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GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 28.01.09, 18 Uhr

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"Hoffnungstraeger" Barack Obama: Was fuer Hoffnungen sind das?

GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 28. Januar 2009

„Hoffnungsträger“ Barack Obama:

Was für Hoffnungen sind das?

Als Barack Obama sein Amt als US-Präsident antrat, brach bei drei Viertel der Amerikaner und der halben Welt angesichts dieses Machtwechsels hemmungsloser Optimismus aus. Der neue „mächtigste Mann der Welt“, darüber sind sich außer ein paar verstockten Bewohnern des Gazastreifens alle einig, gibt „uns Hoffnung“. Worauf eigentlich?

Obama ist mit einem Programm angetreten, das unter dem Titel „Change“ zusammengefasst worden ist: Also Wandel, Wechsel, Veränderung. Was sich nicht ändern wird, ist – den Politikern und der Öffentlichkeit sowieso – klar: Auch Obama geht es wie seinen Vorgängern um den Erfolg Amerikas, um den Erfolg der Weltmacht. Und der hat in den letzten Jahren einiges zu wünschen übrig gelassen – das sehen amerikanische Bürger wie US-Politiker, die professionellen wie die Freizeit-Beobachter im In- und Ausland alle ziemlich gleich. Zwei Kriege, die zwar gewonnen, aber einfach nicht zu Ende sind, und die größte Wirtschaftskrise seit der Großen Depression – da liegt vieles im Argen.

Für all das werden der alte Führer und seine Mannschaft verantwortlich gemacht. Es kann doch nur an der vergeigten Amtsführung der Bush-Administration gelegen haben, wenn „God’s own country“ nicht so spitzenmäßig dasteht, wie es dieser Führungsnation der Welt einfach zukommt. Mit George W. Bush und den Seinen waren alle ziemlich unzufrieden – ob das nun die sind, die ihre Häuser in der Hypothekenkrise, ihre Altersvorsorge in der Bankenkrise oder ihre Jobs in der Wirtschaftskrise verloren haben, oder doch zumindest befürchten, dass ihnen all dies demnächst blüht; oder ob das die sind, denen es fast keinen Spaß mehr gemacht hat, ihre amerikanischen Flaggen zu hissen, solange ihr Land sich vorwerfen lassen muss, im Irak zu versagen und in Guantánamo zu foltern, denen also das schlechte Ansehen der Nation das Herz bricht. Aber für Unzufriedenheit hat die Demokratie ein Angebot auf Lager – umso attraktiver, je größer die Unzufriedenheit: Ein neuer Führer muss her, der glaubwürdig den Willen zur Erneuerung des Erfolgsweges dieser Erfolgsnation verkörpert; der schon alleine dadurch, dass er als Figur für den „Wandel“ steht, alle Unbill aus der Welt schafft; der, weil er verspricht, anders zu sein als Bush, auch das Prädikat „besser“ verdient. Eigentlich ist Obama seinem Vorgänger Bush zu ewigem Dank verpflichtet, denn nur aufgrund der Unzufriedenheit mit dem konnte er zu der Projektionsfläche avancieren, auf die jeder mit der Bush-Regierung Unzufriedene seine spezielle und beliebige Unzufriedenheit beziehen und sich dafür von ihm Abhilfe erhoffen kann.

Dafür sind „Change“ und das berühmte „Yes we can!“ die richtigen Parolen. In Kommentaren wurde herumgemäkelt: Wo bleiben denn da die „Inhalte“, da kann sich doch jeder alles hineindenken! Eben – genau so ist es gemeint: Obama reitet auf der weit verbreiteten Unzufriedenheit und muss und will nicht mehr versprechen, als dass er „es“ anders machen wird und jede Unzufriedenheit bei ihm gut aufgehoben ist. Dieses absichtsvoll unbestimmte Versprechen versieht er mit einem unbestimmten, dafür umso energischeren „Yes we can!“ – und dann braucht’s bloß noch eins: Das muss glaubwürdig rüberkommen. Das wiederum hat er offensichtlich gut hingekriegt, indem er sich als gänzlich neuer Führer, als ein unverwechselbar anderer und einzigartiger präsentierte. Als Hoffnungsträger alleine schon deswegen, weil er so deutlich anders aussieht als die 43 Präsidenten vor ihm.

Denn – das konnte ja gar nicht oft genug hervorgehoben werden – der 44. Präsident der Vereinigten Staaten ist ein Schwarzer. Der erste dieser Hautfarbe, zumindest zur Hälfte, aber wer wird da schon kleinlich sein. Der afroamerikanische Teil der USA platzt vor Stolz, weil einer der Ihren „es geschafft“ hat; sehr viele Weiße auch, weil sie es glatt geschafft haben, ihren Rassismus hinunterzuwürgen – für diese besondere Führungspersönlichkeit wollten sie mal eine Ausnahme machen.

Da gibt es im hochgelobten Land von Freiheit und Gleichheit seit eh und je gesellschaftliche Unterschiede, die sich gewaschen haben. Und die allgemeine kapitalistische Scheidung in arm und reich wird ergänzt und verfestigt durch Scheidungen nach Geschlecht, Herkunft und Hautfarbe. Und was hat Obama diesen schlecht behandelten Minder- oder auch Mehrheiten zu bieten? Die Beseitigung ihres Elends und seiner Gründe? Ihren Aufstieg? Oder auch nur ein auskömmliches Dasein? Obamas Aufstieg, der ihn zum Musterbeispiel für den „amerikanischen Traum“ macht, verspricht nur, dass das eine oder andere Individuum es schaffen kann, von unten nach oben aufzusteigen, ist nur eine Paraphrase des uralten „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Dass es ein Unten mit sehr vielen Leuten und ein Oben mit einer kleinen kommandierenden Elite dauerhaft gibt, ist die feste Grundlage dieser Verheißung. Wenn es einer der Unterschichtler dann glatt einmal nach oben geschafft hat, sollen die vielen anderen, die unten sind und bleiben, sich darüber freuen. Wenn sie es nicht geschafft haben, dann liegt es allemal an ihnen selbst, denn schließlich leben sie – wie soeben wieder bewiesen – im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, haben aber aus diesen „Möglichkeiten“ nichts gemacht. Es ist also ein äußerst bescheidenes Bedürfnis, wenn die Angehörigen von notorisch zu kurz gekommenen Kollektiven sich damit zufrieden geben, dass sie jetzt durch einen der Ihren (besser: vormals der Ihren) repräsentiert sind und sich deswegen endlich als vollwertige, „echte Amerikaner“ fühlen können. Ihre schlechte materielle Lage ist offensichtlich nicht weiter wichtig, wenn sie bloß ihren „Glauben an Amerika“ wiedergefunden haben. Obama hat es so weit gebracht, wie man es in Amerika nur bringen kann, obwohl ihn seine Hautfarbe eigentlich zum Slumbewohner prädestiniert. Und dieses „Wunder“ soll beweisen, dass es keine Rassenschranken mehr gibt, dass wahrlich „alles möglich“ ist? Wie kann es dann gleichzeitig so ein Wunder, so eine sagenhafte und einzigartige Ausnahme sein, dass das den Leuten weltweit die Tränen in die Augen treibt?

Was haben Schwarze, Latinos und alle anderen Benachteiligten also gekriegt und womit sehen sie sich gut bedient? Mit nichts außer dem ideellen Lohn, dass ein Schwarzer trotz seiner Hautfarbe Karriere machen konnte. Nichts an ihrer Lage hat sich geändert, keines der Verhältnisse von Nutznießern und Verlierern der sozialen Hierarchie ist aus der Welt – aber mit Obama als Generalbeispiel haben sie gleich viel weniger Grund, sich über die Zustände zu beschweren, in denen sie – „unbegrenzte Möglichkeiten“ hin oder her – auf keinen grünen Zweig kommen.

Mit seiner höchstpersönlichen Karriere zum Chef der Weltmacht Nr. 1 gibt Obama einen prima Kronzeugen dafür ab, wer das eigentliche Objekt der Verehrung und Bewunderung zu sein hat: Die Nation mit all ihren sozialen und politischen Hierarchien, ist sie doch eine einzige positive Bedingung – insofern, als sie jedem ihrer Bürger die Chance zum individuellen Aufstieg eröffnet. So wird ein schwarzer Präsident zum neuesten guten Grund für Patriotismus und damit zum geeignetsten aller Hoffnungsträger. Dass jetzt ein Schwarzer Herrscher über Amerikaner aller Hautfarben und Klassen ist, beweist, dass man die Gegensätze, in denen sie stehen, für unbedeutend erachten und damit wieder ganz neu und unbeschwert für die Nation zusammenstehen kann.

Der Rest der Welt schließt sich dem gern an und erlaubt sich zumindest vorläufig, in einen Freudentaumel zu verfallen. „GOBAMA!“ jubelt die Bildzeitung und gibt dem neuen Chef der Weltmacht Nr. 1 mit auf den Weg, dass noch in keinen seiner Kollegen weltweit „so große Erwartungen“ gesetzt wurden. Zum Beispiel: „Dass er Kriege beendet und Frieden schafft! Dass er die Welt vor der größten Wirtschaftskrise bewahrt! Dass er Schwarze und Weiße, Moslems und Juden, Arme und Reiche versöhnt!“ (Bild,21.01.) Jesus Christus dürfte sich hart tun, da mitzuhalten. Nicht, dass das wirklich jemand glauben würde. Macht aber nichts, weil es ja sowieso nur als Aufruf zum Freudentaumel gemeint ist, zum Jubel über eine so gelungene Führerfigur, wie Deutschland sie momentan leider nicht made in Germany besitzt und die man sich deshalb einfach mal von den Amis ausleiht.

Die Führer, die Deutschland nun mal hat, haben andere Sorgen. Auch sie waren sehr unzufrieden mit George W. Bush, doch das war eine Unzufriedenheit mit seinen so genannten „Alleingängen“. Das machte ihnen bei ihren weltpolitischen Vorhaben und Ansprüchen einige Schwierigkeiten. Für sie bedeutet „Change“: Stellt sich Obama als eine bessere Bedingung für deutsche Weltpolitik heraus? Dieses Deutschland misst sich andauernd an den Interessen, der Macht und der Reichweite der Haupt-Weltmacht, und die „Hoffnungen“, die sich auf Obama richten, sind nichts anderes als die teils versteckt, teils offen angemeldete Forderung, er solle nicht wie sein Vorgänger über europäische oder deutsche Interessen einfach hinweggehen. Im Unterschied zu ihrem Volk, das sich wie eine Horde fröhlicher Obama-Groupies aufführt und eine ganz neue „Anziehungskraft“ Amerikas entdeckt, wissen deutsche FührerInnen, dass das keine Frage des guten Willens ist – von der Weltmacht Nr. 1, die mit sich selbst unzufrieden ist, ist keinesfalls Nachgiebigkeit zu erwarten, vielmehr wird sie auf ihrem Status bestehen und ihrerseits Forderungen stellen. Es ist darum ganz logisch, dass direkt neben der Obama-Begeisterung, die immer noch geschürt wird, zugleich Warnungen vor „überzogenen Erwartungen“ und „unrealistischen Hoffnungen“ stehen.

Lesetipp:

Die Leistung der demokratischen Wahlen – vorgeführt von Barack Obama
Wie die Unzufriedenheit der Bürger produktiv gemacht wird für die Fortschritte der Herrschaft
in GegenStandpunkt 1‑09

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