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Zurück zur Übersicht :: Druckversion Die demokratische Oeffentlichkeit bespricht die Krise (2) GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 26.
November 2008
Die
demokratische Öffentlichkeit bespricht die Krise (Teil 2) Die Finanzkrise – das ist für das Feuilleton einer Zeitung, die etwas auf sich hält, eine willkommene Gelegenheit, mal tiefer zu schürfen. Bevorzugt in den Abgründen der Menschennatur. Ausführlichst breitgetreten worden ist ja nun, dass es die „Gier“ gewesen sein muss, die so unglaubliche „Blasen“ produziert hat, aber Gustav Seibt von der „Süddeutschen“ hat dazu noch einiges anzumerken. Die Überschrift gibt schon die Richtung vor: „Wir Schuldenmacher – Leben in Rot: Wie
der Kapitalismus seine Ehrbarkeit verlor“ (SZ, 23.9.) Amerika hin, eine versagende
Wirtschaftselite her. Schauen wir doch mal nach, ob „wir alle“, die menschliche
Massenbasis des Kapitalismus, wirklich so unschuldig sind an dem beklagten
Desaster: „Wie aber sieht es an der Basis aus, bei uns,
den vielen Millionen Subjekten der Marktwirtschaft? Derzeit wirkt es, als
hätten wir gar keinen Anteil an der großen Krise; als sei diese der Effekt von
ein paar Erfindungen skrupelloser und gieriger Investmentbanker.“ Von wegen. Mit dem Wort
„Subjekt“ ist schon klar, worauf Herr Seibt hinauswill: „Wir alle“, ganz jenseits
aller ökonomischen Unterschiede und Gegensätze“, sind die aktiv Tätigen, sind
die eigentlichen Veranstalter des Krisengeschehens. Und inwiefern ist
jeder beteiligt? Na klar, siehe Überschrift: Wir alle machen Schulden: „So bleibt doch eine triviale Voraussetzung im
kapitalistischen System mit seiner Wirtschaftsmoral, ohne die der ganze
Schlamassel nicht möglich geworden wäre. Sie besteht in der seit einigen
Generationen eingerissenen bedenkenlosen Schuldenmacherei auf allen Ebenen, vom
Privatmann bis zu den Staatshaushalten… Der einfache Grundsatz, dass man nicht
über seine Verhältnisse leben dürfe, hat alle Anschaulichkeit eingebüßt.“ Mit dem Problem, warum
die deutschen „Schuldenmacher“ gleichzeitig Sparguthaben von angeblich 1 Billion
Euro haben, für die die Kanzlerin eine Garantie ausgesprochen hat, schlägt sich
Gustav Seibt nicht herum. Auch nicht mit dem Problem, warum diese
Verschulderei, „vom Privatmann bis zu den Staatshaushalten“, über viele Jahre
einfach so vor sich hin gehen konnte. Er erwähnt irgendwelche „Dritte“, die „am
Ende immer die Rechnung begleichen“ – ein Hinweis, dass es überall an Moral
fehlt –, will uns aber nicht sagen, welche „Dritten“ das sind. Er will aber
auch nicht sagen, das sei einer überbordenden „Gier“ zu verdanken. Darin
wittert Seibt nämlich eine Tendenz der Verurteilung, die ihm zu billig ist: An
dieser Stelle will er das ökonomische Verhalten nicht einfach bloß an der
Tugend der Selbstlosigkeit messen und daran blamieren. Tags zuvor hat er in der
Bild-Zeitung gelesen: „Sicherheit wird es nie geben. Gewinne und Spekulationen sind nicht von sich aus verwerflich. Sie sind Triebkraft unserer Marktwirtschaft.“ Das hat ihm
eingeleuchtet und darum bricht er eine Lanze für den gesunden, sprich systemdienlichen
Materialismus: „Der derzeit kursierende moralische Hinweis auf
die ‚Gier’, welche an der Börse zuletzt ausschließlich regiert habe, ist so
zutreffend wie nutzlos. Das Problem ist nicht die Gier. Gierig ist jedermann,
vom kleinen Schnäppchenjäger bis zum Vorstandsvorsitzenden; ohne Gier würde das
Wirtschaftsleben über den Naturaltausch nicht hinausgekommen sein.“ Man muss sich das also
so vorstellen, dass „Gier“ nicht gleich „Gier“ ist, sie als „Triebkraft der
Marktwirtschaft“ unersetzlich und insofern eine gute Gier ist, was
freilich die Frage offen lässt, wann sie den Absprung zur schlechten
macht. So ein Bereicherungsinteresse ist ganz normal und menschlich, da unterscheiden
sich Kapitalist und Lohnarbeiter nicht – auf seinen Vorteil ist schließlich
auch derjenige bedacht, dessen Geldbeutel so knapp bestückt ist, dass er nach
dem Billigsten sucht, oder?! Erst nach dieser Zurückweisung einer gar zu
einfachen, ‚populistischen’ Kapitalistenschelte kommt Seibt zu einer „anderen
Moral“, die es früher einmal gab und deren Verfall zu beklagen ist. Früher gab
es mal „pedantisch-tugendhafte“, knauserige, asketische, eben: ehrenhafte
Kapitalisten, die aber ausgestorben sind: „Die ersten Kapitalisten hatten zähe, dürre,
harte, vor allem aber verlässliche Seelen.“ An deren Stelle sind
„volatil leichtfertige Manager“ getreten, die das kapitalistische System „von Arbeit auf Konsum“ umgestellt haben: „Diese Umstellung hat langfristig einen neuen
Menschentypus herangebildet. Das sind wir, die schwerelosen, heiteren und
leichtsinnigen Bürger der Wohlstandszonen auf der nördlichen Hemisphäre des Erdballs.“ Jetzt kann sich jeder
mal selbst angucken und sich fragen, ob er ein schwereloser, heiterer und
leichtsinniger Konsument ist. Falls er das ist, könnte er sich eigentlich nur
beglückwünschen – von Herrn Seibt bekommt er aber zu hören, dass nicht nur er,
sondern überhaupt alle es sich viel zu leicht machen. Deshalb kommt
einem Feuilletonisten die Krise mit ihren schweren Zeiten für die heiteren und
leichtsinnigen Menschen gerade recht, nämlich als schmerzliches Heilmittel: „Wenn die Menschen am eigenen Leib wieder
erfahren, wie Geld und Arbeit zusammenhängen, dann kann das kapitalistische
System, diese komplexe, großartige, freiheitsverbürgende Errungenschaft der
Menschheitsgeschichte, vielleicht zu seiner ursprünglichen Ehrbarkeit
zurückfinden.“ Das ist eine schöne
Propaganda für den Kapitalismus! Dass dieses großartige System seinen Geldreichtum
nicht entwickelt, um für einen allgemeinen Wohlstand zu sorgen, sondern auf der
Armut derer beruht, die ihn zu erarbeiten und nicht zu konsumieren haben
– das firmiert hier als sein Gütesiegel! Und die Krise des
professionellen Geldschöpfens als Quell der Hoffnung: Wenn diese Krise jetzt
die Leute bestraft, werden sie’s vielleicht wieder kapieren, was die schlechte
Gier ist, die sie befallen hat. Es ist die Gier nach dem leichten
Konsum und die hat verheerende Folgen. Eine ziemlich ehrliche und brutale
Auskunft über die freie Marktwirtschaft. Aufschlussreich auch die Sehnsucht des
Herrn Seibt nach den unangenehmen Menschen mit den „zähen, dürren, harten
Seelen“, wie er sich die Kapitalisten der ersten Stunde vorstellt. Die sollen
zu ihrem Reichtum durch Entsagung – oder wie das Fremdwort dafür heißt:
Abstinenz – gekommen sein, weil sie noch den „Wert des Geldes“ zu
schätzen wussten. Sie haben sich also ganz und gar der Tugend des Geizes
verschrieben, haben das Geld angebetet. Das sollten sich alle als
Lehre aus der Krise ins Stammbuch schreiben. Einen „ehrbaren“ Kapitalismus muss
man sich also so vorstellen, dass jeder seine Chance im Verzicht sucht, und wer
es da am weitesten bringt, der kommt zu Reichtum. Man muss allerdings zugeben –
der Vorschlag hat einen gewissen Charme: Wenn man von vornherein entsagt und
sich nichts erwartet, bleibt einem auch die eine oder andere böse Überraschung
erspart. Der Kolumnist der
Bild-Zeitung, Josef Wagner, hat ziemlich genau dasselbe Anliegen, er bringt es
bloß schneller auf den Punkt: „Lieber Sparer: Jeder gesparte Euro im Land ist sicher, garantiert die Kanzlerin. Das
will ich schwer hoffen, auch für die Sparschweine unserer Kinder. Es ist die
erste Bank des Kindes, man hortet späteres Glück. Es ist auch die Bank der
Entsagung und des Verzichts. Beten und Sparen. Heute klingt das altmodisch,
aber ich wuchs mit den Sprichwörtern auf: ‚Auf Sparen folgt Haben, Aus kleinen
Bächen werden große Flüsse, Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!‘. Wir
leben nun alle in der Sünde des Verschwendens. Wir brauchen die Kultur des Sparschweins.
Kinder, die auf Süßigkeiten verzichten, Kinder, die sich kein Playmobil kaufen.
Das Prinzip Sparschwein rettet die Welt. Ihr F. J. Wagner“ So konstruiert sich ein
intellektueller Anwalt des Volkes seine Adressaten als die Kindsköpfe zurecht,
als die er sie haben will. Mit einer Ansprache an brutalste Verzichtsmoral
ergreift er die Krise als Gelegenheit, ‚dem kleinen Mann‘ jedes Alters
Entsagung als die Einstellung vorzubuchstabieren, die dem Bürger bestens zu
Gesicht steht. Das Leben – ein permanenter Weltspartag! Natürlich weiß der
Bild-Leser, dass F. J. Wagner ein wenig übertreibt und es auch ein
bisschen ironisch meint. Aber Übertreibung und Ironie mal weggelassen: Es
leuchtet schon ein, dass die Krise ein guter Grund ist, sich selbst und allen
anderen vorzuhalten, dass sich in dieser Gesellschaft zwar alles ums Geld
dreht, ein Mangel an Geld aber sehr wohl
eine Auszeichnung sein kann: Dann gehört man auf jeden Fall nicht zu den
„gierigen“ Bankern und ist ihnen, was die menschliche Seite angeht, weit
überlegen. Das lässt die Banker zwar kalt und es ändert auch nichts an der
Krise, nichts an ihren Gründen und ihren Folgen, aber um sie moralisch
gefestigt über sich ergehen zu lassen, dafür sind solche Belehrungen der Herren
Seibt und Wagner allemal gut. Zurück zur Übersicht :: Druckversion | |||