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Zurück zur Übersicht :: Druckversion Der Krieg im Suedkaukasus schafft eine neue Weltlage GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für
Stuttgart vom 24. September 2008 Krieg
im Südkaukasus 1. Wie die USA den
antirussischen Nationalismus im Kaukasus schüren und unterstützen, um die NATO
bis an die Grenzen Russlands auszuweiten, und Russlands Antwort Die eigentümliche
Konfliktlage zwischen Georgien und Russland ist ein Produkt der Staatsgründungskriege
nach der Selbstaufgabe der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre. Die neuen Führer
in den ehemaligen Kaukasusrepubliken – und auch in anderen Landesteilen der
ehemaligen Sowjetunion – sahen ihre erste Aufgabe darin, ihren
„staatstragenden“ Völkern ein Stück souveräne Staatsmacht zu erkämpfen, ohne
Rücksicht auf die Opfer, die ein kriegerischer Start in die Eigenstaatlichkeit
nun einmal fordert. Der erste georgische Präsident beseitigte unter der Parole „Georgien
den Georgiern!“ die Autonomie von Osseten und Abchasen, die ihrerseits auf
Unabhängigkeit pochten. Die nachfolgenden Bürgerkriege beendete Russland –
damals übrigens im Einvernehmen mit der westlichen Seite. Seitdem steht in der
Region eine vom UN-Sicherheitsrat gebilligte UN-Friedenstruppe, die sich aus Osseten,
Georgiern und Russen zusammensetzt, zwischen den Streitparteien. Mit dem 5‑Tage-Krieg
und der russischen Anerkennung der beiden Provinzen als souveräne Staaten sind
diese Konstruktionen und mit ihnen die Fiktion einer einvernehmlichen Lösung
dieses „eingefrorenen Konflikts“ dahin. Anfang August sah der
georgische Staatschef den Zeitpunkt gekommen, sein Wiedervereinigungsprogramm
voranzubringen und die abtrünnige Republik Südossetien gewaltsam heimzuholen.
Dass ihm dabei mit Russland ein übermächtiger Gegner im Weg steht, der
sich als Schutzmacht Ossetiens versteht, den größten Teil der dortigen
Bevölkerung mit russischen Pässen ausgestattet hat und mit einigen Hundert Mann
in der gemischten Friedenstruppe präsent ist – das weiß keiner besser als Saakaschwili
selbst. Er eröffnete den Krieg im Bewusstsein der Rückendeckung durch die USA
und ihren Nato-Anhang, nahm eine Eskalation der lokalen Auseinandersetzung zu
einem Konflikt der Großmächte nicht nur in Kauf, sondern setzte geradezu auf
sie. Das russische Kontingent in der Friedenstruppe wurde demonstrativ
beschossen und dezimiert, die Hauptstadt der Südosseten Zchinwali ebenso
demonstrativ in Schutt und Asche gelegt. Für die Rückgewinnung des Kommandos
über einen abgefallenen Landesteil führte Saakaschwili seine Nation in einen
Großkonflikt: Russland sollte mit den USA in Kollision kommen und sich
vor die Frage gestellt sehen, ob es Georgien gewähren lässt, oder ob ihm die
Wahrung seiner Interessen im Südkaukasus im Zweifel eine direkte Konfrontation
mit dem Westen wert ist. Russland trat dieser Herausforderung als die militärische
Großmacht entgegen, die es ist: Die georgischen Truppen wurden binnen
kurzem zurückgeschlagen, der Kriegsschauplatz sofort auf die zweite
Separatistenrepublik Abchasien und das georgische Kernland ausgeweitet, die
militärische Infrastruktur und das Waffenarsenal Georgiens großflächig
zerstört. Strategisch wichtige Teile Georgiens blieben bis auf Weiteres besetzt
und mit dem von Russland selbst beschlossenen Rückzug auf die Stellungen vor
dem Krieg ließen die Russen sich demonstrativ viel Zeit. Russland beansprucht erkennbar Respekt als Ordnungsmacht
in der Region und kopierte für die Untermauerung dieses Anspruchs das Vorgehen
der USA auf dem Balkan bis ins Detail: von der Demonstration absoluter
militärischer Überlegenheit per „shock & awe“: – auch Russland stieg mit seiner
Luftwaffe in den Krieg ein und bombardierte den Flughafen von Tiflis, um die
Georgier mürbe zu machen – bis hin zur Inszenierung des Kriegs als Erfüllung
eines höheren menschenrechtlichen Auftrags. Russland erklärte seinem Nachbarn
nicht den Krieg, es erfüllte höhere Pflichten. Pflichten zum Schutz seiner
Bevölkerung, Pflichten als Garantiemacht für die Einhaltung der Friedensordnung
im Kaukasus, Pflichten zur Vermeidung einer „humanitären Katastrophe“,
eines „Genozids“ und anderer Kriegsverbrechen. Auf der Grundlage, dass jetzt einmal er Fakten
geschaffen hat, die der Westen zur Kenntnis zu nehmen hat, forderte der neue
russische Präsident Medwedew Respekt vor russischen Interessen und
Rechten im Kaukasus, eben den Respekt, auf den die andere Seite ganz
automatisch Anspruch erhebt. Russland regelte den Fall demonstrativ aus eigener
Machtvollkommenheit; Medwedew verkündete sein ‚mission accomplished‘
nicht in und nach Verhandlungen mit der EU, und Außenminister Lawrow bestand
darauf, dass Bushs Aufforderung zur Beendigung der Kampfhandlungen nicht die geringste
Rolle gespielt habe. Die
USA stiegen auf einer Ebene in die Auseinandersetzung ein, die das Hin und Her
um Schuld, Gründe und Rechtfertigungen, den Schacher um Kompromisse usw.
entschieden hinter sich lässt: „[Abchasien und Südossetien] sind Teil
Georgiens, und die internationale Gemeinschaft hat wiederholt klargemacht, dass
sie das auch bleiben. […] Darüber gibt es nichts zu diskutieren.“ Bush erklärte die durch das russische Eingreifen
geschaffene Lage kurzerhand für ungültig und verbat sich jeden Einspruch. Für
Bush liegen die Dinge hier genau umgekehrt wie vor kurzem im Kosovo: Georgien
hat – im Gegensatz zu damals Serbien beim Kosovo – das absolute Recht,
eine Abspaltung der beiden Provinzen zu verhindern, weil ein Freund der USA
nicht geschwächt werden darf und eine russische Mitsprache in einem Freundland
schon gleich nicht zu akzeptieren ist. Also soll Russland sich gefälligst
danach richten. „Unglücklicherweise neigte Russland dazu, die
Ausdehnung von Freiheit und Demokratie als Bedrohung seiner Interessen zu
sehen. Das Gegenteil ist wahr: Freie und aufblühende Gesellschaften an den
russischen Grenzen bringen die Interessen Russlands voran, indem sie als
Quellen von Stabilität und wirtschaftlichen Möglichkeiten dienen.“ Russland hat aus amerikanischer Sicht die Grundregeln
für das Zusammenleben der Völker verletzt. Diese Grundregeln enthalten
anscheinend das Recht, „die Ausdehnung von Freiheit und Demokratie“ zu
betreiben, also lauter bunte Revolutionen in die unmittelbare russische
Nachbarschaft zu exportieren, Satellitenstaaten mit Raketenabwehr und
Spionageeinrichtungen rund um Russland einzurichten – kurz: aus der russischen
Einflusssphäre unmittelbar an seinen Landesgrenzen eine amerikanische zu
machen und die russische Position auf der ganzen Linie zu schwächen. Russische
Interessenpolitik ist für Bush in diesen Grundregeln für das Zusammenleben der
Völker nicht vorgesehen. Der Kreml soll die militärisch ausstaffierten und
politisch ins westliche Lager eingemeindeten US-Geschöpfe an seinen Grenzen
einfach mit amerikanischen Augen sehen, also als das genaue Gegenteil von dem,
was sie sind – „als Quellen von Stabilität und wirtschaftlichen
Möglichkeiten“ für Russland. „Tyrannisieren und Einschüchtern sind
unakzeptable Wege für eine Außenpolitik im 21. Jahrhundert. Russland allein
kann entscheiden, ob es auf den Pfad der verantwortlichen Nationen zurückkehrt
oder ob es eine Politik fortsetzt, die nur Konfrontation und Isolation
verheißt.“
(Bush, 13.8.08) Es klingt wie ein absurder Witz, wenn der
Oberkommandeur des weltweiten ‚War on Terror’ sich gegen „Einschüchterung“
als Mittel der Politik wendet, ist aber bitterernst gemeint: Russland
steht dergleichen einfach nicht zu. Es soll auf weltpolitische Interessen und
Absichten gefälligst verzichten und sich friedlich und kooperativ einfügen in
die von den USA kontrollierte Staatenwelt, sonst muss es mit allem rechnen:
Angekündigt wird die Ausgrenzung aus dem Kreis der „verantwortlichen Nationen“
und eine Politik der „Konfrontation und Isolation“, von der es nicht
weit ist bis zu einer Behandlung als offener Feind. Das ist der erste Teil der amerikanischen
Antwort auf die russische Forderung nach Respektierung seiner Interessen im
Kaukasus: Russland soll einen antirussischen Staat an seiner Südgrenze hinnehmen.
Schließlich hat man Georgien nicht umsonst aus dem Einflussbereich Russlands
herausgelöst, die russischen Militärbasen im Land liquidiert und den
Kaukasusstaat in einen verlässlichen Partner bei der Einkreisung Russlands
umgedreht. Mit dem „befreiten“ Georgien verfügen die USA über einen eigenen
militärischen Brückenkopf im Kaukasus, brauchbar auch für ein Stück Front in
Richtung Iran und Naher Osten; über ein antirussisches Transitland für
zentralasiatische Energie; über eine nationale Hilfstruppe für alle Aufgaben in
der Region. Als Vollzugsbeauftragter für diese Aufgaben ist
Saakaschwili per Rosen-Revolution installiert worden. Seit seiner Amtsübernahme
wurde in Form von Hilfe für ein „aufblühendes, demokratisches Georgien“ die
Einrichtung eines amerikanischen Militärstützpunkts und strategischen
Vasallenstaats abgewickelt. Das nächste Ziel ist auch bekannt, weil umstritten:
die Überführung des US-Postens in EU- und Nato-Zuständigkeit, also definitiv in
westlichen Besitz. Für diesen Dienst an Amerika wurde Saakaschwili
mit Waffen und einer modernisierten Armee ausgestattet, mit sehr viel internationaler
Anerkennung bedacht und mit etlichen Weltbank-Krediten versorgt. Und weil es
prächtig in das amerikanische Programm der Einhegung und Schwächung Russlands
hineinpasste, unterschrieb Bush seinem Saakaschwili den internationalen
Rechtstitel auf „territoriale Integrität“, was den georgischen Revanchismus
erst richtig scharf und für Russland unhandhabbar machte. 2. Russland verändert die
Weltlage und meldet sich als Weltmacht zurück – In Teil 1 haben wir die imperialistischen
Interessen in und an der Kaukasus-Region und kriegsträchtigen Lage analysiert,
die durch sie entstanden ist. Der zweite Teil des Beitrags widmet sich den
politischen Konsequenzen, die von den USA, den europäischen Staaten und
Russland gezogen werden bzw. angekündigt sind. Seit die KPdSU in Russland den Kommunismus
abgeschafft hat, zielt die Politik der USA auf die Eindämmung, Verkleinerung
und funktionelle Einordnung des noch immer viel zu großen und zu mächtigen
Landes. Erreicht wurde da einiges: EU und Nato haben die Ex-Partner Russlands
inzwischen eingemeindet; Russlands „Nahes Ausland“ (die ehemaligen
Sowjetrepubliken) ist teilweise durch bunte Revolutionen in der Ukraine und
Georgien zur Einflusszone der USA geworden. Für den Rest der GUS-Welt außer
Weißrussland kann von verlässlichen, russlandfreundlichen Staaten keine Rede
sein. Die Versuche Russlands, in die „Konfliktregelung“ weltweit einzugreifen,
sind beiseite gewischt worden wie in Jugoslawien, Afghanistan und dem Irak. Und
unter der ersten russischen Präsidentschaft von Jelzin standen die Chancen eine
Weile nicht schlecht, dass Russland für ganz viel formellen Respekt und
Freundschaft die praktische Missachtung seiner Interessen hinnimmt. Das ist vorbei: Die russische Führung seit Putin
macht sich über die ihr angetragene „Partnerschaft“ nichts mehr vor und lässt
ihre Gegner das auch wissen: Mit dem Krieg gegen Georgien beendet Russland mit
Waffengewalt den Test, wie viel es sich von einer US-Kreatur in seinem
unmittelbaren Einflussbereich gefallen lassen muss, und setzt den USA eine
Schranke. Mit seiner Intervention in Georgien hat Russland nicht bloß dort die
Verhältnisse aufgemischt, sondern tatsächlich eine neue Weltlage
geschaffen. Es hat praktisch, mit einem erfolgreichen Blitzkrieg,
Einspruch eingelegt gegen eine amerikanisch-europäische Weltpolitik, die mit
einem noch viel größeren Aufgebot an militärischer Gewalt ihre Alleinzuständigkeit
für den Geschäftsverkehr und die Gewaltverhältnisse zwischen und in den anderen
Staaten durchsetzt und dafür auch noch allgemeine Anerkennung verlangt. Und
damit hat Russland eben „die Lage“ verändert. Die Beschlagnahme der
Kaukasus-Region und Asiens durch die USA und die EU zu Lasten Russlands geht
nicht mehr so weiter, jedenfalls nicht mehr so billig wie bisher. Jetzt,
nachdem Russland mit seinen Fliegern und Panzern auch einmal zugeschlagen und
an einer heiklen Stelle einen Strich durch die westliche Rechnung gemacht hat,
funktioniert der Anspruch des Westens, alleinzuständig in Sachen Imperialismus
und Weltordnung zu sein, nicht mehr. Und genau das ist von der
russischen Regierung auch genau so gewollt: Russland mischt nicht nur
einen größenwahnsinnigen Präsidenten auf; es mischt sich als autonom
agierende Weltmacht wieder in das Weltgeschehen ein, das die „freie Welt“
so lange zu ihrer Domäne gemacht hat. * Dass Russland dazu willens und fähig ist,
liefert der US-Regierung den Beweis, dass diese Nation ihre Lektion nicht
gelernt, dass Amerika ihr viel zu viel erlaubt hat. Der
US-Verteidigungsminister kündigt an, das Verhältnis zu Russland auf allen
Ebenen neu zu bestimmen. Für Gates ist ein Erziehungsprogramm gescheitert: Man
hat sich die größte Mühe gegeben, den Feind von gestern zu resozialisieren, ihm
seinen Platz anzuweisen in der internationalen Gemeinschaft – und nun das.
Russland ist nicht „auf dem Weg“. Die Führer der Weltmacht gehen mit der
größten Selbstverständlichkeit davon aus, dass das Mitmachen in der
„internationalen Gemeinschaft“ erstens eine Frage ihrer Erlaubnis ist, deswegen
zweitens ganz automatisch die Pflicht enthält, sich als im amerikanischen Sinne
funktionaler Teil dieser „Gemeinschaft“ aufzuführen, so dass drittens die
Diagnose feststeht, wenn ein Staat wie Russland den „Pfad der verantwortlichen
Nationen verlässt“: Er hat die amerikanische Lizenz missbraucht, also verwirkt.
Auf dem Programm steht deshalb die noch entschiedenere Fortsetzung der Eindämmungs-Politik,
gegen die sich Russland in Georgien erstmals militant zur Wehr setzt. Auf die
in der Öffentlichkeit aufgeworfene Frage, ob nicht eine militärische „Antwort“
der USA angebracht wäre, antwortet Gates mit einem sehr doppeldeutigen Dementi: „Es gebe schlicht und einfach ‚keinerlei Aussicht für den
Gebrauch militärischer Gewalt durch die Vereinigten Staaten in dieser Lage‘.“ (Gates,
SZ, 16./17.8.)
Man hat also im Pentagon über Krieg nachgedacht,
zieht ihn jedoch nach Abwägung aller Umstände derzeit nicht in Erwägung.
Aber dass Russland die Quellen seiner Macht bestritten werden müssen, steht
fest. Schöne Erfolge ergeben sich innerhalb weniger Tage wie von selbst: Der
amerikanische Handel mit Polen um die Bedingungen für die Stationierung
der Raketenabwehr, die sich bekanntlich „nicht gegen Russland richtet“,
wird erfolgreich abgeschlossen. Die USA erhalten die gewünschte Basis, Polen
wird massiv aufgerüstet, obendrein bekommt es eine ausdrückliche
Beistandsgarantie der USA im Konfliktfall. Die Ukraine eskaliert ihren
Streit mit Russland über die Stationierung der Schwarzmeerflotte auf der Krim
und dient sich den USA als zusätzlicher Stationierungsort für ihre
Raketenabwehr an. Für den weiteren Umgang mit Russland hat die amerikanische
Führung einige Schritte teils bereits beschlossen, teils geplant, die die
Austragung des Gegensatzes ungeschminkt auf die Tagesordnung setzen: Jede
Zusammenarbeit mit Russland im Rahmen der Nato wird eingefroren; die Auflösung
des Nato-Russland-Rats wird erwogen; Russland soll aus der G 8
ausgeschlossen werden; der russische Beitritt zu WTO und OECD wird in Frage
gestellt; das russisch-amerikanische Abkommen über die Nutzung der Atomkraft
wird suspendiert. Und dass unter den gegebenen Umständen ein Boykott der
Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi ansteht, versteht sich von selbst. * Dieses US-Kampfprogramm beeinträchtigt die
Sonderbeziehungen des „Alten Europa“ zu seinem großen Nachbarn. Für den
Aufstieg der EU zur Weltmacht haben die westeuropäischen Führungsnationen
Russland fest eingeplant – als Rohstoffreservoir, als Anlagesphäre und als
wichtige Größe im Ringen mit den USA um die Herrschaft auf dem Globus. Diese
nützlichen Beziehungen, die das „Alte Europa“ für sein imperialistisches
Projekt will und braucht, stehen auf dem Spiel, wenn die USA die Isolation
Russlands auf die Tagesordnung setzen und ihre Verbündeten zur Linientreue
drängen. Und nicht nur das: Die amerikanische Forderung nach Gleichschaltung
spaltet das europäische Projekt so klar wie nie in zwei Lager mit unvereinbaren
strategischen Interessen. Dem berechnenden Umgang der „Alteuropäer“ mit
Russland steht der Großteil der Neumitglieder in Nato und EU feindlich gegenüber.
Zusammen mit den USA und Großbritannien bilden sie eine Koalition der Willigen
und betätigen sich als antieuropäische und antirussische Scharfmacher. Der
estnische Präsident wirft – ganz Sprachrohr seines Mentors Bush – der „russophilen
Koalition in der EU“ vor, sie habe „gute Geschäftsbeziehungen über
europäische Werte wie Menschenrechte, Demokratie usw.“ gestellt, sie habe
Russland mit ihrem Veto gegen die Nato-Aufnahme Georgiens grünes Licht für den
Einmarsch gegeben, und verlangt, dass Frankreich und Deutschland auf eine harte
antirussische Linie einschwenken. (RFE/RL, 14.8.) Das alte Euro-Lager wird
offen bezichtigt – und das sind schon neue Umgangsformen in der EU –, für
vorteilhafte Geschäfte dem Kreml die Quellen seiner neuen Macht erschlossen zu
haben. Das „Alte Europa“ wird also nicht nur von den USA, sondern von Staaten,
die es seinem eigenen Einflussbereich zurechnet, aufgefordert, sich an der
Eindämmung und Isolierung des russischen „Neo-Imperialisten“ zu beteiligen und
dafür seine „Sonderbeziehungen“ zu opfern. Von Russland wird den Führungsmächten der EU
deutlich gemacht, dass sie sich entscheiden müssen zwischen einer strategischen
und Energiepartnerschaft mit Russland und der unnachgiebigen Linie, die die USA
mit ihrem Vorzugspartner Großbritannien und ihren willigen Helfern in Osteuropa
verfolgen. Und nachdem die Regierung in Washington das Scheitern ihrer
Bemühungen um eine weltpolitische Resozialisierung Moskaus verkündet, kontert
der russische Präsident mit einer Grundsatzerklärung: Sein Land wolle keinen
Kalten Krieg, fürchte ihn aber auch nicht – eine denkbar klare Ansage, dass
die Nation entschlossen ist, westlichen Forderungen und Erpressungen nicht
nachzugeben und in dem Fall, dass die Nato sich zu verschärfter Konfrontation
entschließt, jeden Eskalationsschritt mitzugehen: Die Zeiten der Nachgiebigkeit
sind vorbei! Mit diesem Dilemma schlägt sich die „russophile“
Fraktion in der EU, Deutschland und Frankreich herum: Sie suchen nach einem
Weg, den Ruin der Beziehungen zu Russland zu verhindern, ohne den offenen
Gegensatz zu den USA und ihren neuen Satelliten in EU und Nato heraufzubeschwören.
Heraus kommt eine Politik, die sich der Kampflinie der USA und ihrer Freunde formell
anschließt, dies aber irgendwie noch zu kombinieren sucht mit einer
Anerkennung auch der russischen Position. Keine Verurteilung Moskaus wird
ausgesprochen, der nicht die Versicherung folgt, man sei und bleibe gesprächsbereit
und gegen die Isolation Russlands. Merkel und Sarkozy wollen die Konfrontation
in einen Streit um Bedingungen verwandeln, die Russland erfüllen muss, aber
auch erfüllen kann, damit sich die Lage so weit entspannt, dass die Europäer
mit ihren „Beiträgen zur Stabilisierung der Region“ (Steinmeier)
überhaupt wieder eine Chance bekommen. Dazu verschieben sie die amerikanische
Betonung in der Verurteilung Russlands: Die USA sagen: Weil Russland
unverhältnismäßige Gewalt angewendet hat, müssen ihm die Mittel für seine
Gewaltpolitik entzogen werden. Das „Alte Europa formuliert daraus lieber
eine Bedingung: Wenn Russland sich weiterhin nicht an die
Gebote des internationalen Rechts hält, werden womöglich Sanktionen
unausweichlich. So bliebe der Einstieg in einen Verhandlungs- und
Vermittlungsprozess offen, in dem über die Verhältnismäßigkeit der Gewaltanwendung
gestritten, ein Katalog von Bedingungen für die Beilegung des Konflikts fixiert
und irgendwann die Rückkehr zur „Normalität“ angetreten werden kann. Angesichts dessen, dass die Bremswirkung dieser
Politik auf den amerikanischen Konfrontationskurs bislang ausbleibt und vor
allem dem deutschen Kalkül mit Russland unabsehbare Schäden drohen, kommt neben
den scharfmacherischen Tönen, die nach Härte und Sanktionen gegen Moskau rufen,
immer mehr der ums nationale Wohl besorgte Ruf nach mehr Distanz zur
Führungsmacht auf. Deutsche Politiker, Ex-Generäle und führende
Wirtschaftsvertreter warnen vor den Wirkungen von zu viel
US-Gefolgschaftstreue, raten zur Mäßigung im Umgang mit Russland und fordern
ihre Führung auf, den guten Geschäftspartner im Osten „weiterhin in
internationale Strukturen einzubinden“. Da wird Frau Merkel künftig viel zu
tun haben. Lesetipp:
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