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GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 15.10.08, 18 Uhr
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Was der Kollaps des Finanzsystems ueber den Reichtum der kapitalistischen Nationen lehrt (Teil 2)
Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 13. Oktober 2008
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 15.
Oktober 2008
Was der Kollaps des
Finanzsystems
über den Reichtum der kapitalistischen Nationen lehrt (Teil 2)
Im 1. Teil dieser Analyse haben wir die
Grundlage des Bankgeschäfts erläutert. Die Bank stellt Kapitalisten Geld zur
Verfügung, mit dem diese mehr Geschäft machen können, als es ihnen möglich
wäre, wenn sie nur über ihr eigenes Kapital verfügen könnten. Die Bank
bereichert sich über die Angewiesenheit aller Unternehmen auf fremdes Geld zur
Ausweitung ihres Geschäfts und zur Beschleunigung des Umschlags ihres Kapitals,
indem sie ihren Schuldnern Zinsen abverlangt. Darüber hinaus behandelt sie die
Forderungen, die sie ihren Schuldnern gegenüber hat, gleich wieder als
Geschäftsmittel: Sie werden ihrerseits wieder verkauft, beliehen und zur
Grundlage weiterer Finanz-„Produkte“, mit denen sich die Bank immer neue
Geschäftsfelder und Bereicherungsquellen erschließt.
Die Zahlungsfähigkeit, die Banken und
Finanzhäuser durch die Verwendung fremder Schulden als verkäufliche oder
beleihbare Vermögenswerte erschaffen, verwenden sie selbstverständlich nicht
nur und auch nicht überwiegend zur Kreditierung der Wachstums- und
Konkurrenzbedürfnisse ihrer Kunden aus der „Realwirtschaft“, sondern legen sie
in allem an, was ihnen Zuwachs verspricht: in Aktien, Rohstoffe, edle Metalle
und auch in zinstragende Wertpapiere, die andere Banken auf den Markt bringen.
Damit befreit das Finanzkapital sein Wachstum und seine Rendite von den
beschränkten Wachstumsbedürfnissen und Wachstumsgelegenheiten, die Industrie
und Handel ihm bieten. Von einem Dienst des Finanzsektors an der
Realwirtschaft ist da nichts mehr zu sehen: Diese Abteilung Kapital, auf die es
für den Rest der kapitalistischen Wirtschaft so entscheidend ankommt, nutzt
schlicht ihre Sonderstellung und akkumuliert aus sich selbst heraus. Sie
radikalisiert ihre Fähigkeit, Geld ohne Umweg als Kapital zu nutzen, noch
einmal. Dabei nutzt sie gar nicht wirkliches, vorhandenes Geld, sondern
versprochenes, erwartetes Geld – Kredit eben –, also Geld, das sie nicht hat,
als sich verwertendes Kapital. Die eine Bank beschafft sich Zahlungsfähigkeit,
indem sie Kredit bei anderen Banken nimmt, und zwar derart, dass sie ihnen
Wertpapiere, verzinste Rückzahlungsversprechen, verkauft, die sie auf die
Erwartung herausgibt, dass sich der bisherige Erfolg ihres Geschäfts in alle
Zukunft fortsetzt. Und sie gibt anderen Banken Kredit, indem sie von ihnen
emittierte Wertpapiere kauft. In diesem
Kreditzirkel
kreieren die Finanzhäuser
immer neue Investitionsgelegenheiten und zugleich die Investitionsmittel, die
es braucht, um die Gelegenheiten wahrzunehmen. Sie geben einander und nehmen
voneinander Kredit, schreiben sich dadurch immer größere Vermögen gut und
zahlen und kassieren darauf immer mehr Zinsen und ähnliche Erträge. Würde das
zwischen zwei Abteilungen einer Bank veranstaltet und sich die Bank
damit reich rechnen, wäre es Schwindel. Sind die wechselseitigen
Wertpapierkäufer und ‑emittenten mehrere Geschäftsbanken, handelt es sich
bei dem Kreditgebirge, das der Bankensektor errichtet, um ein ehrenwertes
Geschäft: Das Kreditsystem kreditiert sich selbst.
Das geht – so lange nämlich, wie die
Anleger, also im Wesentlichen die Banken selbst, mitsamt ihren Investment- und
Hedgefonds, mit den Geldvermögen, die sie sich gutschreiben und auf den Finanzmärkten
immerzu umschlagen, nichts anderes anstellen wollen, als sie schleunigst wieder
in profitable Anlagen zu investieren. Sobald aber, angestoßen wodurch auch
immer, Zweifel an der endlosen Fortsetzbarkeit dieser Spirale aufkommen; wenn
nicht nur einzelne, sondern viele Anleger nicht mehr immer neue Wertpapiere,
sondern das Geld sehen wollen, das die Papiere immerzu bloß versprechen, dann
wird schnell deutlich, dass keine Bank das Geld hat und zurückzahlen
kann, das sie ihren Gläubigern schuldet und verspricht. Das heißt dann „mangelnde
Liquidität“: Die Banken glauben einander nicht mehr, dass ihre auf vielen
Zetteln aufgedruckten verzinsten Rückzahlungsversprechen solide sind und
verweigern einander den für die Fortsetzung der Kreditspirale notwendigen
Kredit.
Die Kettenreaktion, die
droht, wenn eine Großbank zusammenkracht, ist eine schöne Probe aufs Exempel:
Warum kann die Pleite der deutschen Hypo-Real-Estate-Bank den ganzen nationalen
Finanzplatz mitreißen? Warum hat der Zusammenbruch eines Wallstreet-Hauses wie
Lehman Brothers die Potenz, das Weltfinanzsystem zu zerstören? Eben weil die Vermögen
der Banken ganz überwiegend aus Schulden anderer Banken bestehen.
Wenn eine ihre Schulden nicht mehr bedienen kann, dann geraten alle andern
Banken in den Verdacht, dass sie in ihren Bilanzen ebenfalls diese wertlos gewordenen
Titel stehen haben. Ihre Kreditwürdigkeit schwindet dahin, weil sie ihre
Grundlage ja in Vermögen hat, das aus möglicherweise haltlos gewordenen
Zahlungsversprechen von Konkurrenten besteht. Das beweist immerhin eines: In
einem entwickelten Finanzsystem machen Banken ihr Geschäft nicht mit Geld, das
sie haben oder sich leihen, sondern mit dem Kredit, den sie als die großen
Zentren der Geldmacht genießen. Ihr Geschäftsmittel ist das Vertrauen ihrer
Konkurrenten und darüber des breiten Publikums darauf, dass sie immer zahlen
können, wenn sie müssen. Sie genießen nicht das Vertrauen, weil sie zahlen
können, sondern sie können zahlen, weil und solange sie dieses Vertrauen
besitzen.
Dass sich da periodisch Misstrauen
einstellt, ist nur zu berechtigt. Schließlich bestehen die Vermögenswerte, die
in gigantischem Ausmaß geschaffen und akkumuliert werden, nicht in wirklichem
Geld, dem allgemeinen Zugriffsmittel auf den produzierten Reichtum, sondern in Versprechen
auf zukünftige Zahlung von Geld. Solange das Vertrauen in die spätere
Zahlung intakt ist, sind die Schuldtitel bei Bedarf zu Geld zu machen – so
lange sind sie also geldgleiche Wertpapiere. Ist dieses Vertrauen in die
künftige Zahlungsfähigkeit des Emittenten dahin, sinkt der Wert der von ihm
herausgegebenen Papiere gegen Null. Da das eigene Vertrauen der Anleger aber
der einzige Grund dafür ist, dass sie Vertrauen haben können, kippt dieser
Zirkel immer wieder einmal in sein Gegenteil. Anlässe dafür gibt es genug. Das
müssen nicht, können aber auch misslungene Geschäfte in der Realwirtschaft
sein. Im Umkippen des Vertrauens und im verzweifelten Versuch, Schuldpapiere –
auch unter Verlust – noch zu Geld zu machen, wird offenbar: Die Finanzvermögen
sind nicht der wirkliche kapitalistische Geldreichtum, der sie sein wollen und
als der sie an den Börsen gehandelt und bezahlt werden, sondern nichts als
spekulative Vorwegnahmen, Anspruchstitel auf künftigen Reichtum, den es – wie
man dann bemerkt – nicht gibt. Sobald überhaupt die Frage aufkommt, ob Geld,
das die Wertpapiere versprechen, wirklich vorhanden ist, erweist sich das durch
Arbeit und Ausbeutung geschaffene und vermehrte Geld immer als viel zu wenig.
Solche Zusammenbrüche der spekulativ geschaffenen Reichtümer sind nicht neu.
Wenn sie gegenwärtig heftiger ausfallen als meistens, wenn nicht nur dieser
oder jener Sektor des Finanzmarkts kracht und nicht nur das eine oder andere
Land vor dem Bankrott steht, sondern das ganze Weltfinanzsystem
zusammenzubrechen droht, dann nur, weil die finanzkapitalistische Akkumulation,
die diesem Ende vorherging, besonders groß, weil global, war.
Die Staaten retten ihr
Finanzsystem
Jetzt springen Regierungen ein und hauen
die bankrotten Banken heraus: Die Regierungen aller wichtigen Industrienationen
stecken Milliardensummen in die insolvente Bankenwelt; die US-Regierung wendet
die unvorstellbare Summe von zusammengerechnet einer Billion Dollar auf, um den
laufenden Zusammenbruch ihres nationalen Kreditsystems zu stoppen – inzwischen
sind diese Summen weltweit längst um vieles größer und immer noch unzureichend.
Die Pleiten der großen Spekulanten sind offenbar keine Privatsache. Mit ihrem
gewaltigen Einsatz bekennen die Staaten, dass eine funktionierende
Spekulationsbranche das Lebenselixier ihrer Wirtschaft und ihrer eigenen
Finanzen ist. Zahlungsfähigkeit – sowohl für die nötigen Investitionen der
nationalen Wirtschaft wie für den Bedarf des Staatshaushalts – im Prinzip
unbegrenzt, allein durch die Benutzung des Vertrauens in die Kreditmacht der
Geldhäuser mobilisieren zu können, das ist die entscheidende ökonomische Potenz
einer Nation in der kapitalistischen Welt. Am Grad, in dem sie über diese
Potenz verfügen, unterscheiden sich die Staaten; solche, die diese Kreditmacht
nicht bei sich versammeln können, bleiben auf ewig arm und ohnmächtig – solche,
die sie verlieren, werden es schnell.
Ihren überragend wichtigen Dienst leisten
die Finanzkapitalisten ihrem Vaterland um so besser, zu je mehr Freiheiten es
sie in ihrer spekulativen und an gar keinem Dienst orientierten Vermehrung
ihrer Bankprofite, ihrer Schuld- und Vermögenstitel ermächtigt hat. Deshalb
sind die Vorwürfe der Politiker an die „Zocker und Spekulanten“ in den
Finanzagenturen so unehrlich: Die jeweiligen Regierungen selbst haben ihnen
jahrzehntelang immer größere Freiheiten eingeräumt, um Wachstum und Ertrag des
Finanzsektors zu steigern. Wenn die Spekulation der großen Geldhäuser platzt,
dann ist für deren Rettung kein Opfer an staatlichen Geldmitteln zu schade: Der
Staat „versichert“ alles, wirft seine eigene Kreditwürdigkeit ins Feuer,
belastet den zukünftigen Staatshaushalt und gefährdet die Währung. Darüber wird
das ganze Volk in Haftung genommen: Der Dienst der Geldkapitalisten am
Gemeinwesen besteht in ihrer Bereicherung. Damit die klappt, muss das
Arbeitsvolk nicht nur in der Realwirtschaft seinen Dienst tun und billig
Leistung abliefern. Führt das Auffliegen der Finanzspekulation zum Kollaps,
bekommt das Volk darüber hinaus die inflationären Wirkungen der
Milliardensummen zu spüren, die der Staat für die Rettung des Kreditsystems in
Umlauf bringt.
Das ist für den Reichtum
kapitalistischer Nationen unerlässlich: Das Geldkapital verkörpert
gegenüber den vielen Kapitalen in Handel und Industrie das Kapital als solches.
Sein Geschäft, Geldeigentum ohne jeden Zwischenschritt zur Quelle von mehr
Eigentum zu machen, muss gelingen, damit alle anderen Geschäfte gelingen
können. Von der spekulativen Bereicherung der Finanzmagnaten ist das gesamte
Wirtschaftsleben des Landes abhängig gemacht, auch Arbeit und Lohn der
eigentumslosen Masse.
Wer diesen Wahnsinn nicht
angreifen will, sollte auch nicht darüber schimpfen, dass der Staat bei der Not
der Armen jeden Euro spart, für Banken in Not aber die für die Rettung des
Finanzsystems nötigen drei- bis vierstelligen Milliardenbeträge springen lässt.
(Teile 1 und 2: Überarbeitete Fassung des Artikels
„Ehrenwerte Geschäfte – Was der Kollaps des Finanzsystems über den Reichtum
der kapitalistischen Nation lehrt“ von Peter Decker in „junge Welt“ vom
29.09.08)
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