![]() |
| |||
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Zurück zur Übersicht :: Druckversion Erdogan besucht "unsere" Türken: Falscher Nationalismüs auf deutschem Boden! GegenStandpunkt
– Kein Kommentar im Freien Radio für
Stuttgart vom 27. Februar 2008 Erdoğan besucht „unsere“
Türken: Falscher
Nationalismüs auf deutschem Boden! Der türkische Ministerpräsident Erdoğan kommt auf
Staatsbesuch nach Deutschland, wo an die drei Millionen Türkischstämmige als
Ausländer oder als Inländer mit deutschem Pass leben. Einige von ihnen sind
gerade ein paar Tage zuvor in Ludwigshafen beim Brand eines Hauses ums Leben
gekommen. Beim Besuch des Unglücksortes findet Erdoğan „dämpfende Worte“
(t‑online-nachrichten, 13.2.08) angesichts des in der deutschen und
türkischen Presse geäußerten Verdachtes, die Brandtoten seien einmal mehr Opfer
ausländerfeindlicher Umtriebe von Deutschen geworden. Solche Übergriffe gegen
Türken, Türkischstämmige und andere Ausländer sind ja nicht eben selten in
Deutschland. Die große Mehrheit der Türken und türkischstämmigen Inländer
arbeitet zwar fleißig und lebt gesetzestreu – genau wie ihre deutschen Nachbarn
–; dennoch gelten sie nicht als vollwertige Mitglieder der inländischen
Volksgemeinschaft – noch nicht einmal diejenigen, die ihr ganzes Arbeitsleben
in Deutschland verbracht haben und längst Besitzer deutscher Pässe sind, und
diejenigen, die als Kinder oder Enkel von Einwanderern in Deutschland geboren
und aufgewachsen sind. Der deutsche Staat verfolgt seit geraumer Zeit das
Programm der „Integration“ der hier lebenden Ausländer.1)
Trotz der jahrzehntelang geltenden politischen Leitlinie, Deutschland sei kein
Einwanderungsland und die Türken kehrten irgendwann wieder heim, blieb
ein großer Teil der Einwanderer, so dass mittlerweile schon die 3. Generation
hier lebt. Daraus zog die deutsche Politik den Schluss, von den Einwanderern,
die dauerhaft in Deutschland bleiben wollen, „Integration“ zu verlangen,
d. h. sich für den deutschen Staat als ihre einzig zuständige Obrigkeit zu
entscheiden. Spätestens wenn sie einen deutschen Pass beantragen, sollen sie
sich als verlässliche deutsche Bürger zeigen. Dazu zählt für die
Bundesregierung, dass die Bewerber um eine deutsche Staatsbürgerschaft die
Beherrschung der deutschen Sprache und mindestens gewisse Grundkenntnisse der
Landesgeschichte und Kultur nachweisen.2)
Sie sollen „unsere“ westliche „Leit-Kultur“ inklusive ihres christlich
geprägten Wertehimmels schätzen und sich nicht mehr vom Rest der Deutschen in
einer türkisch-islamisch geprägten „Parallelgesellschaft“ abkapseln. Letztlich
soll sich so ihr Heimatgefühl wandeln und sich den deutschen und nicht mehr den
türkischen Landen zuwenden. Nur aus einer solchen Gefühlslage nämlich – da sind
sich deutsche Integrationspolitiker sicher – erwächst die grundsätzliche und
bedingungslose Loyalität der Neubürger zu ihrem neuen Staat, auf die der scharf
ist. Erst diese Haltung macht aus Einwanderern, die aus materiellen, also berechnenden
Gründen gekommen sind, echte Staatsbürger. Sie sollen – wie der Staat es bei
den Eingeborenen voraussetzt – berechnungslos für Deutschland einstehen,
damit sie ihm als Manövriermasse für beliebige staatliche Vorhaben zur
Verfügung stehen – ganz so wie die Alteingesessenen, die als Staatsbürger von
Geburt an ohnehin keine Alternative dazu haben. Erdoğan vereinnahmt die Türkischstämmigen als
„Auslandstürken“, denen er auch mit Blick auf die türkische Öffentlichkeit
Wichtiges mitzuteilen hat. Er lädt sie in die Köln-Arena ein und hält ihnen
eine lange Rede. Mit Hymne und Fahne, Videoclips, Licht- und Musikregie und
unter dem Jubel seiner Volksgenossen präsentiert er sich nach allen Regeln
nationalistischer Inszenierungskunst als „Popstar der türkischen Politik“,
wie die Süddeutsche halb hämisch und halb bewundernd anmerkt. Diese
Inszenierung wird von der kritischen deutschen Öffentlichkeit misstrauisch
beäugt: Der erscheint es bei einem wie Erdoğan als höchst unpassend, wenn
sich das von deutschen Politikern wohlbekannte demokratisch-nationalistische
Wahlkampfgetöber mitten in Köln plötzlich türkisch gibt. Manchen fällt dazu
sogar das hässliche Wort „Personenkult“ ein, das ihnen bei den Veranstaltungen
ihrer deutschen Wahlkämpfer nur selten über die Lippen kommt. Erdoğan seinerseits kann nicht anders, als seinen
begeisterten Zuhörern einzugestehen, dass er sie genau so großartig findet wie
sie ihn. Erstens überhaupt weil sie Türken sind und zweitens, weil sie
das auch im fernen deutschen Ausland geblieben sind: „Sie haben ihre Augen und Ohren immer auf die
Türkei gerichtet, ..., Ihren Glauben, Ihre Werte, Ihre Kultur bewahrt“ und
„sich gegenseitig unterstützt.“ (Erdoğan-Rede, SZ, 14.2.08). Dieser prächtige Menschenschlag, so findet der
leitende Türke, muss auch in der Fremde unbedingt erhalten werden, weshalb es
für ihn nicht nur selbstverständlich ist, „dass unsere Kinder Türkisch
lernen“, sie haben sogar „das natürlichste Recht“ darauf. Türkische
Sprache und Kultur stehen dem Auslandstürken so unwidersprechlich zu, dass „Assimilation“
ein Verbrechen höchsten Kalibers wäre; „ein Verbrechen gegen die
Menschlichkeit“ sogar, wie Erdoğan betont. Andererseits sollen die
ausländischen Türken aber auch erfolgreiche Türken sein. Deshalb sollen
sie die „Sprache des Landes erlernen, in dem sie leben“ und davon „in
jeder Hinsicht profitieren“: Die türkische Gemeinschaft sollte „in der
Lage sein, in der deutschen politischen Landschaft einen Einfluss auszuüben,
Wirkungen zu erzielen ...“, schließlich „hat sie sich volle 47 Jahre für
dieses Land verausgabt.“ (Erdoğan-Rede, ebd.). Ihren materiellen
Vorteil im Ausland zu suchen, gleichzeitig aber mit Herz und Verstand Türken zu
bleiben, das schätzt Erdoğan an den Veranstaltungsgästen, weil diese
Geisteshaltung der Auslandstürken nämlich eingesetzt werden kann. Wenn
Erdoğan in seiner Rede an alte Versprechungen der EU erinnert – „die
Türkei gehört nach Europa!“ –, von denen die deutsche Regierung heute immer
weniger wissen will, dann setzt er die vielköpfige türkische Gemeinde in
Deutschland als leibhaftiges Argument für seine Sicht der Dinge ein. * Dieses Benehmen eines ausländischen Regierungschefs
auf deutschem Boden stößt inländischen Politikern sauer auf. Sie sind
überwiegend empört und lassen den Obertürken und seine so unbedacht
jubelnden Anhänger wissen, dass sie in diesem Auftritt keinen Akt der
deutsch-türkischen Verständigung sehen. Vielmehr einen der zwischenstaatlichen
Unhöflichkeit und einen Verstoß gegen deutsche Zuständigkeitsrechte, den sie
nicht widerspruchslos durchgehen lassen wollen. Kaum dass man ihnen die
Erdoğan-Rede übersetzt hat, stellen die CSU-Chefs Huber und Beckstein in
der Süddeutschen Zeitung vom 13.02. fest, dass Erdoğan sich schuldig
macht, wenn er „die türkische Sprache und Kultur eindeutig über die deutsche“
stellt. Da wird in ihren Augen eine ganz falsche Rangfolge aufgemacht,
wenn deutschen Türken das Türkische als ihre naturberechtigte Muttersprache ans
Herz gelegt wird, das Deutsche aber als Mittel ihrer ökonomischen und
politischen Vorteilsrechnung. Genau das – Bürger, die in Deutschland ihren
materiellen Vorteil suchen, gedanklich und gefühlsmäßig aber ihrem türkischen
Herrn verpflichtet bleiben – soll nicht passieren, das ist das Gegenteil der
angestrebten „Integration“. Da hören die CSUler und ihre Kollegen sofort ihren
eigenen nationalistischen Geist heraus – solche Lobreden auf die von
Erdoğan über den grünen Klee gelobten Auslandstürken, seine Freude
darüber, dass diese auch nach über 40 Jahren noch türkisch denken und fühlen,
stellen „eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands“
dar (SZ, 13.2.08), „weil sich Erdoğan an Tausende Türken mit deutschem
Pass gewandt habe“. „Für das Zusammenleben in Deutschland ist aber die
deutsche Politik zuständig“ – und sonst niemand, flankiert auch der CDU-Bosbach
in focus.de am 12.2.08. So drücken deutsche Politiker dem türkischen Regierungschef
gegenüber aus, dass ausschließlich die deutsche Politik dafür zuständig
ist, wie Integration hierzulande geht: §
wer wie eingemeindet
wird nach den Bedürfnissen des Standortes und gemäß dem Umfang seiner politisch
und wirtschaftlich definierten Bürger- und Arbeitspflichten; §
wem wie viel zusteht,
dafür, dass er sich „verausgabt“ hat; und §
wer und wie ausgegrenzt
gehört und zwar streng nach den Kriterien des Ausländer‑, Zuwanderungs-
und Sozialrechts. Auf die Türken in Deutschland, zumal
auf die mit deutschem Pass, hat niemand anders Anspruch als eben Deutschland,
vertreten durch seine Kanzlerin. Wenn sich gemäß CSU-Generalsekretär Söder „die
Türkei als Schutzmacht der in Deutschland lebenden Türken aufspielt“, dann
überschreitet sie ihre Zuständigkeiten. Was Kanzlerin Merkel auch sofort
bestätigt und betont, dass sie auch „die Kanzlerin der türkischstämmigen
Deutschen ist“, weshalb deren „Loyalität dem deutschen Staat gehören
müsse.“ In diesem Streit wird nichts anderes verhandelt als
die sehr prinzipielle zwischenstaatliche Frage des politischen Verfügungsrechts
über einen nicht unbeträchtlichen Teil des inländischen Volkskörpers. Als dessen
– zumindest – Mitinhaber macht im Fall der deutschen Türken
die türkische Obrigkeit konkurrierende Besitzansprüche, Zuständigkeiten und
Einmischungsrechte geltend. Genau so wie es die deutsche und jede andere
Regierung mit Blick auf eigene nationale Minderheiten im Ausland tut. Und
solche undeutschen Ansprüche werden von der deutschen Politik mit
unmissverständlicher Grobheit zurückgewiesen: Unsere Türken gehören „uns“ und
sonst niemandem! Und Erdoğan soll gefälligst seine unverschämten Finger
von ihnen lassen!! Wenn das klar ist, sind ansonsten die „Beziehungen zur
Türkei in einem ganz ausgezeichneten Zustand“, wie Regierungssprecher Steg
anfügen darf. * Zur Erklärung und als Fast-Entschuldigung des Jubels
der inländischen Türken in Köln über ihren Erdoğan bietet der Vorsitzende des
Bundesausländerrates Mehmet Kilic einen sachdienlichen Hinweis an: „Wenn man Migranten ausgrenzt, dann bleibt ihnen
nichts anderes übrig, als sich mit einem anderen Staat und einem anderen
Ministerpräsidenten zu identifizieren.“ (linie1-magazin.de) Dieser Geisteszustand, sich für seine Obrigkeit zu
begeistern, die ihre Bürger dazu einlädt, sich als ihr Volk aufzuführen,
kommt einem von deutschen Mitbürgern ziemlich bekannt vor. In diesem Sinne – zumindest
was ihr Bedürfnis nach Nationalismus angeht – sind die türkischen Migranten
in Deutschland, mindestens genau so gut assimiliert wie ihre deutschen
Bürgerkollegen. 1) „Stichwort: Integration, Die Nation beschafft ihren Immigranten eine deutsche Staatsbürgernatur“; in GegenStandpunkt 4‑06. 2) Der „Wissens- und Wertetest“ für Ausländer: Von der Schwierigkeit, die wahren Deutschen herauszufinden – Grundwissen Deutsch: Was ein werdender Staatsbürger alles wissen muss – Muss ein guter Deutscher das alles wissen? In: GegenStandpunkt 2‑06 Zurück zur Übersicht :: Druckversion | |||