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Zurück zur Übersicht :: Druckversion GDL - Der haerteste Arbeitskampf in der Geschichte der deutschen Bahn beendet? Von wegen! Mehdorn schlaegt zurueck GegenStandpunkt – Kein
Kommentar
im Freien Radio für Stuttgart vom 5. März 2008 Der
härteste Arbeitskampf in der Geschichte der Deutschen Bahn beendet? Von wegen!
Mehdorn
schlägt zurück
Mitte Januar sah
es so aus, als sei der ungewöhnliche Arbeitskampf durch die Unterschrift der Konfliktparteien
unter den Kompromissvorschlag von Minister Tiefensee ausgestanden. Zufrieden
äußerten sich Politiker und Medien, dass der Arbeitsfrieden wiederhergestellt
ist, die Züge zuverlässig fahren, und die Lokführer nicht mehr auffallen, weil
sie einfach wieder Dienst tun. Ob sie ihre soziale Lage durch ihre Hartnäckigkeit
wirklich verbessert haben, ob das Ergebnis den Aufwand rechtfertigt, ja worin
es überhaupt genau besteht, – das alles interessierte die öffentliche
Kommentierung wenig: Hauptsache, die soziale Ordnung ist wieder in Ordnung. Auch GDL-Chef Schell
zeigte sich – vorschnell, wie man inzwischen weiß – überaus zufrieden über „Ein
Ergebnis, das sich sehen lassen kann!“. – Ja, wenn man es nicht auf die
19 % Reallohnverlust und die Verdopplung der Produktivität pro
Beschäftigten bezieht, mit denen die Lohnforderung ursprünglich begründet
wurde, sondern auf das einige Prozent schlechtere Ergebnis, das Transnet für
die übrigen Bahner abgeschlossen hat: Auf die 19 Monate effektive Laufzeit
verteilt, ergibt die gestaffelte Lohnerhöhung, die am Schluss 5 Monate lang auf
11 % steigt, etwa 7,5 % plus eine Stunde Arbeitszeitverkürzung ab
Februar 2009. Die GDL-Spitze meinte wohl, die Abstriche vertreten zu können,
angesichts ihres viel wichtigeren Erfolgs: In diesem Lohnkampf hat sich die GDL
als eigenständige Tarifvertragspartei durchgesetzt. Sie hat gegen eine
erbitterte Feindschaft der Kapitalseite und der konkurrierenden
Mehrheitsgewerkschaft Stand gehalten. Man wollte sie nicht als tariffähige
Vertretung ihrer Mitglieder anerkennen, ihren Arbeitskampf verbieten, ihre
Organisation und Handlungsfähigkeit vernichten, ihre streikenden Mitglieder
kriminalisieren und teilweise feuern. Die GDL hat sich nicht einschüchtern
lassen. Sie hat vom höchsten deutschen Arbeitsgericht ein Recht auf Streik bestätigt
bekommen – und davon Gebrauch gemacht. Sie hat demonstriert, dass sie den
Zugverkehr weitgehend lahm legen kann; und sie hat in der Endphase von Seiten
der Berliner Regierung eine gewisse Aufwertung als Konfliktpartei erfahren:
Mehdorn musste mit ihr verhandeln. Wie wenig dieser
Erfolg, insbesondere das Wort „eigenständiger Tarifvertrag“, für die GDL
wert ist, zeigt sich einen Monat später: Die Einigung vom Januar hat die
entscheidende Frage offen gelassen, die bis dahin das große Hindernis für jede
Verständigung war. Man hat zwar einen Vertrag unterschrieben, aber als Teil
der Einigung hat die GDL akzeptiert, mit den anderen Bahn-Gewerkschaften einen
Kooperationsvertrag und mit der Bahn einen Grundlagen-Tarifvertrag zu
vereinbaren. Ob dies nun aber als Vorbedingungen dafür gemeint war, dass die
Vereinbarungen über Lohn und Arbeitszeit überhaupt wirksam werden, ist nicht
geklärt worden; beide Seiten vertreten dazu vollkommen unvereinbare Positionen.
Die Bahn interpretiert diese Zusatzvereinbarungen jedenfalls als Vorbedingung,
und auf einmal wird deutlich, dass die Durchsetzung der GDL im Grundsätzlichen
noch überhaupt nicht gelungen ist und die Gegenseite sie als Tarifpartner noch
keineswegs akzeptiert. Der ganze Erfolg des Streiks steht wieder in Frage; die
Lokführer werden noch einmal kämpfen müssen, um sich das auch wirklich zu
holen, was sie schon zu haben glaubten. Bahnchef Mehdorn
hatte schon am Tag seiner Unterschrift unter Tiefensees Zettel zu erkennen gegeben,
dass für ihn dieser Kampf noch lange nicht zu Ende war. Mehdorn
ist nicht bereit, Arbeitsfrieden und Zuverlässigkeit des Fahrplans gegen die
Zugeständnisse aufzuwiegen, die dafür erforderlich waren. Ihm geht es ums
Prinzip dessen, was er von „seiner“ Gewerkschaft in einer Tarifauseinandersetzung
selbstverständlich verlangt. Wenn der Arbeitsfrieden einen Preis hat, den
Mehdorn nicht selbst festsetzen kann, dann ist er in seinen Augen zu teuer
erkauft. Deswegen erscheint ihm die Fortsetzung des Kampfes bis zur endgültigen
Niederlage der störenden Gewerkschaft als das einzig Richtige. Gewerkschaften,
so sieht er die Sache, dürfen sich als Verhandlungspartner des Kapitals nur so
betätigen, dass sie die Renditeansprüche des Kapitals einsehen, die Interessen
ihrer Mitglieder den betrieblichen Belangen unterordnen und ihnen diese
Unterordnung als einzig realistischen Weg der Vertretung dieser Interessen
verkaufen. Eine Gewerkschaft, die da aus der Reihe tanzt, gehört schlicht und
einfach fertig gemacht, damit „unrealistische“ Ansprüche des
Arbeitsvolks und „sich mit Forderungen überbietende Kleingewerkschaften“
(Mehdorn) gar nicht erst Schule machen. Der Bahnchef sieht sich in einer
Schlacht, die er stellvertretend für die ganze kapitalistische Nation schlägt
und bei der er auf konsequente Unterstützung durch die Staatsmacht gehofft
hatte. Aber erst ließ ihn die Justiz dabei im Stich, den GDL-Streik zu
kriminalisieren, und dann fiel ihm der öffentliche Eigentümer mit seinem
zuständigen Minister in den Rücken und zwang ihn zu einer Einigung mit der GDL.
Seine Konsequenz besteht darin, dass der Kampf weitergeht, bis der von
ihm unterschriebene Erfolg der GDL rückgängig gemacht ist. Er kündigt an, dass
er den Schaden für die Bahn – das sind für ihn die Einkommensverbesserungen der
Lokführer – umgehend wieder in Ordnung bringen wird. Wer die
Konsequenzen tragen muss, unterliegt angesichts seiner Liste der Gegenmittel
keinem Zweifel: „Rationalisierungen“, „Outsourcing“, „Leiharbeit“,
„Verlagerung von Arbeit in Billiglohngebiete“ und „Entlassungen“
kündigt er an und außerdem erklärt er den bis 2010 vereinbarten Beschäftigungspakt
für tot. Er sät nach Kräften Verbitterung gegen die GDL, indem er den Opfern
seiner angekündigten Maßnahmen, dem Personal und den Fahrgästen,
mitteilt, bei wem sie sich dafür zu bedanken haben. Dass die DB sowieso ständig
die Preise erhöht, rationalisiert, Leistungen einschränkt usw., tut der
Glaubwürdigkeit seiner Drohung keinen Abbruch. Man weiß genau, dass er all das
auch 2008 wieder tun wird, jetzt eben als Reaktion auf den
GDL-Abschluss, als Kompensation dafür, was die Lokführer sich erstritten
zu haben glaubten. Er erklärt den GDLern lauthals, dass er sich alles
zurückholen will, um sie darüber zu belehren, dass ihr Versuch zwecklos ist,
sich gegen den Willen der Chefetage besser zu stellen: Auch eine Art, den
Proletariern die Unversöhnlichkeit des Kapitals gegen jedes Lohninteresse
anzusagen und ihnen damit vor Augen zu stellen, dass sie kämpfen müssen, wenn
sie nicht jede Verschlechterung des Verhältnisses von Lohn und Leistung
schlucken wollen. Deutschlands
Politiker und Medien verstanden diese Botschaft totaler Unversöhnlichkeit und
erschraken – aber nur für einen kleinen Augenblick. „Mehdorns fiese Rache“
haben die Medien registriert und für unschön befunden. Nach
Arbeitskampf und Vertragsabschluss hat die Konfrontation vorbei zu sein, da
sind sich die Zeitungen mit dem Verkehrsminister einig: Tiefensee erinnert
daran, dass der soziale Frieden eine Produktivkraft des deutschen Kapitalismus
ist, die Mehdorn nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte. Wenn nämlich
Gewerkschaften unternehmerische Entscheidungen mittragen, können sogar
Radikalkuren wie die Bahnprivatisierung ohne Ärger über die Bühne gebracht
werden: Halbierung der Belegschaft, Lohnsenkung, Arbeitszeitverlängerung,
schlechtere Schichtmodelle – all das hat Mehdorn im letzten Jahrzehnt zugunsten
der Profitmaschine Eisenbahn glatt einfahren können. Da müsse er auch einmal
einen Preis für den sozialen Frieden bezahlen. Die FAZ schickte
Ihrer Wortmeldung eine kleine Kritik an Mehdorns schlechten Stil voraus – Nachtreten
ist unfein! – in der Sache aber gab sie Mehdorn voll recht: „Die Anmaßung
der Politiker, über die Gewinnverwendung des Unternehmens zu befinden, sagt
viel über deren Wirtschaftsverständnis. […] Wo das Geld wirtschaftlich
am sinnvollsten angelegt ist, kann nur der Vorstand bestimmen, nicht die
Politik.“ (FAZ, 17.1.) Das ist doch mal
ein klares Wort: Aus einem hohen Gewinn folgt für die Löhne gar nichts! Für die
FAZ ist klar, dass Löhne die am wenigsten sinnvolle Anlageform für Gewinne
sind. Im Gegenteil: Sie schmälern den Gewinn und damit das Budget für
alles, was zukünftigen Gewinn verspricht. Wenn
das hohe Gut der Tarifautonomie, auf das die Gewerkschaften so stolz sind, plötzlich
Anhänger im Lager der Gewerkschaftsfeinde findet, dann sollte das den
Gewerkschaftern zu denken geben. Dass die abhängig Beschäftigten kollektiv um
Lohn verhandeln und kämpfen dürfen, schätzen die journalistischen Freunde der
Tarifautonomie nur deswegen, weil sie es als sicheres Mittel für die
Kapitalseite schätzen. Sie treten ein für die Freiheit des Lohnkampfs als
Instrument, den abhängig Beschäftigten Niederlagen beizubringen, deren
Ansprüche auf ein „realistisches“ Maß zurückführen und den Preis zu
senken, statt zu erhöhen, zu dem sie sich ihre Ausbeutung gefallen lassen.
Diese Meinungsmacher sind sich unverschämt sicher, dass das Kapital am längeren
Hebel sitzt, dass Mehdorn die GDL schon fertig gemacht hätte, dass die
Lokführer kapituliert hätten, wenn die Politik nur, wie es sich im freiheitlichen
Laden gehört, dem Klassenkampf seinen Lauf gelassen hätte. Es geht also
wieder von vorne los: Jetzt kommt Mehdorns Gegenschlag. Er setzt den Kampf um
die Zurückweisung der GDL-Forderungen fort und besteht auf einer Unterschrift
der GDL unter einen Grundlagen-Tarifvertrag. Den haben seine Juristen
einzig zu dem Zweck aufgesetzt, um über die Bedingungen, unter denen der
Tarifvertrag gültig werden soll, das Ausgehandelte widerrufen zu können.
Dasselbe soll der Kooperationsvertrag mit der DGB-Gewerkschaft Transnet
und mit der GDBA vom Deutschen Beamtenbund leisten, den die GDL auch
noch zu unterschreiben hat, ehe die Bahn die Tarifeinigung in Kraft setzt. In
diesen Verträgen hätte die GDL zu akzeptieren, §
dass sie
bis 2015, also für die nächsten sieben Jahre, keine Forderungen erheben darf,
die die Lokführer besser stellen würden als andere Bahnbeschäftigte; §
dass sie
überhaupt Lohnforderungen nur noch gemeinsam mit den anderen Bahngewerkschaften
stellt; §
dass sie
also im Grund wieder in die Tarifgemeinschaft zurückkehrt, aus der sie mit
ihrem Lohnkampf ausgebrochen ist. Nur dann würde der Konzern diesen Ausbruch
einmalig hinnehmen, wenn eine Wiederholung für eine lange, am besten für alle
Zukunft ausgeschlossen wäre. §
Außerdem
soll die GDL unterschreiben, dass sie nicht zuständig ist für die Löhne
der Lokführer, die Rangierloks fahren, und auch nicht für diejenigen, die die
Bahn nicht im Konzern, sondern in konzerneigenen Zeitarbeitsfirmen oder
sonstigen Subunternehmen anstellt. Auf diese Weise würde ihr Tarifvertrag für
immer weniger Lokführer gelten; und die schlechter gestellten Billigkollegen
wären eine stete Bedrohung sowohl für die durch deren Schlechterstellung von
Seiten der DB geschaffenen „Privilegien“ wie für die Beschäftigungssicherheit
und die Durchsetzungsfähigkeit der GDLer. Die Bahn zwingt
die Lokführern dazu, um jedes Element ihrer Forderungen einzeln zu kämpfen:
Nicht nur um den materiellen Inhalt des Vertrags, auch um jede kleinste
Bedingung seiner Geltung: Alles hängt an der Durchsetzung als eigenständiger
Vertragspartner. Während Schell gemeint hat, die unmittelbaren Verbesserungen
bei Lohn und Arbeitszeit seien nicht ganz so wichtig, angesichts der gelungenen
Durchsetzung der GDL als Tarifpartei, präsentiert ihm Mehdorn nun die
Umkehrung: Nicht nur, dass diese grundsätzliche Durchsetzung noch überhaupt
nicht gegessen ist, der Bahnchef versucht, die Lokführer mit den in Aussicht gestellten
materiellen Verbesserungen dazu zu ködern, dass sie aufs kleinliche
Durchkämpfen der Rechtsstellung ihrer Vertretung verzichten. Ohne die ist aber
der ganze Abschluss nichts wert. Kurzfassung des Artikels
mit demselben
Titel in GegenStandpunkt
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