





|
|
GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 23.04.08, 18 Uhr
|
Zurück zur Übersicht :: Druckversion
Unruhen in Tibet - Peking am Pranger: Wie religioeser Fundamentalismus und gewalttaetiger Separatismus auch einmal in Ordnung gehen!
GegenStandpunkt – Kein
Kommentar im Freien Radio für Stuttgart
vom 23. April 2008
Unruhen
in Tibet – Peking am Pranger:
Wie religiöser Fundamentalismus und gewalttätiger Separatismus
auch einmal in Ordnung gehen!
Wie war das noch neulich, als wir uns über
unaufgeklärten religiösen Fanatismus aufgeregt haben? Als wir es kaum ausgehalten haben, dass bei uns eine
„Parallelgesellschaft“ existiert, in der Mädchen zwangsverheiratet werden? Als wir eine
Riesen-Diskussion über den Bau von Moscheen in unseren Städten angezettelt
haben? Und als wir froh waren, dass unser Staat ‚islamistische Hassprediger‘ überwacht
und ihre frommen Anhänger zwangs-integriert?
Aber natürlich: Das alles gilt ja dieser
Religion! Dem Islam! Klar doch, der ist eine ganz gefährliche
Geschichte. Wenn da Gläubige mitten in der „modernen Welt“ mit Kopftüchern
herumlaufen, zeigt das Verbohrtheit und Rückwärtsgewandtheit, kurz: die ganze Unaufgeklärtheit
dieser Religion. Vor allem gegen den möglichen und ständig in der Luft
liegenden Übergang zum religiösen Fanatismus ist deshalb Wachsamkeit
geboten und für die staatliche Aufsicht so gut wie jedes Mittel recht.
Dagegen Tibet. Ganz was anderes
natürlich. Unschuldige und einfach super-fromme Menschen, die sich bloß dafür
einsetzen, ihre Religion frei ausüben zu können. Toll, wie diese Leute seit
Jahrhunderten an ihrem Glauben festhalten und ihm ihr ganzes Leben unterordnen.
Beeindruckend, wie viele von ihnen schon im Kindesalter zu Mönchen und Nonnen
werden, die ihre Tage damit verbringen, „om
mani padme hum“ [„om mani peme hung“]
zu murmeln. Wie sie von den Opfern einer bettelarmen Bevölkerung leben, ihr
Land voll Klöster stellen und unbeirrt die Rückkehr ihres reinkarnierten Buddha
verlangen.
Und das alles gegen eine brutale chinesische
Regierung. Die duldet das religiöse Opium des tibetischen Volkes zwar als
„kulturelle Autonomie“. Aber wir wissen, dass das nur Schein ist. In Wahrheit
will sie ihr ekelhaftes kapitalistisches Leben auch dieser Provinz aufnötigen.
Sie baut eine supermoderne Eisenbahn nach Lhasa, ermuntert ihr riesiges
chinesisches Volk, in der menschenleeren Westprovinz Geschäfte zu machen und
lässt massenhaft Touristen ins Land, die sich die buddhistischen Klöster
anschauen sollen. So will das Regime in Peking dem religiösen Fanatismus seiner
tibetischen Lamaisten das Wasser abgraben. Und begeht damit einen „kulturellen
Völkermord“!
Dieser
Vorwurf des „kulturellen Genozids“ an die Chinesen ist aufschlussreich. Zum
ersten ist er eine gezielte Übertreibung, die auf Anteilnahme spekuliert. Schon
das Attribut widerruft den Inhalt des Substantivs, weil ein wirklicher
Völkermord nicht vorliegt und auch nicht behauptet wird. Zum zweiten
aber verrät der Ausdruck Anspruch und Kalkül: Weil Glaube, Sitte und Kultur die
einzige Realisierung tibetischer völkischer Einheit sind, gehen mit der
Säkularisierung der religiös bestimmten Kultur der Tibeter eben nicht nur deren
althergebrachten Sitten, sondern vor allem das Volk kaputt, das diejenigen
im Zustand unaufgeklärter Religiosität halten wollen, die aus der tibetischen Kultur
mehr machen wollen, nämlich einen separaten Staat, für den sie die
Tibeter als ihr Staatsvolk beanspruchen.
Apropos: Wie war es noch mal mit dem
„Selbstbestimmungsrecht der Völker“? Basken, Kurden, Serben in Bosnien und
Kosovo? Ach nein, Quatsch – für die gilt es ja nicht. Die leben in
demokratischen bzw. mit uns verbündeten Staaten, haben also per definitionem
keinen anerkennenswerten Grund für separatistische völkische Ambitionen. Ihre
Staatsgewalten bekämpfen so etwas also „zu Recht“, weshalb „wir“ den
Staatsterror anerkennen, uns öffentlich um seinen Erfolg sorgen und praktisch
unterstützen.
Andererseits: Dass andere Staaten, etwa das alte
Jugoslawien und das neue Russland ähnlich über ihre Staatskonstrukte denken und
sich glatt Hoheit über ihre Völker und Stämme anmaßen, geht natürlich nicht. Im
Kosovo beispielsweise lebt unzweifelhaft ein Volk, dem wir dabei helfen müssen,
sich selbst zu bestimmen. Auch Tibet scheint so ein Fall zu sein …
Und wie war das noch neulich beim Protest gegen
den G‑8-Gipfel? Als ein paar wenige Mitglieder der „Zivilgesellschaft“
ihren Unmut gegen die Politik der Weltmächte etwas wahrnehmbar machen wollten –
neben einem 12-Millionen-Zaun, einem riesigen und schwer bewaffneten
Polizeiaufgebot und nach einer ganzen Latte präventiver
Hausdurchsuchungen und Verhaftungen? War da nicht innerhalb von Minuten klar,
dass ein einziges brennendes Polizeiauto in Rostock den gesamten Protest
endgültig desavouiert hat und alle Freiheiten gegen „Gewaltexzesse“ dieser Art
erlaubt und geboten waren?
Ach ja, natürlich – das waren unsere
Staatenlenker und ihr Gewaltmonopol, das sie gegen jeden kleinsten Kratzer und
Ausraster von unten mit aller Erbitterung und allem Recht dieser Welt verteidigen.
Ganz anders natürlich in Tibet. Brennende
Geschäfte und Banken setzen dort nicht die religiösen Fanatiker ins Unrecht. In
Lhasa beweisen uns die Ausschreitungen der Tibeter eindeutig, wie sehr sie von
China unterdrückt werden, weshalb sie „ohnmächtig“ zu solchen Mitteln greifen
,müssen‘. Tote werden von vornherein und reflexartig der Blutbilanz der
chinesischen Staatsmacht zugezählt und bleiben dort auch als moralische Schuld
stehen, wenn Tage später zugegeben wird, dass es sich bei den ersten Opfern um
Han-Chinesen handelt, die durch rassistische Gewalttaten der ,eigentlich‘ friedlichen
Tibeter umgekommen sind.
Die Parteilichkeit unserer freien Öffentlichkeit
ist also wie immer super drauf. Die Hirne der hiesigen Menschen sind so gut
sortiert, dass die Bild-Zeitung ohne jedes Problem die serbischen Aufstände in
Mitrovica und die tibetischen in Lhasa in einen dicken schwarzen Kasten
setzen kann. Jedermann kapiert, dass es sich auf dem einen Bild um „gute
Rebellen“ und „böse Ordnungskräfte“ und auf dem anderen um „böse Randalierer“
und „gute Panzer“ handelt – auf welchem gleich wieder?
So fortgeschritten ist man in China, dem die
Pressefreiheit ja ,noch‘ fehlt, in der Tat nicht. Hier muss die Regierung, um
die chinesischen Menschen auf ihre Sicht des Tibetproblems einzuschwören, zu
völlig hinterwäldlerischen Methoden greifen; sie zensiert, sperrt
Internetseiten und lässt ihre staatlichen Medien „einseitig“ Bericht erstatten.
Was sie nicht zensiert, sondern offen ins Netz stellt (Videoaufnahmen
der „Unruhen“ in Lhasa und anderswo, Beweise für die frechen Fälschungen
westlicher Blätter und Nachrichtendienste), brauchen wir uns allerdings gar
nicht erst anzuschauen – die Absicht ist klar, weshalb die schönste
Medienkritik uns überhaupt nicht beeindrucken kann.
Das „ Dach der Welt“ gehört jedenfalls – so viel
steht fest – zukünftig in die Kategorie „viel versprechender Unruheherd“.
Hier handelt es sich eindeutig nicht um eine Religion, der religiöser
Absolutheitsanspruch, ihr Zusammenhang zu ökonomisch überholten Familien- und
Clanstrukturen zum Vorwurf zu machen sind – wie das beim viel gescholtenen
Islam der Fall ist. Und es handelt sich auch nicht um eine Ethnie, deren
Streben nach Autonomie und Staatlichkeit lästig ist und von einer fortschrittlichen
Zentralgewalt ,zu Recht‘ unterdrückt werden muss – wie bei Basken, Kurden,
Serben in Bosnien und Kosovo.
Das liegt freilich nicht an der Religion oder
der Ethnie selbst. Die weltweite „Sympathie“ mit einem Völkchen und seinen rot
gekleideten Mönchen verdankt sich seinem Gegner, der chinesischen Staatsmacht.
Mit der will man einerseits Geschäfte machen, andererseits stört man sich schon
sehr und zunehmend daran, dass sie selbst ein ziemlich potenter
kapitalistischer Staat und eine kommende Weltmacht ist. Da passt ein kleiner
ethnisch-religiöser Unruheherd in diesem Land einfach wunderbar.
Der chinesische Staat
hat für den Sommer nämlich „die Jugend der Welt“ zu seinen ersten olympischen
Spielen eingeladen, um sich damit samt seinen in jeder Hinsicht gewachsenen
Kräften zu feiern und weltöffentlich Anerkennung einzuheimsen: Neben allen
ökonomischen und politischen Erfolgen will sich die Volksrepublik mit Olympia
als von allen anerkannte und „sympathische“ Nation präsentieren. Die Vergabe
der Spiele nach Peking gesteht China eben das auch ein Stück weit zu;
allerdings haben die westlichen Staaten diese Konzession von vornherein mit der
offen ausgesprochenen Absicht verknüpft, der Kommunistischen Partei in Sachen
Pressefreiheit und Menschenrechte gehörig in die Suppe zu spucken. Nun steht
der olympische Sommer vor der Tür und angesichts des absehbaren Erfolgs Chinas
hält man ihn im Westen kaum aus. Schon seit Monaten wird immer wieder die Frage
eines möglichen Boykotts ausgestreut – mal wegen der „Menschenrechte“, mal
wegen „Darfur“. Da kommen die „Tibet-Unruhen“ schon sehr passend. Die Mönche
hinter ihren Klostermauern haben eins und eins zusammengezählt: die
diplomatischen Signale der Dalai-Empfänge bei Merkel und Bush und die weltöffentliche
Aufmerksamkeit wegen Olympia – und nutzen ihre „Chance“. Sie wittern die einmalige
Chance für ihr nicht ganz unbescheidenes Anliegen – immerhin verlangt der Dalai
Lama „echte Autonomie“ für ein Gebiet, das etwa drei Mal so groß ist wie
die heutige „Autonome Region Tibet“.
Also ist unsere schöne Welt um einen ,Konflikt‘
reicher – und die westliche ,Aufmerksamkeit‘, die von China eine Zügelung
seines „brutalen Vorgehens“ verlangt, sorgt dafür, dass er vorläufig am Köcheln
bleibt. Tag für Tag wird aufgeregt berichtet – und wenn es nichts zu berichten
gibt, fallen wir darauf natürlich nicht herein. Von angeblich befriedeten
Zuständen lassen wir uns nicht täuschen: Hier herrscht „Friedhofsruhe“ und wer
die chinesische Regierung nicht anklagen will, „hat Angst“. Dass China
inzwischen wieder Journalisten nach Tibet lässt, ändert auch nichts, denn „das
Regime“ hat viel zu verbergen und bleibt uns jede Menge „Aufklärung schuldig“.
Eins ist damit auf alle Fälle gelungen: Das
schöne Image, das sich China mit „den Spielen“ weltöffentlich verschaffen will,
ist erfolgreich angekratzt. Die weiteren Aussichten sind glänzend: Kein
Fernsehkommentar zu Olympia mehr, der nicht ein paar Tränen fürs „freie Tibet“
weint; vermutlich kein Athlet, der um eine ausgewogene moralische Stellung zu
dieser Frage herumkommt, wenn er sich seine Medaillen abholen will; am Ende
wahrscheinlich auch noch ein paar „Freiheit-für-Tibet“-Fans, die die Gunst der
Stunde wahrnehmen und sich auf dem olympischen Rasen verhaften lassen. So wird den
Chinesen auf alle Fälle das verdorben, worauf es ihnen mit der Ausrichtung der
Spiele ankommt – möglicherweise viel geschickter als mit einem Boykott, den man
sich trotzdem natürlich vorbehält und von einem angeblichen Wohlverhalten
Pekings abhängig macht: Eine diplomatische Zwickmühle allererster
Güteklasse.
Bei Tibet allein muss es ja nicht bleiben.
Zeitungsleser werden zwischenzeitlich informiert, dass es schon lange auch in
der westchinesischen „Autonomen Provinz Sinkiang“ ein zu gewaltsamem
Widerstand gegen Peking bereites Volk gibt: die muslimischen Uiguren.
Deren Unterdrückung hat man China bisher im Rahmen des weltweiten Kampfs gegen
„islamischen Terrorismus“ gestattet – eine Einordnung, die heute vielleicht
überdacht werden sollte! Die westliche Presse kriegt sich jedenfalls fürs erste
nicht mehr ein, den chinesischen „Machthabern“ eine ganze Latte interner
Auseinandersetzungen an den Hals zu wünschen. Als Mittel einer machtpolitischen
Auseinandersetzung mit der kommenden Weltmacht China ist unseren aufgeklärten
Journalisten in ihren Fantasien dabei einfach alles recht – wie reaktionär,
religiös borniert oder brutal auch immer.
|