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Zurück zur Übersicht :: Druckversion "Die Welle" (2008) - Ein ganz und gar nicht Faschismus-kritischer Film von Dennis Gansel GegenStandpunkt – Kein
Kommentar im Freien Radio für Stuttgart
vom 25. Juni 2008 In der heutigen Sendung beschäftigen wir uns ausführlich mit dem Film„Die Welle“ von Dennis Gansel Ausgezeichnet mit dem Prädikat „besonders
wertvoll“, lief dieser Film monatelang in deutschen Kinos. Lehrer gingen mit ihren
Schulklassen ins Kino, um ihnen vorzuführen, wie leicht aus Demokraten
Faschisten werden können. Ihr Anliegen: Sie wollten die Schüler „immun“ gegen
die „Verführung rechter Rattenfänger“ machen. Seine Überzeugungskraft als
Lehrfilm bezieht dieser Streifen daraus, dass er ein angeblich echt
stattgefundenes Experiment verfilmt, in dem ein Lehrer seiner Klasse „bewiesen“
haben soll, wie schnell sie Faschisten wurden – ohne dass sie es überhaupt so
richtig bemerkten. Dabei kommt der Plot ohne einen einzigen Versuch des Lehrers
aus, seinen Schülern, mit denen er in einer Projektwoche die politisch völlig inhaltsleere
Bewegung „Die Welle“ aufzieht, die Inhalte faschistischer Gedanken
über Staat und Volk, Bildung und Arbeit, Sitte und Moral mit Argumenten nahe zu
bringen. Dass geistige Gefolgschaft
nur möglich ist, wenn man die Urteile, denen man sich dabei anschließt, zur
Kenntnis nimmt und für richtig hält, unterschlägt der Film. Er stellt
die Mitglieder der Bewegung so dar, als müssten sie den Gedanken
ihres Führers bewusstlos folgen, weil sie nicht mehr anders könnten:
Sie seien verführt von angeblich unwiderstehlichen „Mechanismen der
Macht“. Der Film erklärt daher weder, wie aus Demokraten
Faschisten werden, noch kritisiert er die Fehler faschistischen Denkens. Daher
ist er auch kein Beitrag dazu, junge (und alte) Nazis davon zu überzeugen, dass
sie sich mit ihren faschistischen Gedanken ihre mehr oder minder schlechten
Erfahrungen in der Schule und im Arbeitsleben falsch erklären und daraus
politische Konsequenzen ziehen, die für ihre Interessen schädlich sind. Der Film macht daher auch niemanden „immun gegen
Rechts“. Nicht zuletzt deshalb, weil faschistische Auffassungen keine Art
psychische Verirrungen sind, zu denen man „verführt“ und gegen die man
„immunisiert“ werden könnte, sondern falsche Gedanken, die
offensichtlich gar nicht so weit vom demokratischen Bewusstsein
abweichen, wie Demokraten es gerne glauben… Unsere Kritik im Einzelnen: „Die Welle“ (2008) – ein Film von Dennis Gansel: Eine „besonders
wertvolles“ Machwerk über die Verführbarkeit einer orientierungslosen
Jugend Dennis Gansel
verfilmt ein so nie stattgefundenes Experiment: Ein Lehrer will seinen Schülern
beweisen, wie leicht sie Faschisten werden, obwohl sie genau das am Anfang des
Experiments weit von sich weisen. Dabei hat Gansel in seinem Drehbuch ein
ähnliches Experiment, das vor ca. 40 Jahren in den USA tatsächlich gelaufen
ist, in etlichen Punkten entscheidend abgeändert und lässt es auch anders
ausgehen. Im tatsächlich durchgezogenen Experiment der Urfassung[1]
kündigt der Lehrer einer amerikanischen Highschool in der Schlussszene an, den
eigentlichen Führer der „Welle“ zu offenbaren, und zeigt zur Überraschung aller
ein Porträt des Führers: Hitler höchstpersönlich. Entsetzt darüber, dass sie
beinahe diesem Führer auf den Leim gegangen wären, verwandeln sich die
jungen Beinahe-Faschisten augenblicklich zurück in das, was sie zu Beginn des
Experiments waren: in junge amerikanische Demokraten. Ihr amerikanischer
Nationalismus war es, der sie davor zurückschrecken ließ, sich dem Führer
eines ausländischen Nationalismus zu unterwerfen – noch dazu des
schlimmsten, den Amerikaner seit dem Eintritt ihres Landes in den Krieg gegen
Hitlerdeutschland kennen. In Gansels Film dagegen lassen sich die jungen
Anhänger der im Experiment gegründeten „Bewegung ‚Die Welle‘“ vom
Nationalismus, den ihr Lehrer in der Abschlussrede plötzlich offenbarte,
überhaupt nicht abschrecken. Ganz im Gegenteil – sie applaudieren den
deutsch-nationalistischen Auffassungen ihres Führers, von denen sie im ganzen
Experiment noch nichts mitgeteilt bekommen hatten, ohne sich auch nur einen
Gedanken darüber zu machen, dass sie damit Gedanken folgen, die sie zu
Beginn des Films noch vehement von sich gewiesen hatten. Überzeugen kann die
neue Filmversion nur, wenn man Gansels falsches Urteil teilt, dass Faschismus
auf inhaltsleeren „Mechanismen diktatorischer Macht“ beruhe, die das
Denken der Menschen so in den Bann schlagen, dass sie kein einziges
faschistisches Urteil zur Kenntnis zu nehmen und für richtig zu halten
brauchen, um Faschisten zu werden. (Alle Zitate im Folgenden aus dem Film
bzw. den Materialien für den Unterricht, die der Verleih den Schulen zur
Verfügung stellt.) Erste Lektion: Der Film beginnt
mit einer Art Bestandsaufnahme der deutschen Jugend: „Ein normales Gymnasium,
eine normale Klasse, hier und heute.“ Die ersten Kameraeinstellungen zeigen
gelangweilte Jugendliche, die auf einer öden Party herumhängen; eine
Theaterprobe löst sich im Chaos auf, weil jeder macht, was er will; ein
Wasserballspiel geht verloren, weil jeder für sich spielt; wenn sich die
Schüler für irgendetwas interessieren, dann sind es Markenklamotten oder der
dicke Schlitten in Papis Garage; Engagement für etwas Vernünftiges,
Gemeinsames, gar für Werte wie Demokratie oder Menschenrechte – Fehlanzeige.
Ein Jugendlicher sinniert alkoholisiert vor sich hin: „Was unserer
Generation fehlt, ist ein Ziel.“ – Und Schuld haben daran der moderne
Kapitalismus, der den Jugendlichen keine Werte, sondern nur noch
Konsumbedürfnisse vermittelt, und falsch verstandene Liberalität von Erziehern,
die den Kindern keine Orientierung mehr vorgeben. Kurz: Ein einziges Bild des Egoismus,
der Disziplin- und Orientierungslosigkeit. So ist die Jugend von
heute, lautet die Warnung und Mahnung des Films. Zweite Lektion: An diesem „normalen
Gymnasium“ findet eine Projektwoche zum Thema „Autokratie“ statt. Der
beliebte, junge Lehrer Rainer Wenger mit linker Hausbesetzer-Vergangenheit ist
zwar sauer, dass ihm sein Wunschthema Anarchie weggeschnappt worden ist, aber
was soll’s? Nun eben „Autokratie“. Er beginnt seine Projektwoche mit einer Art
Theoriestunde. „Autokratie. Was ist das?“ steht an der Tafel. Und dieses
Thema ist mit Bedacht gewählt – es soll nicht bloß um einen Aufguss von „Nationalsozialismus-darf-nie-wieder-passieren“
gehen, Thema sind Diktaturen überhaupt, Herrschaften, an denen „wir“ heute viel
auszusetzen haben, weil sie „Demokratie und Menschenrechte mit Füßen treten“.
Projektleiter und -gruppe arbeiten die Frage halt so ab, wie es landauf landab
an „normalen Gymnasien“ passiert: Die einen kalauern herum, einige
arbeiten konstruktiv mit, so dass ungefähr Folgendes zusammenkommt: „Autokratie
ist, wenn ein Einzelner oder eine Gruppe über die Masse herrscht... Genau.
Autokratie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet Selbstherrschaft.
Ein Einzelner hat so viel Macht, dass er die Gesetze ändern kann, wie er’s
will.“ Und was sind die Grundvoraussetzungen für ein „autokratisches
System“? – Antwort: „Eine Ideologie, Kontrolle, ...“ Was noch? „...
eine zentrale Leitfigur, ein Führer!“ Und: „Inflation, Arbeitslosigkeit,
extremer Nationalismus begünstigen eine Diktatur.“ Eigentlich könnte
der engagierte Pädagoge mit dem inhaltlichen Ertrag ganz zufrieden sein. So
geht hierzulande Systemvergleich in der politischen Bildung: Lehrer und
Schüler heften den sog. „Autokratien“ ein paar negativ besetzte Etiketten wie
Willkür, Führer, Kontrolle oder Ideologie an und legen sie alle in dieselbe
theoretische Schublade: Autokratien dulden keine Grundrechte, veranstalten
keine ordentlichen Wahlen, sie regieren totalitär, wollen totale Kontrolle
und produzieren Ideologie – kurz: Sie weichen von den hierzulande
gültigen Herrschaftsprinzipien und -methoden ab, sind also „un-demokratisch“.
Demokraten erschrecken in ihrer Analyse so sehr vor ihrem Konstrukt von
Herrschaft, dass sie gleich unter den Tisch fallen lassen, was
„Autokraten“ mit ihrer Herrschaft eigentlich anstellen wollen, wozu sie
ihre Macht gebrauchen könnten: Auto-kratische Führer wie Hitler denken
bei ihrer Herrschaft angeblich immer nur an sich selber und ihre Machtvollkommenheit;
ihnen geht es um „schiere Macht“ und dafür unterdrücken sie ihr Volk und
andere gleich mit. Irgendein Grund für ihre Herrschaft und irgendein Ziel ist
nicht zu erkennen. Es geht in dieser demokratischen Lehrstunde also um eine
schlichte Botschaft: Diktaturen, Autokratien usw. sind böse – Demo-kratien
gut. Fragen der Art, wieso auch Demokraten von ihren Politikern immer
straffe Führung verlangen, was den Hype um die „Leitfigur“ Barack
Obama überhaupt vom autokratischen Führerkult unterscheidet oder wann
das stinknormale „Nationalgefühl“ eigentlich zum „extremen“
Nationalismus wird, kommen gar nicht erst auf, weil der Systemvergleich
schon entschieden ist, bevor er überhaupt losgeht. Diese Demokraten
jedes Bildungsgrades selbstverständliche parteiliche Quintessenz des Systemvergleichs
präpariert Lehrer Wenger im seinem Unterricht wieder einmal heraus. Wenn dem Zuschauer
daran etwas aufstoßen soll, dann ist es die Art und Weise, wie die Jugendlichen
sich daran beteiligen. Kaum fällt das Stichwort „Drittes Reich“ im Unterricht,
fällt den meisten die Klappe herunter: „Och nee, nicht schon wieder... So
was passiert hier doch eh nicht mehr... Auf keinen Fall. Dafür sind wir viel zu
aufgeklärt... Wir können uns doch nicht ewig für etwas schuldig fühlen, was wir
nicht getan haben... usw. usf.“ Die Schüler haben das Thema satt, für sie
ist das Lernziel längst erfüllt: „Klar, Nazideutschland war scheiße.
Langsam hab ich’s auch kapiert“, mault einer. Viele winken ab; jegliches
Engagement für Werte wie Demokratie und Menschenrechte fehlt also, soll man als
Zuschauer mit Lehrer Wenger gemeinsam feststellen. Der fragt weniger seine
Schüler als sich selbst: „Ihr meint also, eine Diktatur wäre heute bei uns
nicht mehr möglich, ja?“ – und fasst für sich einen Beschluss: Er will
diesen arroganten Jugendlichen eine Lektion erteilen, die dem
Kinozuschauer eine Warnung sein soll: Diese abgeklärten, aber an politischen
Werten desinteressierten jungen Deutschen sind von jedem dahergelaufenen Führer
verführbar und manipulierbar. Mit dieser
Beweisabsicht ist im Film die alles entscheidende Verdrehung passiert: Wer
nämlich Verführbarkeit beweisen will, sucht gar nicht mehr in den
politischen Verhältnissen und Vorhaben eines Gemeinwesens die Gründe der
Gefolgschaft der Untertanen; genauso wenig wie er in deren politischen
Überzeugungen die Zustimmung zu ihrer nationalen Führung ausfindig machen will.
Dass da Führer und Geführte im Nationalismus einig werden und sich das Volk –
wie in den gelobten Demokratien auch – deshalb von seinen Oberen deren
nationale Vorhaben und seine daraus folgenden Rechte und Pflichten vorbuchstabieren
lässt, das alles ist mit der moralischen Verurteilung, die der
Systemvergleich anstrebt, ein für alle Mal erledigt. Damit tut sich
Verführbarkeitstheoretikern ein neues und ganz und gar verkehrtes Rätsel auf:
Wieso machen ganz normale Menschen in solch bösen Systemen
überhaupt mit? ‚Wie konnte es dazu kommen?‘, lautet z. B. die einschlägige
Frage bzgl. des Nationalsozialismus. An offensichtlich bösen Inhalten der
politischen Programme kann es nicht liegen, dann würden die guten Völker ja
nicht mitmachen. Also muss es etwas anderes geben, so etwas wie „Mechanismen
der Macht“, denen die Menschen folgen, ob sie wollen oder nicht. Sie werden
nicht nur geführt, sondern eben verführt. Etwas in dieser Art inszeniert
der Film: ein sozialpsychologisches Verfahren, das den Zuschauern
demonstrieren will: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das Böse kroch. Dritte Lektion: Lehrer Wenger
funktioniert seine Schülergruppe also um, ohne ihr das auf die Nase zu binden,
und erfindet als gewiefter Pädagoge ein Rollenspiel, das ganz ernst genommen
werden soll: eine Art Führerbewegung, „die Welle“. Er hat durchschlagenden
Erfolg. Alle bis auf wenige Ausnahmen machen widerstandslos mit. Der erste Tag
steht unter dem Motto „Macht durch
Disziplin“ Der Lehrer lässt
sich zum Führer der Projektgruppe wählen. Ab sofort müssen ihn die Schüler
wieder laut und deutlich mit Nachnamen anreden: „Guten Morgen, Herr Wenger!
Danke, Herr Wenger!“; die in ihren Stühlen lümmelnden Schüler müssen
Haltung annehmen, sich aufrecht hinsetzen und ordentlich durchatmen; ein, zwei
protestieren, aber die Klasse sitzt schließlich aufrecht diszipliniert da, und
was das Beste ist: Sie bestätigt dem Lehrer, dass sie jetzt viel besser und
freier atmen können! Also, so die Botschaft: Es funktioniert, man sieht doch:
Die „Macht“ wirkt. Zweiter Tag: „Macht
durch Gemeinschaft“
steht an der
Tafel. Wenger lässt die Gruppe antreten und im Klassenzimmer im Gleichschritt
marschieren, dass der Putz von der Decke fällt. Die Schüler haben sichtliches
Vergnügen daran, die anderen Gruppen im Haus zu stören – was für ein Gemeinschaftsgefühl!
Dann setzt der Lehrer alle Schüler um, immer einen guten neben einen
schlechten; es geht, erfährt man, darum, „das Konkurrenzdenken zu
eliminieren und den Egoismus zu unterwandern“, so dass am Ende jeder etwas
davon hat: „In der Gemeinschaft ist man stärker.“ Die Schüler finden’s klasse.
Jetzt braucht man nur noch alles, was der Bewegung ein Gesicht gibt: einen
Namen, „die Welle“ eben, ein Gemeinschaftslogo, und die Gruppe
beschließt, sich zu uniformieren: Alle ziehen ab sofort ein weißes Hemd oder T‑Shirt
an. Schon ist man, man sieht es doch, eine gemeinschaftliche „Bewegung“, so
dass nun „die Welle“ ihre „Macht
durch Handeln“
beweisen kann. Die
Mitglieder praktizieren Solidarität untereinander: Dem Außenseiter, der immer
gemobbt worden ist, wird geholfen, als er von anderen angepöbelt wird; in der
chaotischen Theatergruppe übernimmt einer das Kommando, plötzlich klappt alles
wie am Schnürchen; und die erfolglose Wasserballtruppe Wengers spielt jetzt
zusammen und – gewinnt. Auch Lehrer Wenger, der alte Hausbesetzer, spürt die
Verführungskraft, die von seiner Macht ausgeht und hat ein „verdammt gutes
Gefühl“, dass die Schüler so gut parieren. Jetzt gibt’s die „Welle“,
jetzt braucht sie ein Ziel. Also schwärmen die Mitglieder aus, um „die Stadt
aufzumischen“ – kein Mensch weiß zwar wofür, aber egal. Hauptsache „die
Welle“ lebt: Aufkleber mit dem Logo der Bewegung werden geklebt, Wände und
Häuser beschmiert. Das Experiment „entgleist“: Die Bewegung führt einen
Erkennungsgruß ein, Nicht-Mitglieder werden ausgegrenzt, andere Gruppen vermöbelt,
eine „Widerständlerin“ in der Art Sophie Scholls wird angefeindet. Die
Katastrophe am Ende unterstreicht den „faschistoiden“ Charakter der „Welle“:
Als der Lehrer das Experiment beendet, schießt der unterwürfigste Mitläufer
einen Mitschüler an und bringt sich um. Die „Welle“,
welche die „Mechanismen“ von Gefolgschaft und Führung illustrieren soll,
ist so absurd wie konstruiert. Mit realen politischen Bewegungen, die es
gibt, weil sie ein wie auch immer geartetes Anliegen verfolgen, hat sie nichts
zu tun. Ausweislich ist sie eine Gemeinschaft, in der „es gar keine
definierten Ziele gibt.“ Ein gespielter Führer, Lehrer Wenger, der alles
mit seiner schulischen Autorität als eine Art besonders „lebendigen Unterricht“
inszeniert, beschließt, eine grund- und zwecklose Bewegung auszuheben; er mag
irgendwelche Absichten damit verfolgen, aber er sagt sie nicht. Jetzt
gibt es die „Welle“, und die Schüler machen mit, weil es sie gibt:
Die Gemeinschaft ist abstrakt zusammengeschweißt, und der Führer kann
„schiere Macht“ über die Mitglieder ausüben: Der Führer, hier der
Lehrer, führt, damit er führt, und seine Macht besteht überhaupt
nur aus deren Symbolen, die sich in der Stadt ausbreiten müssen, damit
man überhaupt bemerkt, dass es diese Bewegung gibt. Ihr Daseinszweck fällt
damit zusammen, dass sie als Bewegung Mitglieder eingesammelt hat. Und warum leisten
die Schüler ihrerseits in dieser Bewegung Gehorsam? Dafür inszeniert der Film
das zu diesem Machtkonstrukt komplementäre absurde Motiv: Die „Welle“
bietet den Mitgliedern Gelegenheit, den ihnen vom Drehbuch verordneten
abstrakten Sinn nach „Gemeinschaft“ zu befriedigen: Wir wissen
zwar nicht, was die „Welle“ will, aber Dabeisein ist spitze! Als Individuen
wird ihnen ein Urbedürfnis nach Führung, Disziplin und solidarischem Handeln
zugeschrieben, weil sie als Individuen nur durch Einordnung in
eine Gemeinschaft, welcher Art auch immer, auf ihre Kosten kommen: Sie
machen in der Bewegung mit, damit sie dort als Individuen aufgehen und
nicht vereinzelt sind. Diese tautologische Gruppenattraktivität inszeniert der
Film in bunten Bildern, in denen alles auf dem Kopf steht: Hier wollen die
Mitglieder nicht ein gelungenes Theaterstück aufführen und schließen sich
deshalb zusammen; sie wollen nicht einfach gut Wasserball spielen und agieren
deshalb als Mannschaft. Die Erfolge in Theater und Spiel, die gute Laune auf
der „Welle“-Party drücken nur aus, dass die „Welle“ ein
abstraktes Eingliederungsbedürfnis bedient und dass diese Art von Einordnung sich
lohnt. In dieses leere sozialpsychologische
Bild von Individuum und Gemeinschaft übersetzt das Filmexperiment reale politische
Gemeinwesen aller Arten. Allen Ernstes soll es das schulische „Experiment“ ja
vorführen, wieso sogar „Autokratien“ usw. funktionieren: Ob am Ende Demokratie
oder Faschismus herauskommt, entscheidet sich in der Ausgestaltung dieses
prekären Verhältnisses zwischen Mensch und Sozialverband; gute Führer
relativieren ihre Macht zugunsten der Ansprüche der Mitglieder auf
Individualität, böse autokratische Führer sind machtgeil und genießen ihre verabsolutierte
Macht; verantwortungsbereite Untertanen behaupten ihre Ansprüche auf
Individualität, Mitläufer geben sie aus Bequemlichkeit auf und gehen in der
Gemeinschaft auf. Also oben wie unten alles – ohne politischen Inhalt – bloß
eine Frage des gefestigten, gegen Verführung gefeiten Charakters. Die Figuren des
Films repräsentieren nichts als ge- oder misslungene Varianten dieses gruppenpsychologischen
Mitmachens: Die Widerständlerin Karo, die sich dem verabsolutierten Gruppenzwang
verweigert, der fanatische Mitläufer Tim, der nur durch und für die „Welle“ lebt
usw. usf. Die „Welle“ selbst symbolisiert ein absolut leeres
Gefolgschaftssystem, das von einem verantwortungslosen Führer für einen bösen
politischen Inhalt verfügbar gemacht ist, andererseits aber wie auf
Knopfdruck zu beenden ist: Am Ende des Films lässt der Führer die Katze aus dem
Sack: Lehrer Wenger hält eine Art nationalistische Rede à la NPD, er gibt der „Welle“
einen Inhalt und ein Ziel, von dem er im gesamten „Welle“-Experiment bis zu
diesem Moment noch kein Sterbenswörtchen verraten hatte. Im Gegenteil – am
ersten Tag der Projektwoche waren sich Lehrer und Schüler noch einig: „… extremer
Nationalismus begünstigt eine Diktatur.“ Jetzt dagegen klatscht die Vollversammlung
der „Welle“-Bewegten ihrem Führer frenetisch Beifall. Dass zur Übernahme von
Gedanken, die man bisher noch nicht teilte, so etwas wie Überzeugungsarbeit und
intellektuelle Einsicht nötig ist, vor allem, wenn die Schüler eine Woche später
genau das gut finden sollen, was sie vorher zusammen mit ihrem
Projektwochenleiter abgelehnt hatten, das unterschlägt die Filmregie. Sie lässt
die jungen Schauspieler nach ein paar Tagen „Welle“-Spielen der
nationalistischen Tirade ihres Lehrers völlig unmotiviert applaudieren und legt
den Zuschauern den Fehlschluss nahe, diese plötzliche Sinnesänderung sei
die notwendige Frucht des mehrtägigen Experiments: Die Mitglieder der „Welle“
müssten dem nationalistischen Ziel jetzt folgen, nicht, weil sie von ihm mit
Argumenten überzeugt worden wären, sondern weil nicht mehr anders könnten:
Sie seien verführt von angeblich unwiderstehlichen „Mechanismen der
Macht. Auf einen Nenner gebracht: Im Welle-Projekt blühen Unterordnung,
Ungleichheit und Unmenschlichkeit. Am Schluss bleibt ein Scherbenhaufen, ganz
wie im richtigen Faschismus.“ Und im nächsten
Moment wird diese Gemeinschaft mit „faschistoiden Zügen“ vom Lehrer abgesagt,
weil er zu weit gegangen sei, und die Schüler schleichen wieder ohne irgend-ein
Argument dafür gehört zu haben, warum sie mit ihrer nationalistischen
Begeisterung schief gelegen seien, „verwirrt“ und peinlich berührt von
dannen: „ganz wie im richtigen Faschismus“? Es fragt sich
allerdings, warum kaum jemand darüber stutzig geworden sind, dass die
Mitglieder der „Welle“ so bruchlos von Demokraten zu Faschisten mutieren, warum
sie ohne jede argumentative Bemühung ihres Lehrers dessen nationalistische Gedanken
mit einem Schlag teilen und ihn hochleben lassen. Den Filmemachern fiel bei der
Konstruktion ihrer „besonders wertvollen“ Geschichte offenbar ebenso wenig
dieser Widerspruch auf wie ihrem Millionenpublikum, soweit es dem Film die gewünschte
Lehre betroffen abnahm, dass „eine Diktatur … heute bei uns sehr wohl
möglich wäre“ und wie leicht das ginge. – Dafür gibt es einen Grund,
der jedem Demokraten geläufig ist, wenn er Faschisten Rechtsextremisten
nennt und wenn er bei einer Fußballwelt- oder -europameisterschaft
enthusiastisch die Nationalfahne schwenkt und sich zugleich meilenweit von
Deutschnationalisten entfernt vorkommt. Wer meint, Nationalisten
unterschieden sich von Patrioten dadurch, dass sie es mit der Parteinahme für
die eigene Nation übertreiben, der sieht im Nationalisten einen, der die
gute Sache der Nation feindselig gegen andere Nationen übersteigert. Und der übersieht
dabei, wie viel er damit mit dem Nationalisten gemeinsam hat: die Sorge darum,
dass die eigene Nation in der Konkurrenz der Nationen – sei es auf dem
Sportplatz, sei es in der ernsten Konkurrenz um Wachstumszahlen und
Exporterfolge – besser abschneidet als andere Nationen. Von da ist es
nur ein kleiner Schritt, einem Redner Beifall zu klatschen, der glaubhaft
macht, dass andere Nationen den Erfolg der eigenen bedrohen – wie es Lehrer Wenger
in seiner nationalistischen Rede ausmalt. Vierte Lektion: Mit dem kritischen
Befund über unsere Jugend, die – so sehen das eben professionelle Sachwalter
gelungener Erziehung – nie so recht gelernt hat, was „ihre Ziele“ sind,
etwa so kostbare Werte wie Demokratie und Menschenrechte, liegt die Gefahr auf
der Hand: Sie ist besonders leicht und von jedem dahergelaufenen Führer zu weiß
Gott was zu verführen. Nicht dass das die pädagogischen Filmmacher wirklich
befürchteten. Aber auf ihre Art wollen sie eine Art Erziehungsauftrag
loswerden: Wir, die mit Persönlichkeitsbildung Beauftragten, müssen die
Jugend eben bis unter den Scheitel anfüllen, und zwar mit den richtigen
Werten, damit sie ihr ganz normales Bedürfnis nach Disziplin, Führung,
Gemeinschaft usw. in den guten Bahnen auslebt. Wissen müssen die
Jugendlichen von heute dafür nichts, weder über den wirklichen Faschismus noch
über die real existierende Demokratie mit ihren von der Staatsmacht gültig
gemachten ‚Sachzwängen‘ von Wirtschaft und Politik. Sie müssen nur ein bisschen
Dankbarkeit gegenüber ihrem demokratischen Staat aus dem Film mit nach
Hause nehmen – dafür, dass er ihnen im alltäglichen Gehorsam gegenüber den
Instanzen, die Macht über sie haben (Schule, Ausbilder, Vorgesetzte, Staatsorgane …),
ihren ganz persönlichen Charakter lässt. Ein wenig Anhänglichkeit zu stiften
unter Jugendlichen gegenüber dem System, das ihnen ihre freiheitliche
Individualität lässt, solange sie sich dem demokratischen Gemeinwesen
unterordnen, das ist doch ein lohnendes Erziehungsziel. (Erweiterte
Radiofassung des Artikels in GegenStandpunkt 2-08) Was
die Macher des Films „Die Welle“ nicht interessiert – Konrad Hecker [1] Morton Rhue: „The Wave“ (New York 1981); dt. „Die Welle“ (Ravensburger Taschenbuch 1983). Siehe dazu die Kritik von Rolf Gutte und Freerk Huisken in „Alles bewältigt, nichts begriffen! Nationalsozialismus im Unterricht“ (Berlin 11997, S. 312–320; Hamburg 22007, S. 250–257). Zurück zur Übersicht :: Druckversion | |||