfte verlässt Nokia den
Standort D in Richtung Ausland. Das ist nicht fair: Heuschrecke! Vor lauter Aufregung über einen ganz extra
geldgierigen heimatlosen Multi soll und mag keiner mehr bemerken, dass auch
dieser Fall proletarischer Verarmung auf die Kappe des Systems der ganz normalen
kapitalistischen Gewinnmaximierung geht, zu der die ehrenwerten Herren von
Nokia mit einigem Aufwand nach Deutschland gebeten worden sind. Nokia erklärt die Gesetze der globalen
Profitrechnung
„Trotz aller gemeinsamen Anstrengungen ist Bochum als Standort zur Fertigung mobiler Telefone im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig.“ Mit dem Stichwort ‚wettbewerbsfähig’ erinnert der
Aufsichtsratsvorsitzende Sundbäck an den Zweck der Handyfertigung sowie aller
Lohnzahlung: Arbeitsplätze werden eingerichtet, damit sie größtmögliche Gewinne
abwerfen; Löhne werden gezahlt, solange aus ihnen befriedigende Überschüsse
herauszuholen sind. Den Maßstab befriedigender Erträge demonstriert der
Vorsitzende an seiner jüngsten Bilanz: 54,9 Milliarden Euro Rekordumsatz, 7,6
Milliarden Rekordgewinn in 2007; 40 % Weltanteil am Handygeschäft; den
westeuropäischen Markt siegreich abgegrast, der nun als „gesättigt“ gilt; neue
Weltmärkte Richtung Asien und neue Handytechnologien im Blick. Auch Werk Bochum
schreibt „schwarze Zahlen“, kriegt aber zu hören, dass hier für die Fertigung
von nur 6 % aller Geräte 23 % der Lohnkosten aufgewendet würden. Weil
die Benutzung lohnabhängiger Menschen andernorts für ein Linsengericht zu haben
ist, werden deren Klassenbrüder hier entlassen; gemessen daran war die Beschäftigung
der Bochumer ein Geschäft, aber nicht Geschäft genug! In aller Deutlichkeit erläutert der Weltmarktführer
auch die Ziele, die mit dem Umzug erreicht werden sollen. Nicht
Misserfolg im harten Wettbewerb oder eine Krise der Mobilfunkbranche bewegt ihn
zur Verlagerung nach Osten, sondern sein Erfolg. Gegen die gerne bemühte Lesart
vom leidigen Sachzwang, dem anonymen Gesetz der Konkurrenz, dem der
Unternehmer wohl oder übel entsprechen muss, bekennt sich die Firma dazu, dass
sie in aller Freiheit ihren Erfolg sichern und ausweiten und den Weltmarkt auch
künftig dominieren will. Der Anspruch, die „operative Gewinnmarge von 17 auf
20 %“ zu steigern, ist ein vollkommen ausreichender Grund, das
Ruhrgebiet zu verlassen. Diese Spanne ist nun einmal leichter mit Hungerlöhnen
zu erreichen. Da hilft es nichts, dass Kritiker vermerken, der Anteil der
Lohnkosten in der Branche liege am Standort D „bei nur 5 Prozent“. Was heißt da
nur? Wenn die Firma es beim Lohndrücken und Rationalisieren schon so
weit gebracht hat, dann bringt sie es auch noch weiter, und dann sind eben auch
5 % Lohnkosten noch zu viel! Das Geld, das er auch in Bochum verdient hat,
nutzt der Konzern zur freien Besichtigung der europäischen Arbeiterklasse unter
dem Gesichtspunkt ihrer absoluten Billigkeit; und am Ende investiert er 60
Millionen in Rumänien. Dagegen ist Bochum nicht wettbewerbsfähig. Und unter
diesem Urteil leidet nicht nur die Belegschaft. Die Stadt verliert ihren
zweitbesten Steuerzahler, der zuliefernde Mittelstand seine Geschäftsbasis, die
DHL ihren größten Paketkunden; am Ende der Kette gehen Bäcker, Kioske, Kneipen
kaputt. Der gesamten regionalen Infrastruktur wird der Nährboden entzogen, aus
dem sie entstanden ist: Denn alles wirtschaftliche Leben hängt am Bedarf des
Kapitals und wird mit dem Verlust dieses Bedarfs abgedreht. Brave Arbeitsleute fühlen sich von
treulosem Ausbeuter im Stich gelassen:
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