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GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 09.07.08, 18 Uhr

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Fussball-EM: 2-mal (deutscher) Nationalismus

GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 9. Juli 2008

Anlässlich der Fußball-Europameisterschaft:
2‑mal (deutscher) Nationalismus

Bild und Bild am Sonntag widmeten sich wochenlang dem nationalen Großereignis: der Fußball-Europameisterschaft. Mit einem vereinnahmenden „Wir“ forderte die Zeitung nicht nur ihre Leser, sondern jeden Deutschen auf, mit der Mannschaft zu fiebern und ihren Erfolg herbeizusehnen. Und damit lagen sie offensichtlich genau richtig. Schwarz-rot-goldene Fähnchen waren massenhaft zu sehen. Am Tag des Endspiels schrieb Bild am Sonntag: „Werden wir Europameister, tanzen wir heute Nacht auf den Straßen, liegen uns in den Armen“. Dann führte die BamS noch einzelne Fans vor: „André Haudrup (37, München). Sein Kostüm: Flaggen-Umhang, schwarz-rot-goldene Socken (hat Mutti gestrickt) und Leggins aus einem englischen Schwulen-Shop“ Verdient gemacht hat sich André dadurch, dass er sich „Super German“ nennt und 18 Filme zum Thema Nationalmannschaft an die Redaktion geschickt hat: „Rekord!“ Die Eltern von „Klein Emma (3) aus Zwickau“ schicken ein Foto ein, auf dem das Mädchen mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne in der Hand, einer schwarz-rot-goldenen Blumengirlande, einer Schiedsrichterpfeife an einem schwarz-rot-goldenen Band und in einem Deutschland-Body zu sehen ist.

Diese Leute sind also nicht ganz dicht und scheuen auch vor Kindsmissbrauch nicht zurück? Nein das sind liebenswerte Verrücktheiten, weil sie im Dienst einer guten Sache stehen. Diese Leute sind vorbildlich, nämlich Teil von und Beitrag zu einer verschworenen Gemeinschaft. Es ist eine Ehre, zu der zu gehören, weswegen sich auch ganz wichtige Personen einreihen, damit umgekehrt den hohen Wert dieser Gemeinschaft bekräftigen: Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Köhler. Merkel ist selbstverständlich auch beim Endspiel anwesend, leidet und freut sich mit der Mannschaft, Köhler lässt in BamS einen kleinen Text abdrucken, der „uns“ aus dem Herzen spricht: Mit der richtigen Einstellung könnte die Mannschaft auch gegen die favorisierten Spanier alles erreichen – womit BamS schon die ganze erste Seite vollgepflastert hat: „Ballack verletzt – Trotzdem holen wir den Pott“. Auf der Seite 4 legt sie noch mal nach: „Deutschland glaubt an das Wunder von Wien“.

Das große nationale „Wir“ aus allen Rohren. Es schließt alle ein, will umgekehrt keine Abweichung kennen, alle Unterschiede zwischen Oben und Unten, zwischen Arm und Reich sind aufgehoben. Die Kanzlerin z.B. muss sich gefallen lassen – und lässt es sich gerne gefallen –, ganz aus der Perspektive des Fußballkenners betrachtet zu werden: BamS macht extra eine große Umfrage, gegliedert nach Frauen und Männern, Ost und West, ob Merkel über fußballerischen Sachverstand verfügt – und da schau her: Was das angeht, hat das Volk keine so hohe Meinung von ihr. Was damit umgekehrt aber bekräftigt wird: Sie ist eine „von uns“! Diese Gemeinschaft und Gleichmacherei ist zutiefst verlogen, sie will von den realen Gegensätzen in dieser Gesellschaft absichtsvoll nichts wissen. Gegensätze, die bei den „lohnabhängig Beschäftigen“ und bei denen, für die keine Verwendung vorgesehen ist, für eher miese Lebensumstände sorgen und die Reichen der Gesellschaft gut leben lässt. Die Gemeinsamkeit, an die anlässlich des Fußballwahns erinnert wird, ist die der Nation, auf den nationalen Erfolg werden alle verpflichtet und darin sind sie sich einig. Sicher, wenn die Mannschaft verliert, geht die Nation nicht unter, dann weiß man auch wieder, dass es doch „bloß Fußball“ ist. Aber trotzdem: Beim Fußball kann man einen Rückschlag mal hinnehmen, aber dass die Nation vorneweg sein muss und dass es darauf in allererster Linie ankommt, das wird auch und gerade auf diesem Feld der nationalen Ehre bekräftigt – und die alle, die sich, egal wie es um sie steht, dem deutschen Kollektiv unterordnen, teilen diese Auffassung und machen begeistert mit. Genau das gefällt der Herrschaft, und darauf legt sie großen Wert, beweist das doch, dass dieses Volk, egal was kommt, treu zum Staat steht. Deswegen lässt sich die Herrschaft auch nicht lumpen, richtet „Fan-Meilen“ und „Public Viewing“ ein, um diese „nationale Identität“ ein weiteres Mal anzuheizen. Dann liegen sich Menschen in den Armen, die sonst nichts miteinander zu tun haben, auch nichts zu tun haben wollen, betätigen so die unmittelbare Identität von Individuum und Staat, ergehen sich in dem Gefühl „Meine Nation ist das Höchste“ und beteuern sich gegenseitig ihre Gleichheit: dass ihre erste und wichtigste Bestimmung, quasi ihre „Natur“, ihre Unterworfenheit unter eine gemeinsame Herrschaft ist – die sie sich nicht ausgesucht haben, sondern unter die sie durch den Zufall der Geburt geraten sind.

Und nebenbei passt die Polizei auf, dass der Fanatismus, der in dieser „nationalen Identität“ steckt und von dem die Herrschaft genau weiß, dass er gar zu gern auf andere „nationale Identitäten“ losgeht –den sie in gewissen „Schicksalsmomenten“ der Nation gerne aufwühlt und gegen feindliche „Identitäten“ antreten lässt –, dass dieser Fanatismus unterm Deckel bleibt: „Es kam nur zu vereinzelten Übergriffen und Auseinandersetzungen.“

Zeitungswechsel: Süddeutsche Zeitung. Auch sie widmete während der Europameisterschaft jeden Tag an die 4 Seiten der deutschen Nationalmannschaft, hechelte teils sorgenvoll, teils euphorisch ihre Erfolgsaussichten durch und verlor kein kritisches Wort über die Massenbegeisterung. In der Ausgabe vom 23. Juni ließ sie nun auf der ersten Seite ihre Russland-Expertin, Frau Sonja Zekri, unter der Überschrift zu Wort kommen: „Russland im Rausch – ein Fußballteam im Dienst der nationalen Sache“. Wir erfahren über die Russen:

„In Moskau tobte eine halbe Million Menschen mit der russischen Trikolore durch die Stadt, Frauen und Männer machten den Oberkörper frei, tanzten Rumba vor dem Majakowski-Denkmal und jubelten bis zum Morgen über den Sieg gegen Holland in der Europameisterschaft. In Sankt Petersburg […] waren die Straßen ausgestorben bis zum Schlusspfiff, dann stürzten Menschen auf die taghellen Straßen. Ein Land im Rausch.“

Also alles genau so wie bei uns? Ganz und gar nicht – diese nationalistischen Ausbrüche kann man nicht gutheißen. Sie verraten nämlich, dass dieses Land „nicht im Reinen mit sich“ ist:

„Seit Monaten eilt Russland von Sieg zu Sieg, hat den UEFA-Cup gewonnen, im Eishockey, bei der Eurovision. Jedes Mal ist eine blau-weiß-rote Welle des nationalen Wohlbefindens durch das Land geschwappt, jede Glanzleistung wurde nicht als Sieg eines Sängers oder einer Mannschaft gefeiert, sondern als Erfolg der ganzen Nation begriffen. Russland ist auch zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion nicht im Reinen mit sich und seinem Platz in der Welt.“

Nachdem die Dame selbst gesagt hat, dass Russland von Sieg zu Sieg geeilt ist, also die hierzulande üblich nationale Identifikation wiederholt hat, erklärt sie die dortige Begeisterung im nächsten Moment zu einem Ausdruck der Unreife – die Russen legen sich ein „Wohlbefinden“ zu, indem sie Siege eines Sängers oder einer Mannschaft zu nationalen Erfolge aufblasen, was sich aber für die nicht gehört. Frau Zekri meint, dass sich die Russen nicht von ihrem Staat agitieren und sich nicht an Siegen über andere Nationen berauschen dürften, sondern einen kritischen Standpunkt gegen ihre Nation einnehmen müssten:

„In acht Jahren Putin haben Staatsfernsehen und Politikerreden den Menschen eingetrichtert, dass nicht bürokratische Zumutungen und Gängelungen das Leben schwermachen, sondern das Ausland sie bedrängt, dass Russland verkannt und bedroht wird.“

Die Pflege und Befeuerung der „nationalen Identität“, die die russischen Regierungen zweifelsohne betreiben, hält Frau Zekri in anderen Zusammenhängen bzw. in anderen Nationen für völlig angebracht und normal, aber sie sagt ja, was ihr im Fall Russland daran nicht passt: Darin drückt sich eine Unzufriedenheit des russischen Staates mit seinem „Platz in der Welt“ aus und der Wille, daran etwas zu ändern – wofür und womit er nach jedermann geläufigen Mustern sein Volk mobilisiert und hinter sich bringt. Dass Russland nach allen zwischen Staaten üblichen Maßstäben guten Grund für diese Unzufriedenheit hat, weiß Frau Zekri genau und sie berichtet an anderer Stelle darüber, wenn es um die Einkreisung Russlands durch die NATO, den Raketenabwehrschirm und andere Streitigkeiten des Westens, allen voran die USA, mit Russland geht. Aber als berufsmäßige Propagandistin des deutschen Nationalismus kann sie es überhaupt nicht leiden, wenn ein Emporkömmling – dazu noch mit reichlich Geld und Macht – eine Korrektur an der Hierarchie der Staaten, eben seinen „Platz in der Welt“ durchsetzen bzw. sich Beschränkungen und Zurücksetzungen nicht mehr gefallen lassen will. Das greift nämlich auch den Status der deutschen Nation an, die daran interessiert ist, dieses Emporkommen Russlands nicht zuzulassen und sich als Erfolgsnation dagegen zu behaupten.

Die Leistung der Frau Zekri besteht darin, dieses Gegeneinander von Staaten in ein Gegeneinander von korrekter und falscher „nationaler Identität“ zu übersetzen: Bei „uns“ geht nationaler Überschwang in Ordnung, weil „unser“ Stolz auf „uns“ völlig berechtigt ist, die Russen bilden sich ihren nationalen Überschwang nur ein und haben ihn sich nicht verdient, drücken damit aus, dass sie sich einen „Platz in der Welt“ anmaßen, der ihnen nicht zusteht; und sie zeigen damit nur, dass sie „mit sich nicht im Reinen“ sind – nicht einmal ein „Public Viewing“ gibt es bei denen, und wenn sie verlieren, sind sie gleich wieder total betröpfelt. Das alles fasst Frau Zekri in einer wunderbaren Sprachschöpfung zusammen: „Bis zu einem politikfreien Triumphgefühl ist es also in Russland noch ein weiter Weg“. Bei uns gibt es – wenn man mal wieder die anderen geschlagen hat – dieses „politikfreie Triumphgefühl“, bei dem „Deutschland!“ ohne alle Umwege und Reflexionen, ohne staatliche Anleitung oder gar Bevormundung, direkt ins Blut gelangt, Staat und Untertan im unmittelbaren Gefühl zusammengeschlossen sind. Vor den Russen liegt aber noch „ein weiter Weg“, sie müssen noch allerlei Verrenkungen anstellen, schiffen also in der Konkurrenz, was ein fertiger und gelungener Nationalist ist, glatt ab.

Aus der Gegnerschaft zum russischen Staat ein Defizit des russischen Nationalcharakters, der „mit sich nicht im Reinen“ ist, zu drechseln – das ist eine aus den Zeiten des Kalten Krieges wohlbekannte Übung, hier in einer schon ziemlich verrückten Ausprägung. Das umstandslose Bekenntnis zum eigenen „politikfreien Triumphgefühl“ zeigt auf der anderen Seite, dass Deutschland mit seinem Nationalismus einen weiten Weg nicht vor, sondern hinter sich hat.

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