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Zurück zur Übersicht :: Druckversion Die demokratische Oeffentlichkeit bespricht die Krise (3) GegenStandpunkt –
Kein Kommentar
im Freien Radio für Stuttgart vom 3. Dezember 2008
Die
demokratische Öffentlichkeit bespricht die Krise (Teil 3) Zur Pflege eines
gesunden Volksempfindens in Krisenzeiten gehört die Erregung öffentlicher Empörung
über die Schuldigen, welche diese Katastrophe verursacht haben. – Einerseits steht das gute demokratische Volk
dem gegenüber wie einer Naturkatastrophe, die mit voller Wucht und
Unabänderlichkeit über die Menschheit hereinbricht: „Die Finanzwelt
bebt – weltweit. ‚Finanz-Tsunami‘, ‚Börsenbeben‘,
‚Bankensterben‘: Die Bezeichnungen für die weltweite Schieflage des
Finanzsektors sind kreativ. Alle weisen auf dasselbe hin: Die Welt wird nach
der Krise nicht mehr so sein, wie sie einmal war.“ (Bild, 18.9.) Zwar haben
Naturkatastrophen wie Tsunamis und Erdbeben nichts mit einer Finanzkrise
gemein, derartige Bilder legen aber die Perspektive fest, unter
welcher der ‚einfache Mann von der Straße‘ das Ganze zu betrachten hat: Als
ebenso Ahnungs- wie Machtloser erfährt er von Zuständigen und
Experten, was da Unausweichliches auf ihn zukommt. – Andererseits soll sich das Volk aber auch ideell
mitzuständig wissen. Die Bildzeitung und ein Professor sagen ihm, wie
Kritik da zu gehen hat. „Verzocken Banker
unseren Wohlstand? Der Fall
der einst hoch angesehenen Investmentbanken zeigt drastisch, wohin ungezügelte
Gier von Bank-Managern führen kann. Die Finanzmarktakteure haben
sich im ganz großen Stil verspekuliert. Hochriskante, gefährliche Geschäfte aus
Gier nach mehr sind die Ursache.“ Auch bei Bild ist man
also übereingekommen, dass das moralische Versagen der wirtschaftlichen Elite
namens „Gier“ die Wurzel des Übels ist und dass Banker damit ihren
allgemeinwohldienlichen Auftrag verfehlen: Sie sollen, bitte schön, anständig
und deswegen erfolgreich wirtschaften, lautet der Antrag – schließlich
geht es um „unseren Wohlstand“, gerade so, als wäre der
kapitalistische Reichtum eine Art Gemeinschaftsprodukt, für das alle
Beteiligten ihre Pflicht zu tun haben. Zwar bringt es die Mehrheit mit ihrer
Arbeit gar nicht zu dem beschworenen Wohlstand, den die Manager da angeblich
verspielen. Aber gerade weil sie ihre Pflichten ehrlich und bescheiden
erledigt, kann sie von der Wirtschaftselite verlangen, dass auch die das
Ihre leisten und ihr Geschäft der Geldvermehrung gefälligst solide
betreiben. Statt dessen aber sackt die pflichtvergessene wirtschaftliche
Führungselite „Provisionen“ ein, obwohl sie der Gemeinschaft die
Leistung schuldig bleiben: „Banker haben alles
dafür getan, um Geld zu generieren. Je mehr, desto höher die eigenen Provisionen.
‚Perversion des Leistungsprinzips‘, nennt Prof. Dr. Rudolf Hickel von
der Universität Bremen diese Entwicklung. Über die Millionen für die
Pleite-Manager sagt er: ‚Es ist ein Skandal, dass die Leute, die Mist bauen,
dafür auch noch fürstlich entlohnt werden.‘“ Eine sehr volkstümliche professorale Auskunft: Wer
nicht das Seine leistet, hat auch nichts verdient, das gilt auch für
die, die gar keine Arbeit leisten, sondern managen! All diese Vorwürfe an die
Geldelite sind trefflich zugeschnitten für die Sichtweise von ‚unten‘. Da kann
das Volk, für das im kapitalistischen Alltag die Rolle der schweigenden und
arbeitenden Manövriermasse vorgesehen ist, einmal ganz radikal die Position des
Klägers einnehmen, kann von ‚denen da oben‘, die ihm ansonsten alles
anschaffen, die über den Reichtum und die wirtschaftlichen Mittel gebieten, von
denen es abhängt, lautstark Verantwortung einfordern, ihre Unfähigkeit
und Unredlichkeit anprangern – und kriegt damit von berufenen
Stellen in der Krise auch noch Recht. Der
Kolumnist Franz Josef Wagner beleuchtet in der Bildzeitung dieselbe Sache noch
mal so, dass er das Volk als moralischen Gegenpart zu dieser versagenden und unredlichen
Geldelite antreten lässt: „Lieber
Finanzminister Steinbrück, die Hypo Real Estate, die Bank zur
Immobilienfinanzierung, war nicht mehr liquide, flüssig. Mit einer
26,6-Milliarden-Bundesbürgschaft, dem Geld des Steuerzahlers, haben Sie die
Bank über Nacht gerettet. Hier eine
kleine Liste von Leuten, die auch nicht flüssig sind und auf Rettung warten. 1.
Die alleinerziehende, berufstätige Mutter ... 2. Der Rentner ... 3. Die Kinder,
die nicht mitdürfen zur Klassenfahrt, weil ihre Eltern die 20 Euro nicht haben.
4. Die Senioren ... 5. Die Studenten ... 6. Die Krankenhäuser ... Mein 7. Punkt ist der schlimmste: Es gibt Kinder,
die kein richtiges Mittagessen bei uns in Deutschland haben. Lieber
Finanzminister, Sie haben Milliarden für eine Bank. Warum haben Sie nicht ein
paar Euros für uns?“ (Bild, 1.10.) So nimmt man sich
verantwortungsvoll des Bürgers in seinem gewöhnlichen Elend an. Man erzählt
ihm, was für ein armer Hund er doch ist, und wie Recht er damit hat, sich von
seinem Staat nicht besonders gerecht behandelt vorzukommen – erinnert ihn also
daran, dass eine Linderung seiner privaten Nöte nur ein Akt gnädiger Gewährung
sein kann, und zwar von Seiten der Instanz, die mit ihrer Staatsgewalt die
Bedingungen eingerichtet hat und sichert, die für Armut und Not sorgen. Arme
Leute übt man derart in der Pose ein, die sich gegenüber der Macht, die über
den Reichtum gebietet, allein geziemt: Die des bescheidenen Bittstellers,
der sich an seine Obrigkeit wendet und sich dabei gar nichts groß vormacht über
den praktischen Effekt der eigenen Unterwürfigkeit. Der nur noch anerkannt
werden möchte als jemand, der auch ein Recht auf Berücksichtigung seiner
persönlichen Belange hat, auf dem er freilich, anständig, wie er nun einmal
ist, überhaupt nicht besteht. Ein schöner Fall von Verantwortungslosigkeit derer „da
oben“ kommt dann noch der „Süddeutschen“ unter. Sie wirft anlässlich einer
Millionärsmesse in München einen Blick in die Welt der Reichen, und der
Klatschreporter aus der VIP-Welt lässt sich regelrecht hinreißen: „Im größten Wirtschaftschaos seit 1929 sind im
Angebot: Lederbezogene Strandkörbe mit integriertem Ventilator und Wohnmobile
mit Champagnervitrine oder ein elektrischer Schuhwärmer vom Aussehen einer
erleuchteten Mülltonne. Man möchte die Blondine im Negligé-artigen Abendkleid
gerne fragen, ob sie es nicht mal mit Wollsocken versuchen will und überhaupt,
ob sie sich ausgerechnet momentan solche Dinge kaufen muss. Frau Effenberg
busselt zwei russische Windhunde ab, sie finde die Tiere ‚voll süß‘. Die
Finanzkrise findet sie wahrscheinlich ‚voll doof‘.“ Ja, wenn die nicht gerade Milliarden verspekuliert
hätten! Aber so haben sie einfach kein Recht, ihren Reichtum so schamlos zur
Schau zu stellen. Vorbildlich dagegen das „Rollenspiel“ von Reichen in
den USA: „Einen Tag lang muss Savannahs High Society in die Rollen
arbeitsloser Väter, verarmter Kinder und alleinerziehender Mütter schlüpfen,
ein Leben am Rande der Gesellschaft führen.“ Nach dem kurzen Ausflug in die
Welt der Armut dürfen sie sich wieder, natürlich geläutert und ihrer sozialen
Verantwortung bewusst, ihrem Reichtum widmen. So möchten wir sie auch – unsere
Reichen! Der „Süddeutschen“ verdanken wir einen weiteren
Beitrag in Sachen ‚Moral in schweren Zeiten‘. Sie entdeckt in der Krise des Finanzsystems
eine Vertrauenskrise und schneidert daraus verhängnisvolle
Wirkungsketten: „Weil
in den USA und Europa Banken zusammenbrechen, fürchten Sparer um ihre
überschaubaren Ersparnisse. Weil die Krise Staaten in die Rezession drückt,
fürchten Beschäftigte um ihren Arbeitsplatz. Die Menschen müssen sich auf eine
lange Zeit der Unsicherheit einstellen... Wenn die Menschen unsicher werden,
bedroht das die Existenz eines Wirtschaftssystems, das zuallererst auf
Vertrauen aufgebaut ist... Das ganze System basiert auf dem Zutrauen, dass all
die virtuellen Billionensummen tatsächlich zur Verfügung stehen. Wenn aber
Sparer das Vertrauen verlieren und die Filialen stürmen, bricht das System
zusammen. Dann verlieren nicht einfach Banker ihre Millionengagen und Aktionäre
ihre Dividenden. Dann bekommen Firmen keinen Kredit mehr, und die Maschinen
stehen still. Weil die Menschen derzeit in rasantem Tempo unsicher werden,
steht die Weltwirtschaft am Abgrund.“ Und
dann noch ein besonders schöner Satz: „Da
alles auf Vertrauen gründet, ist es suizidal, dass die Finanzbranche so viel
Vertrauen verspielt hat.“ (SZ, 1.10.) Wie geht das mit dem „Suizid“? Wenn alle das Vertrauen verlieren, bringt sich das System selbst um? Oder durch den Vertrauensverlust bringen wir alle uns um? Aber Spaß beiseite: Man kann dem Fachmann nicht bestreiten, dass die Krise der Menschheit im Kapitalismus einiges an „Unsicherheit“ beschert. Es ist aber eine geistige Zumutung, die Sache einfach umzudrehen und zu behaupten, es sei deswegen die Unsicherheit der Menschen, die dem System seine Krise beschere. Immerhin handelt es sich beim Kapitalismus um ein System, in dem Privateigentümer gegeneinander konkurrieren, also um eine einzige Welt von Gegensätzen: Die bestehen sowohl zwischen den Konkurrenten als auch zwischen ihnen und dem Staat, der sie mit seinem Recht kontrolliert. Es braucht schon gute Nerven, um das psychologisch-moralisch in ein System zwischenmenschlicher Bindungen zu verfabeln. Wer das tut, gibt damit nur sein abgrundtiefes Verständnis für alles, was sich in diesem System so abspielt, zu Protokoll und seinen unbedingten Wunsch, das alles möge ewig so weiter klappen wie neulich noch. Das zeugt aber schon auch von einer – höflich gesprochen – extremen Unsachlichkeit dieses parteilichen Denkens: Da wird auf den Kapitalismus – vom Arbeiten, Sparen und Verschulden ewig einkommensschwacher Lohnarbeiter über virtuelle Billionensummen in Bankbilanzen bis zum Kredit und dem Stillstand der Produktion wg. Kreditmangels – nur gedeutet, um ein ziemlich aberwitziges Lob loszuwerden: Letztlich würde dieser Kapitalismus doch zusammengehalten und getragen von einem fein ausgetüfteltem Kunstwerk, in dem sich die Insassen dieses Systems trotz ihrer gegensätzlichen Interessenlagen mit ihrem moralischen Willen vertrauensvoll aufeinander beziehen, zumindest beziehen sollten. Das Wort zum Sonntag könnte es kaum schöner ausdrücken. Zurück zur Übersicht :: Druckversion | |||