





|
|
GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 08.10.08, 18 Uhr
|
Zurück zur Übersicht :: Druckversion
Was der Kollaps des Finanzsystems ueber den Reichtum der kapitalistischen Nationen lehrt (1)
GegenStandpunkt –
Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 8. Oktober 2008
Was der Kollaps des Finanzsystems
über den Reichtum der kapitalistischen Nationen lehrt (Teil 1)
Jetzt, wo die weltgrößten Banken zusammenbrechen und
sich über Nacht Vermögenswerte von vielen Milliarden in Luft auflösen, machen
sich Politiker, Wirtschaftsfachleute und Journalisten Sorgen um die Wirkungen
dieser Zusammenbrüche auf so etwas wie die „Realwirtschaft“. Das ist
bemerkenswert, denn bis vor kurzem hat der Unterschied zwischen Börsenkursen
und Bankrenditen einerseits und dem Reichtum, der aus Produktion und Verkauf
von nützlichen Dingen hervorgeht, andererseits, niemanden groß interessiert.
Sogar dem einfachen Volk, das keine Aktien besitzt, wird in den
Abendnachrichten der Stand der Börsenkurse bekanntgemacht, die unmittelbar als
Auskunft darüber verstanden werden sollen, wie es um „die Wirtschaft“ steht.
Wenn die Laune der Börsianer gut gewesen und die Börsenkapitalisierung der
DAX-Unternehmen wieder einmal gewachsen ist, dann ist – wie auch immer – der
Reichtum größer geworden, von dem „wir alle“ leben. Weil Banken nun aber
krachen und die Finanzakkumulation nicht mehr funktioniert – und vermutlich so
lange, wie sie nicht wieder in Gang kommt –, kennt die Fachwelt den Unterschied
zwischen spekulativen Vermögenstiteln und wirklichem Reichtum, der in der
„Realwirtschaft“ durch Arbeit erzeugt wird.
Gleichwohl plädiert keiner der Experten dafür, sich
auf die Produktion wirklichen Reichtums zu konzentrieren und die Finanzhäuser
mit ihrer spekulativen Geldvermehrung getrost vor die Hunde gehen zu lassen.
Das ist in einer kapitalistischen Nation jenseits aller Vorstellung. Gerade in
dem Augenblick, in dem der Finanzzauber auffliegt, machen sich die Zuständigen
größte Sorgen um den Dienst, den das Kreditwesen der Realwirtschaft leisten
soll. Im Namen dieses Dienstes beschuldigen sie die Akteure an den
Finanzmärkten, alles verkehrt gemacht zu haben. Lächerlich, wie die Liebhaber
eines potenten Finanzsektors auf einmal Gier bei den jahrelang hochgejubelten
Bankern entdecken, wie sie, die sonst Risiko und Risikobereitschaft als Vorzug
des kapitalistischen Wirtschaftssystems loben, nun maßlose Risiken kritisieren,
die die für gigantische Renditen bewunderten Investmentbanken eingegangen seien
und wohl selbst nicht mehr durchschaut hätten.
Dabei haben die Investoren und Verwalter der großen
Geldvermögen überhaupt nichts falsch und auch nichts entscheidend anders
gemacht als immer schon. Sie haben das Wachstum ihrer Branche und damit ihre
Bereicherung mit einer Sorte Geschäft auf immer neue Höhen getrieben, das von
seinem grundsoliden Ausgangspunkt an spekulativ ist.
Geschäft mit dem Geld-Verleihen
Banken machen dasselbe wie alle kapitalistischen
Unternehmer: Sie machen aus Geld mehr Geld – das allerdings ohne den Umweg über
Produktion und Verkauf von Gütern, den andere für dasselbe Ziel nehmen müssen.
Zur Schaffung des materiellen Reichtums tragen die Geldhäuser nichts
bei. Sie verleihen Geld – und vermehren es durch eine Vereinbarung mit ihrem
Kreditnehmer: Der muss es ihnen nach einer vereinbarten Frist mit Zinsen
zurückzahlen. Dabei ist es den Banken sogar gleichgültig, ob ihr Kunde das
geliehene Geld als Kapital investiert und dadurch Überschüsse erwirtschaftet
oder ob er damit ein Verlustgeschäft macht. Seine vertragliche
Rückzahlungspflicht gilt unbedingt; seine tatsächliche Fähigkeit dazu hängt
jedoch davon ab, ob er sich das erforderliche Geld bis zur Fälligkeit
beschaffen kann. Diesen Umstand ignoriert das Kreditverhältnis: Es tut so – und
wenn es klappt, ist es für die Bank ja auch so –, als ob sich das Geld im Maß
der verstreichenden Zeit automatisch vermehrte: In ihrer Hand ist Geld
unmittelbar Kapital – aber nur dadurch, dass sie auf eine Geldvermehrung
spekuliert, die andere betreiben und die sie nicht in der Hand hat.
Das Geschäft mit Kredit beruht also durchaus darauf,
dass er für kapitalistische Geldvermehrung eingesetzt wird. Im Zins eignet sich
die Bank einen Teil des in Produktion und Handel erwirtschafteten Überschusses
an. Ihre Macht, vom Kreditnehmer mehr Geld zurückzufordern, als sie ihm gibt,
gründet darauf, dass sie ihn instand setzt, Profit mit Kapital zu machen, und
zwar mit Kapital, das ihm gar nicht gehört. Er zahlt den Tribut, weil er mit
geliehenem Kapital mehr Gewinn machen kann als nur mit eigenem, was auf Seiten
des produktiven Kapitalisten durchaus auch eine Spekulation ist, nämlich auf
künftige Erträge, die den aufgenommenen Kredit rechtfertigen und aus denen er
sich bezahlen lässt.
Für die Kapitalisten in Industrie (und Handel) ist
die entscheidende Bedingung des Gewinnemachens die Größe der verfügbaren
Kapitalgröße. Das hat seinen Grund darin, dass sie sich um die wirkliche
Quelle des materiellen Reichtums keine Sorgen machen müssen – die funktioniert
nämlich zuverlässig. Es sind die Arbeiter, welche die nützlichen Dinge
schaffen, die mit Gewinn zu verkaufen sind. Und deren Willen und Bereitschaft
sind in einem geordneten Kapitalismus eine Selbstverständlichkeit:
Arbeitskräfte gibt es in den Berufen aller Bildungsniveaus reichlich bis
überreichlich und billig, und sie stehen so selbstverständlich zur Verfügung,
dass sich kein Kapitalist von ihnen mehr abhängig sieht; er kalkuliert sie
locker als einen Produktionsfaktor neben Rohmaterial und
Betriebsstoffen.
Unter solchen Umständen hängt die Fähigkeit zur
Gewinnerwirtschaftung tatsächlich nur noch ab von der Macht des Geldes. Wer
sich die erforderlichen Produktionsmittel beschaffen, den nötigen
Kapitalvorschuss leisten, wer Mittel auch für Phasen von Forschung und
Entwicklung vorstrecken und technische Innovationen bezahlen kann, die die
Anlagen der Konkurrenten übertreffen und entwerten, der macht das Geschäft. Ob
und in welchem Maß eine Firma oder eine Nation auf ihrem Standort die
Profitmacherei in Gang setzen, welche Waffen der Konkurrenz sie einsetzen kann,
alles entscheidet sich an der Verfügung über die nötige Menge Kapital. So kommt
der absurde, in sich unerklärbare Schein zustande, das Geld selbst sei die
Quelle seiner Vermehrung – als sei Geld ohne weiteres und aus sich selbst
heraus Kapital.
Die Vergrößerung des Kapitals, mit der ein
industrieller Kapitalist die Konkurrenten übertrumpfen kann, ist beschränkt
durch den in der Vergangenheit akkumulierten und erst nach dem Verkauf der
Produkte investierbaren Gewinn. Über diese Schranke hilft die Bank hinweg,
indem sie Kredit, also zusätzliches Kapital zur Verfügung stellt und so
natürlich auch den für alle Kapitalisten gültigen Erfolgsmaßstab nach oben
schraubt. Das ist ihr Dienst an der industriellen und merkantilen
Profitmacherei – und darin gründet die Macht der Bank, sich an den Zuwächsen zu
beteiligen, die andere aus ihren Arbeitskräften herausholen.
Akkumulation des Finanzkapitals
Freilich, der Profitmacherei mit der Lohnarbeit
einen Dienst zu leisten, ist nicht der Zweck der Bank. Sie dient nicht der
Realwirtschaft, sondern nutzt – wie jedes kapitalistische Unternehmen – den
Bedarf anderer aus, um daraus für sich ein Plus zu machen. Die kapitalistische
Realwirtschaft und das ganze Produzieren und Konsumieren der Gesellschaft, das
daran hängt, ist für das Finanzkapital Mittel seiner Selbstverwertung
– und das keineswegs nur in der beschränkten Perspektive der Finanzmagnaten
selbst, sondern objektiv: Die Banken entscheiden darüber, welche Firma Kredit
bekommt, damit also über die nötigen Waffen der Konkurrenz verfügt, und sie
entscheiden, welche keinen Kredit bekommen, wessen Schulden prolongiert werden,
welcher säumige Schuldner dagegen Konkurs anmelden muss. Deshalb sind sie die
wirtschaftlichen Machtzentren, die den Gang des Kapitalismus bestimmen.
Ihr vom Staat verliehenes Recht, das ihnen zur Verfügung
stehende Geld direkt in Kapital zu verwandeln, d. h. es allein durch
Verleihen und Zurückfordern zu vermehren, nutzen Banken, so gut sie können.
Dabei kämen sie nicht weit, wenn sie (nur) das Geld verliehen, das ihre
Eigentümer aus Privatvermögen eingebracht haben, und dann warten müssten, bis
es mit Zinsen zu ihnen zurückfließt. Wie ihre Kreditnehmer „arbeitet“ auch die
Bank mit Geld, das ihr nicht gehört. Sie leiht es sich beim Publikum, indem sie
Einlagen einwirbt und für Sparbücher, Festgeld, manchmal auch für Girokonten,
Zinsen verspricht. Sie beschafft sich Verfügung über fremdes Geld, um
ihrerseits gegen höhere Zinsen anderen Verfügung über fremdes Geld zu gewähren.
Auf diese Weise trennt die Bank das Eigentum
an Geld von der Verfügung darüber und macht einen doppelten Gebrauch vom
Geld. Von ihrem Gläubiger bzw. Kreditgeber, dem Inhaber eines Kontos bei ihr,
nimmt sie Geld und verleiht es weiter. Das Eigentumsrecht bleibt beim
Kreditgeber, das Geld selbst wandert zum Kreditnehmer, dem Schuldner der Bank,
der damit wie mit eigenem Geld umgehen kann. Den Einlegern verspricht die Bank
gleichwohl die jederzeitige oder an Fristen gebundene Verfügung über das
eingelegte Geld, das sie gar nicht mehr hat – und das sie erst in irgendeiner
Zukunft und dann abhängig von Geschäftserfolg und Solvenz ihres Schuldners
wieder zurückzubekommen hofft. Das ist die zweite Stufe der Spekulation.
Gleichgültig, wie sie dieses Kunststück im einzelnen
hinbekommt – sie praktiziert es nicht nur im Verhältnis zu ihren Einlegern,
sondern auch zu sich selbst: Weggegebenes Geld, das sie bis zur Rückzahlung,
die fraglich ist, nicht hat, betrachtet sie als Vermögenswerte, die sie hat,
und führt sie als „Aktiva“ in ihren Büchern. Ihre Anspruchstitel auf Verzinsung
und künftige Rückzahlung lässt sie aber keineswegs in ihren Büchern
herumliegen, um untätig auf die Tilgung zu warten. Sie behandelt die Schulden
ihrer Kreditnehmer als „Assets“, als zinstragendes Kapital, das sie mit Gewinn
an andere Geldanleger weiterverkauft oder zur Grundlage eigener neuer
Kreditaufnahme macht, um ohne neues eigenes Kapital denselben Kreisverkehr der
Verdopplung des Geldvermögens immer wieder und auf immer größerer Stufenleiter
zu eröffnen.
Wie sich die Akkumulation des Finanzkapitals
gegen die „Realwirtschaft“ verselbständigt, wie der zunehmende Erfolg des
Finanzkapitals notwendigerweise zur Finanzkrise führt und wie die Staaten ihr
Finanzsystem retten, analysieren wir in unserer nächsten Sendung in einer
Woche.
|