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GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 19.03.08, 18 Uhr
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Wahlen und Massaker in Kenia: Schon wieder enttaeuscht ein Musterland der "Demokratisierung Afrikas" seine Aufseher
GegenStandpunkt
– Kein Kommentar
im Freien Radio für Stuttgart vom 19. März 2008
Wahlen und Massaker in
Kenia:
Schon wieder
enttäuscht ein Musterland
der „Demokratisierung Afrikas“ seine Aufseher
In Kenia haben sich die Rivalen um die Macht im Staate
– Kibaki und Odinga – auf eine Koalitionsregierung geeinigt. Die hiesige Presse
nimmt diese Meldung erleichtert auf, denn schließlich stand seit den Wahlen im
Dezember 2007 einiges auf dem Spiel. Der erbitterte Streit, der sich am Vorwurf
des Wahlbetrugs entzündete, und dann die brutale Gewalt, mit der die Anhänger
der beiden großen Rivalen aufeinander losgingen – das war für die
Meinungsbildner sicherlich nicht erfreulich. Aber für die Heimatländer der
Demokratie stand bei diesem „Beinahe-Völkermord“ viel mehr auf dem Spiel:
„Washington fürchtet, dass Kenia, in das jährlich 1,5
Mrd. Dollar aus den USA fließen, ins Chaos abgleitet. Wegen der in den
Nachbarländern Somalia und Sudan aktiven islamistischen Gruppen müsse Kenia
jedoch ein ‚Pfeiler im Kampf gegen den internationalen Terrorismus‘ sein.“ (HB, 7.1.) Außerdem „sei die unsichere Lage langfristig eine ‚Bedrohung
für Investitionen in der ganzen Region‘…“ (SZ, 22.1.)
Dass in Kenia Hunderte getötet und Hunderttausende
vertrieben werden, interessiert also in erster Linie in Bezug auf die Leistung,
die das Land im weltweiten Kampf der USA und ihrer Verbündeten gegen den „internationalen
Terrorismus“ zu erbringen hat: Da muss sich Kenia als „Pfeiler“
bewähren. Diese Funktion ist jetzt gefährdet. Ebenso wie alle möglichen schönen
Gelegenheiten zum Geldverdienen, die sich für die internationale Geschäftswelt
gerade in letzter Zeit zunehmend ergeben haben. Die politisch-militärische wie
die wirtschaftliche Benutzbarkeit Kenias – das sind also die Werte, die auf dem
Spiel stehen, wenn sich auf dem Schwarzen Kontinent wieder einmal eine
Gewaltorgie abspielt. Und wer da meint, das gehe ihn alles nichts an, wird
schnell eines Besseren belehrt:
Das wäre „unklug, weil es die westlichen Länder zu spüren
bekommen, wenn sich die Lebensverhältnisse in Afrika nicht bessern. Da muss man
nur an die Flüchtlinge in Ceuta und Lampedusa denken. Unklug wäre es auch, weil
Afrika als Wirtschaftspartner immer wichtiger wird. Chinesen und Inder sichern
sich längst Abbaulizenzen für wertvolle Rohstoffe und verkaufen den Afrikanern
Mobiltelefone und Textilien.“ (SZ, 31.12.07)
Aus dieser Perspektive verbietet es sich also, bei
neuesten Nachrichten über ‚die da unten, die nichts Besseres zu tun haben,
als aufeinander loszugehen‘, desinteressiert abzuwinken. Wenn das so
weitergeht, werden wir nämlich bald nicht mehr wissen, wohin mit all den
Flüchtlingen, und außerdem würde Nichteinmischung unsere Arbeitsplätze
gefährden, weil die üblichen Verdächtigen die Geschäfte mit Afrika machen
würden, die eigentlich „uns“ zustehen. Aus den Schlächtereien in Kenia folgt
eine unabweisbare Pflicht der USA und der Europäer, sich einzumischen; schlicht
deswegen, weil sie mit ihrem „Krieg gegen den Terror“ und als
Wirtschafts„partner“ schon längst eingemischt sind und das Feld auf
keinen Fall konkurrierenden Interessenten überlassen dürfen: So offensiv
rechtfertigt nicht nur, sondern fordert unsere Öffentlichkeit geradezu
eine Politik, die man früher einmal selbst in bürgerlichen Politologen- und
Historikerkreisen Imperialismus zu nennen pflegte.
Aber selbstverständlich geht es nie bloß um unsere
eigenen Interessen: Unsere freiheitlichen Meinungsbildner wollen nur das Beste für
Afrika. Was für den Kontinent und seinen Bewohner nottut, weiß nämlich
niemand so gut wie die einschlägigen Experten in unseren Redaktionen.
Die Afrikaexpertin der Süddeutschen Zeitung
interpretiert die Ereignisse in Kenia vor allem als eine Niederlage für die „Demokratisierung“
Afrikas:
„Mit der dilettantischen Wahl verspielt Kenia seinen
Ruf als afrikanisches Vorzeigeland. Das allein wäre schon traurig genug. Das
verheerende Signal belastet aber die Demokratisierungsbemühungen auf dem ganzen
Kontinent.“ Dabei wäre eine ordentliche Wahl „umso wichtiger gewesen, nachdem schon das
westafrikanische Musterland Nigeria bei den Wahlen im Frühling kläglich versagt
hatte.“ (ebd.)
Für diese Expertin hatte Kenia also bis Weihnachten
noch einen guten Ruf – als Land, das irgendwie ihrem politischen Geschmack ziemlich
gut entsprach. Zwar herrschte und herrscht in Kenia ein wüstes Elend, aber mit
ihrer guten Meinung stand die Expertin nicht allein. Einen halben Monat lang
vermittelte ein Heer von Sachkennern, ganz anschaulich auch im deutschen
Fernsehen, das Bild einer Nation, deren Bürger vor allem damit beschäftigt
sind, sich auf eine freie Wahl mit einer echten Alternative zu freuen. Kenia
war drauf und dran, womöglich sogar einen Personalwechsel an der Staatsspitze
per Abstimmung hinzukriegen – dann mussten die Verhältnisse dort ganz
einfach in Ordnung sein! Ob außer zwei Aspiranten auf die Macht im Staat sonst
noch was zur Abstimmung stand; ob die Kenianer sich von einem Wahlsieger Odinga
überhaupt etwas anderes versprechen durften als einen Personalwechsel; ob die
Präsidentenwahl auch nur irgendetwas mit den elenden Lebensverhältnissen zu tun
hatte: Das war bis zum Wahltag entweder überhaupt kein Thema, oder man wurde
ganz abgeklärt auch noch darüber aufgeklärt, dass der eventuelle Neue auch
nicht besser ist als der alte. Dem guten Ruf der kenianischen Demokratie schadete
aber auch diese Auskunft einstweilen nicht wirklich: Dass überhaupt ein
friedlicher Machtwechsel möglich erschien, war aus demokratischer Sicht das
entscheidende Gütesiegel für die Nation; daneben durfte man einmal vergessen,
für welche verheerenden Verhältnisse im Land bisher schon und weiterhin die
Staatsmacht geradesteht. Man war so frei, von allem Elend abzusehen, wenn es um
die Form der Ermächtigung konkurrierender Mitglieder der nationalen Politikerkaste
ging.
Aber am Wahltag ist man enttäuscht. Es kommt zu
hässlichen Szenen zwischen den zwei Konkurrenten um die Staatsmacht, und die
Wahl bleibt ihre entscheidende Leistung schuldig: Weder will die Bestätigung
des alten Präsidenten klappen, noch die Einsetzung eines neuen. Aus der Sicht
unserer Öffentlichkeit spricht das gegen beide. Schlecht ist dieser
Wahlausgang tatsächlich für die Stabilität der Macht, auf die die
imperialistische Außenwelt Anspruch erhebt. In der idealistisch verfremdeten Sicht
der Meinungsbildner stellt sich das jedoch so dar, dass die Konkurrenten dem
großen Wert „Demokratie“ Schaden zugefügt haben. Sie haben den Auftrag
nicht erfüllt, beispielhaft den Staaten und Völkern Afrikas das Verfahren der
Machtzuteilung beizubringen, das man keineswegs nur in Münchner
Redaktionsstuben für das alles entscheidende Qualitätsmerkmal
politischer Herrschaft hält; für den höchsten Wert, der weit über allen
Notwendigkeiten des materiellen Überlebens1) rangiert.
Das kann man nicht auf sich beruhen lassen – und so
bekennen sich die Demokratiefanatiker in den Redaktionsstuben schließlich noch
zum imperialistischen Gehalt ihres Demokratiefanatismus. Demokratie in Afrika
ist von Haus aus eine überwachte, eine, um die die Außenwelt sich
zu kümmern hat, „die Weltgemeinschaft“, die in dem Fall
selbstverständlich nicht aus Indien, Liechtenstein oder Venezuela besteht. Der
Witz dabei ist bloß der: Dass die Oberhoheit über Afrikas Demokratien bei den
Imperialisten der „Ersten Welt“ liegt, sehen die Machthaber vor Ort auf ihre
Art ganz genauso. Die kalkulieren ganz nüchtern damit, dass die
Anerkennung ihrer Herrschaft durchs mächtige Ausland für ihre Macht im Land wie
für ihren Status in der Völkerfamilie allemal viel wichtiger ist als ein
demokratisch astreines Votum ihres Wahlvolks. Und dass die so berechnend
zu Werk gehen und die imperialistische Welt dabei mitspielt, das findet
der Kommentator überhaupt nicht gut:
„In Afrika, so haben es etliche der dortigen
Machthaber gelernt, ist es egal, wie Wahlergebnisse zustande kommen,
Hauptsache, sie werden international anerkannt. […] Kibaki hat nur das gemacht,
was viele andere afrikanische Machthaber auch schon gemacht haben. Und die
Gratulation aus Washington erfolgte prompt.“ (SZ, 2.1.)
Ganz eindeutig verletzt „der Westen“ also seine
Aufsichtspflicht, wenn er sein alles entscheidendes „Wohlwollen“ so verteilt,
dass verkehrte Potentaten mit ihren Berechnungen dabei auf ihre Kosten kommen.
Odinga hingegen– das steht fest, seit er zusammen mit Kibaki der
„Demokratisierung Afrikas“ Schaden zugefügt hat – ist aber auch kein braves
Opfer und schon gar keine pflegeleichte Alternativ-Marionette, sondern „für
seinen Machtwillen berüchtigt“; und, was die Sache erst recht
unhandlich macht, schon viel zu mächtig und zu eigenmächtig:
„Als Anführer einer der größten Volksgruppen Kenias
hat er es in der Hand, die Situation eskalieren zu lassen.“ (ebd.)
Deswegen muss schleunigst klargestellt werden: In
Afrika eskaliert nur einer, und das ist der demokratische Westen. Deswegen kann
das kenianische Volk sich zum Anführer wählen, wen es will: Die Fähigkeit zur
Eskalation gehört dem Mann aus der Hand geschlagen – im Interesse der
Demokratisierung, versteht sich:
„Jede westliche Regierung, die es mit der
Demokratisierung Afrikas wirklich ernst meint, ist gefordert, alle Mittel
einzusetzen, um zur Deeskalation beizutragen. Und dazu gehört auch, eine
mächtige Drohkulisse aufzubauen, und zwar sowohl für Kibaki als auch für
Odinga.“ (ebd.)
Denn – damit am Ende noch der Dümmste merkt, was mit
„Demokratisierung“ gemeint ist –:
„Noch ein Krisenherd in Ostafrika widerspricht allen
internationalen Interessen.“ (ebd.)
Ganz so eindeutig ist die internationale
Interessenlage fürs Erste dann doch nicht, dass deren Inhaber und Sachwalter
sich den Aufwand zumuten würden, tatsächlich für eine „Drohkulisse“ zu
sorgen, die die rivalisierenden Machthaber prompt und unerbittlich in ihre
Rolle als Marionetten freiheitlich-demokratischer Drahtzieher einweisen würde.
Ein ausgedienter UNO-Generalsekretär, Kofi Annan, tut’s vorerst auch. Der ringt
– Massenelend hin, Schlächtereien zwischen Volksgruppen her – um eine große
Koalition der beiden feindlichen Brüder im Kampf um Macht und Reichtum
Kenias. Wie man so etwas macht, das – so Annans schlauer Einfall – können
Afrikas politisierte Stammesfürsten am besten von dort lernen, wo es so etwas
schon gibt: von Berlin. Also wird Staatsminister Erler aus Germany
eingeflogen, „heimlich“, damit er den Streithähnen Kibaki und Odinga
erklärt,
„wie die komplizierte Arithmetik der Macht in
Deutschland funktioniere und wie man so etwas aushandeln könne“ (SZ, 15.2.) –
kurz: wie Deutschlands Häuptlinge sich Macht und
Pfründe einvernehmlich zu teilen wissen. Wenn die beiden Konkurrenten um die
Macht sich diese Ratschläge hinter die Ohren schreiben, dann wird Kenia sicher
schnell wieder zum „afrikanischen Vorzeigeland“.
1)
Die in der gekürzten Radiofassung weggelassenen, hier folgendenden Abschnitte „Vom
wirklichen Elend des demokratischen Machtkampfs in einem afrikanischen
‚Vielvölkerstaat‘“ und „Der Konsens der Demokraten: Obwohl Wahlen in
Afrika nichts bessern, müssen sie sein – als Eingriffstitel für eine harte
imperialistische Oberaufsicht!“ können nachgelesen werden in GegenStandpunkt 1‑08: „Wahlen und
Massaker in Kenia: Wieder einmal bleiben uns die Afrikaner ihre
Demokratisierung schuldig“.
Grundsätzliches über Afrika steht in GegenStandpunkt 3‑1998 „‚Marktwirtschaft
und Demokratie‘ in Afrika: Das ultimative Entwicklungsmodell des Imperialismus
für seine afrikanischen Geschöpfe und die Folgen“.
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