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GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 12.03.08, 18 Uhr

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Massenentlassungen bei BMW: Wenn aus zusaetzlichem Wachstum kein zusaetzlicher Gewinn entsteht, dann muss der Lebensunterhalt von Lohnarbeitern gestrichen werden! Darauf haben die Anteilseigner ein Recht; das setzen Manager um; das rechtfertigen Journalisten; das verstehen Gewerkschafter

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 10. März 2008
GegenStandpunkt – Kein Kommentar
im Freien Radio für Stuttgart vom 12. März 2008

Massenentlassungen bei BMW

Wenn aus zusätzlichem Wachstum kein zusätzlicher Gewinn entsteht,
dann muss der Lebensunterhalt von Lohnarbeitern gestrichen werden!

Darauf haben die Anteilseigner ein Recht;
das setzen Manager um;
das rechtfertigen Journalisten;
das verstehen Gewerkschafter

In der Rechtfertigungslegende des Wirtschaftssystems namens Marktwirtschaft spielt die Behauptung eine zentrale Rolle, der Profit finanziere die Arbeitsplätze von Leuten, die von Lohnarbeit leben müssen, und deshalb könne er gar nicht hoch genug sein, um diese zu erhalten. Den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung kann man gerade bei der BMW AG überprüfen, die Arbeitsplätze keineswegs deswegen streicht, weil sie Verluste macht, sondern weil die Rentabilität, die sie im letzten Jahr erzielt hat, ihren Aktionären nicht reicht.

So kündigte BMW Ende Dezember im Rahmen seines „Strategieprogramms“, nach dem bis 2012 sechs Milliarden Euro eingespart werden sollen, eine Massenentlassung von 8000 Beschäftigten an. Schnörkellos gibt die Konzernleitung darüber Auskunft, was Grund und Zweck der Maßnahme ist: „Wir wollen die Trendwende bei der Profitabilität schaffen“ (FAZ, 22.12.07) und teilt – „im Klartext“, damit es jeder versteht – auch gleich mit, dass der erwünschte Trend zu mehr Profit bereits auf gutem Wege ist und genau dieser Erfolg die Entlassungen nötig macht: „Der Grund sei ein ‚Produktivitätsfortschritt von zehn Prozent‘, der heuer im Werk erzielt worden sei. ‚Unser erklärtes Ziel ist es, jedes Jahr um fünf Prozent besser zu werden‘, sagte [BMW-Sprecher] Rebstock. Im Klartext heißt das: Es werden künftig weniger Mitarbeiter gebraucht, um die gleiche Zahl von Autos zu produzieren.“ (SZ, 22./23.12.)

Mit größter Selbstverständlichkeit werden hier Grundrechnungsarten des kapitalistischen Wirtschaftens präsentiert: Mehr Profitabilität heißt – selbstverständlich! – mehr Produktivität. Und mehr Produktivität bedeutet – natürlich! – weniger Mitarbeiter. Die quasi interesselose Gesetzmäßigkeit dieses kleinen Gleichungssystems mag zwar für den Lebensunterhalt der nicht mehr gebrauchten Mitarbeiter katastrophale Folgen haben; sachlich gilt der dargelegte Zusammenhang offenbar als allgemein anerkannt und so überzeugend, dass man ihn ohne einen Anflug von Peinlichkeit öffentlich verkünden kann: Man kann die Gleichungen von hinten nach vorne lesen oder auch im Kreis – stets kommt das Passende heraus: Wer künftig weniger Mitarbeiter brauchen will, muss produktiver werden; und umgekehrt. In der wunderbaren Welt der kapitalistischen Konkurrenz ist ein Produktivitätsfortschritt gleichbedeutend mit allfälligen Massenentlassungen und gleichzeitig ihr guter Grund.

Ist das Grundsätzliche wieder einmal verstanden, kann man in die Details des Vorhabens gehen. Bei dessen Realisierung wird sich die Firma einer segensreichen Einrichtung des kapitalistischen Arbeitsmarkts bedienen: Wie in allen großen deutschen Konzerne sind nennenswerte Anteile der Stellen mit Leiharbeitern besetzt. Deren kapitalistischer Beruf besteht darin, die Rolle eines besonders flexiblen Instrumentariums auszufüllen, auf dem der Betrieb nach besonders freiem Ermessen spielt: „Den Zeitarbeitern sei bekannt, ‚dass wir mit diesem Instrumentarium spielen‘, sagt Werkssprecher Ebneth. Die womöglich mehr als 1000 in Regensburg betroffenen Leiharbeiter ‚müssen weiterziehen, eventuell auch in den Raum München‘.“ (SZ, 22./23.12.)

Die Offenheit und Kaltschnäuzigkeit, mit der sich der Funktionär des Kapitals als Herr über die Lebensbedingungen normaler Leute aufführt, gefällt den Klassenbrüdern aus dem Finanzsektor um so besser, als die unternehmerisch zupackende Art der BMW-Führung sich ausdrücklich nicht einer Notlage der Firma verdankt. Vielmehr verspricht BMW durch die Entfernung überflüssig gemachter Lohnempfänger, und durch die Erhöhung der Produktivität der verbleibenden Belegschaft seine Profitabilität zu steigern. So viel vorausschauend organisierter Unternehmenserfolg wird von den interessierten Spekulanten umgehend honoriert: „Der Aktienkurs von BMW machte am Freitag einen Sprung von vier Prozent nach oben.“ (SZ, 22./23.12.)

Andererseits aber führt die von dem kapitalistischen Vorzeigebetrieb angekündigte Massenvernichtung von Arbeitsplätzen auch zu einem kleinen öffentlichen Erschrecken. Dies weicht aber schnell der „bitterenErkenntnis einer öffentlich anerkannten Notwendigkeit: „All das ist die Reaktion darauf, dass BMW jedes Jahr mehr Autos verkaufen muss, um den Gewinn stabil zu halten – auf hohem Niveau. Das ist zwar ein Luxusproblem. Doch ist es für Manager und Aktionäre auf die Dauer kein Zustand, wenn Wachstum keinen zusätzlichen Profit bringt.“ (SZ, 22./23.12.)

So viel Verständnis würde sich mancher unselbstständig Beschäftigte wünschen, bei dem das Kapitalwachstum stets als steigende Arbeitsbelastung ohne Lohnsteigerung und im Falle von Entlassungen als Verlust seiner Einkommensquelle ankommt. Das ist aber von einfühlsamen Kommentatoren für die Figuren reserviert, die Gewinne stabil halten müssen und es einfach für unzumutbar halten, aus Wachstum keinen zusätzlichen Profit schlagen zu können. Darauf müssen Manager und Aktionäre mit der Entlassung von Tausenden reagieren und empfinden es folgerichtig als höchst ungerecht, sich dafür das Etikett sozial unverantwortlicher Heuschrecken einzufangen, die den Hals nicht voll kriegen. An letzterem Vorwurf ist zwar was dran; die Sache ist allerdings schlimmer. Es handelt sich keineswegs um persönliches Fehlverhalten, sondern um eine Systemnotwendigkeit: Im Kapitalismus reicht es eben nicht, dass man überhaupt Gewinn macht, die Rentabilität muss vielmehr überdurchschnittlich sein, will eine Firma für ihre Aktionäre und Geldgeber auch künftig attraktiv bleiben:

„Man darf BMW nicht isoliert betrachten. Wenn Daimler, Audi und andere Konkurrenten deutlich höhere Kapitalrenditen haben, hat es auf den Börsenkurs und auf die Kapitalstruktur von BMW negativen Einfluss, wenn es dort nur fünf Prozent sind“ (SZ, 27.12.),

versteht der bayerische IG-Metall-Chef Neugebauer die Anlagestrategien von Börsianern. Und ein Wirtschaftsjournalist kann sich in der Süddeutschen Zeitung (vom 28.02.08) genau in die Stimmungslage der BMW-Haupteigentümer einfühlen:

„Die Industriellenfamilie Quandt mag offenbar nicht länger ansehen, wie BMW immer mehr Autos bauen muss, nur um wieder den – freilich hohen – Gewinn des Vorjahres zu schaffen. Lieber ein paar Autos weniger herstellen und dafür an denen kräftiger verdienen, lautet nun die Abkehr von der Philosophie des kräftigen Wachstums.“

Denn die Kapitalanlage der Familie ist ja nicht dazu da, die Welt mit möglichst vielen Luxuskarossen zu verwöhnen, sondern immer besser zu rentieren:

„Die Rendite auf das eingesetzte Kapital soll bis 2012 auf mehr als 26 Prozent steigen. Dafür werden mindestens 8100 Mitarbeiter gehen.“

Das werden sie allerdings – wenn sie wie ihr Interessenvertreter, IGM-Bezirksleiter Neugebauer, den Anspruch der Eigentümer auf Rentabilitätssteigerung und das Mittel dafür – die Entlassung eines Teils von ihnen – als unumgängliche Wirklichkeit nehmen:

„… man muss die Realität zur Kenntnis nehmen. […] Man braucht da künftig deutlich weniger Personal.“

Das wird die Entlassenen freuen, dass sie im Dienst von Börsenkurs und Kapitalstruktur von BMW ihr Einkommen verloren haben und dadurch einen Beitrag zur Erhöhung der Kapitalrendite erbringen durften. Wenn ein BMW-Arbeiter also erst einmal gelernt hat, dass die gültige Realität, die man zur Kenntnis nehmen muss, das Interesse des Unternehmens an seiner Kapitalrendite ist, lebt es sich für ihn zwar nicht besser, aber viel unaufgeregter im Kapitalismus. Das ist doch eine schöne Lebenshilfe für die Belegschaft von Seiten der Gewerkschaftsführung!

Dass die angekündigten Massenentlassungen bei BMW für keine große Aufregung sorgen, hat noch einen Grund: Der liegt an der demonstrativen Übereinstimmung von Gewerkschaft und Betriebsrat mit der Unternehmensleitung in der Abwicklung der Angelegenheit. BMW-Chef Reithofer hat ganz fest versprochen, die Firma werde ihre „Stammbelegschaft von 108.000 Menschen bis zum Jahr 2012 nicht verringern. Das ist eine Art Arbeitsplatzgarantie – allerdings nicht für alle.“

Die Entlassungen betreffen eben niemanden, für den sich die Gewerkschaften als Vertreter der Stammbelegschaft interessieren würden. Sie treffen – und das findet die Gewerkschaft zusammen mit der Firmenleitung ganz in Ordnung – nur die Zeitarbeiter, weshalb man von Seiten der Gewerkschaft die Sache demonstrativ gelassen sieht: „‚Wir sind verärgert über die Zahl und den Zeitpunkt [kurz vor Weihnachten 2007], zu dem sie jetzt genannt wird, nicht aber über die Tatsache als solche.‘ IG-Metall-Sprecher Jena sprach angesichts des Stellenabbaus von einem ‚völlig normalen Vorgang‘, den man ‚unaufgeregt zur Kenntnis‘ nehme. Es gebe ‚keinen Grund, die Pferde scheu zu machen‘. Schließlich handele es sich bei den Betroffenen hauptsächlich um Zeitarbeitnehmer, die um ihr Risiko wissen müssten. ‚Leiharbeiter werden eingestellt, um Produktionsspitzen abzudecken‘, sagt Jena. ‚Wenn es diese Spitzen, wie jetzt bei BMW, nicht mehr gibt, werden ihre Stellen eben wieder abgebaut.‘“ (SZ, 22./23.12.)

Kein Grund zur Aufregung also. Es hat ja die Richtigen erwischt. Die Zeitarbeiter eben, an denen die Gewerkschaft dieselbe kapitalistische Unterscheidung aufmacht wie das Kapital: Sie sind nicht Stammbelegschaft und deshalb freie Manövriermasse des Kapitals, weshalb es ein völlig normaler Vorgang ist, wenn sie in die Arbeitslosigkeit manövriert werden. Wer Leiharbeit macht, der weiß doch um das Risiko, entlassen zu werden, hat sich diese Lage ja wohl auch selber ausgesucht, oder?

Die glücklichen Mitglieder der BMW-Stammbelegschaft haben ohnehin keinen Anlass zur Sorge um ihren Arbeitsplatz – man kann sie gar nicht entlassen!

„Dass der Konzern auch in der Stammbelegschaft Stellen streicht, glaubt Jena nicht. ‚Das geht gar nicht. Es gibt Verträge. Wir haben von BMW eine klare Stellenzusage.‘ Eine Konfrontation mit der Konzernführung schloss Jena vorerst aus. ‚Wir haben mit BMW immer gute Erfahrungen gemacht.‘“ „Spiegel online“, 21.12.)

Es zeigt schon eine hartgesottene Borniertheit, wenn ein Gewerkschafter glaubt, dass BMW zwischen seiner Stammbelegschaft und Zeitarbeitern einen grundsätzlichen Unterschied macht. Es war doch die Gewerkschaft, die in den letzten Jahren dem großflächigen Ersatz von „wegflukturierten“ Stammarbeitern durch Zeitarbeiter zugestimmt hat. Das führt dazu – und das weiß niemand besser als der Gewerkschafter –, dass die angeblich im Schutz der famosen IG-Metall-Verträge unkündbaren Mitglieder der Stammbelegschaft schon deswegen immer weniger werden. Außerdem ist die Arbeitslosenstatistik auch voll von Leuten, die irgendwo einmal zu einer vertraglich abgesicherten Stammbelegschaft gehörten. Sollte also BMW einmal Entlassungen aus dem Kreis der Stammbelegschaft für nötig befinden, dann wird die IG Metall wie immer in solchen Fällen den dazugehörigen „Arbeitsplatzsicherungsvertrag“ abschließen – mit Stellenzusagen für die, die übrig bleiben.

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