GEGENSTANDPUNKT
Politische Vierteljahreszeitschrift aktuell
Ihr wollt nicht für
die Krise des Kapitals zahlen?
Dann
lasst es doch!
Tatsächlich bezahlt ihr längst! Und die
Demonstrationsaufrufe benennen das auch: Wenn die Märkte einbrechen, wenn in Industrie
und Handel die Geschäfte schrumpfen, dann wenden die Unternehmen Schaden von ihren
Bilanzen ab, indem sie ihn an ihre Arbeitskräfte weitergeben: Sie entlassen,
verordnen Kurzarbeit, senken Löhne. Sie passen ihre Kosten an die verminderten
Geschäftsgelegenheiten an und verteidigen ihre Gewinne. An dieser Front findet
der Kampf darum statt, wer in welchem Maß dafür Opfer zu bringen hat, dass das
Wachstum wieder in Gang kommt und die ganze kapitalistische Scheiße von vorne
losgeht. Wer sich die Rolle als flexibler Kostenfaktor nicht mehr gefallen
lassen will; wer es satt hat, in Zeiten der Konjunktur mit flexibler
Arbeitsbereitschaft für das Wachstum der Profite bereit zu stehen und in der
Phase der Schrumpfung die Firmenbilanzen durch Lohnverzicht zu sanieren, der
kommt um eine Kündigung seiner Rolle als Ware Arbeitskraft nicht herum. Die
Aufrufe zu dieser Demonstration schimpfen kräftig auf den Kapitalismus und
fordern „ein anderes Wirtschaftssystem, das Mensch und Natur dient“ –
aber den Kampf um die Abschaffung des Kapitals, den halten sie nicht für
nötig.
*
„Zeit für Systemwechsel“ schreibt der gemeinsame
Aufruf. Ein merkwürdiger Systemwechsel ist das, der all die Figuren gleich
wieder mit an Bord nimmt, die in der schlechten alten Gesellschaft das Sagen
haben und deren Profitmacherei all die aufgezählten Übel von der Armut in Europa
und in der Welt bis hin zum Klimawandel verursacht.
- Die Millionäre zum Beispiel. Sie bleiben
Millionäre: Schließlich will man ihnen eine Millionärssteuer aufbrummen,
um die staatlichen Unkosten der Bankenrettung zu mindern.
- Die Banken müssen natürlich gerettet werden! Auch
sie sind in der „solidarischen Gesellschaft“ unverzichtbar. Nur
gesunde Banken können der Wirtschaft Kapitalvorschuss auf Kredit spendieren
– und Kapital braucht die arbeitende Bevölkerung ja wohl so nötig wie das
tägliche Brot, oder? Und das Vermögen der Banken wird vom Volk auch noch
gebraucht – denn nur reiche Banken können den vom Demo-Aufruf geforderten
Fonds auflegen, mit dem sie sich selber aus ihrer Pleite herauskaufen und
dem Volk Kosten für die unverzichtbare „Sanierung des Finanzsektors“
ersparen.
- Und die Wirtschaftskapitäne aus der „Realwirtschaft“
– die braucht ihr natürlich auch in der neuen Gesellschaft: Wer sonst
könnte den Kredit der Banken verwenden und neben dem eigenen Profit auch
noch den Zins für die Banken aus der Arbeit herauswirtschaften. Nur
Ausbeutung kann die Arbeitsplätze schaffen, die das Volk braucht! Die muss
wieder in Gang kommen. Denn für die kapitalismuskritischen Aufrufe scheint
das Übel des Kapitalismus nicht darin zu bestehen, dass es in diesem System
Lebensunterhalt für Arbeiter nur gibt, wenn ihre Arbeit Profit abwirft.
Sondern darin, dass der Kapitalismus gegenwärtig mal nicht gescheit
funktioniert.
*
Nicht
nur die Reichen und Mächtigen, auch die Armen und Abhängigen treten in
der „solidarischen Gesellschaft“ wieder in ihren alten Rollen auf: Wozu fordert
man wohl einen „Sozialen Schutzschirm“, wenn man nicht davon ausgeht,
dass es weiterhin ohnmächtige und schutzbedürftige Sozialfälle geben wird:
- einen Mindestlohn für die Beschäftigten im
Niedriglohnsektor. Den Sektor soll es offenbar noch länger geben –
da haben die Aufruf-Autoren es dann schon nötig, sich von der
SPD-Definition des für arme Arbeiter Zumutbaren mit einem „aber bitte
armutsfest“ abzugrenzen.
- eine „existenzsichernde“ Erhöhung der
Hartz-IV-Sätze für die Langzeitarbeitslosen, die auch nicht weniger werden
– mitsamt ihrer ewig unsicheren Existenz;
- Sozialrente mit 65 statt mit 67 für die Alten,
die in der Krise sowieso vor Erreichen der Altersgrenze aus den Betrieben
gedrängt werden.
Geht’s
noch bescheidener? Aber was soll man schon erwarten von einem
Demonstrationsaufruf, der die „Menschen vor Profite“ setzen, also die
Rangordnung der beiden hohen Güter korrigieren will? Profit soll schon sein,
aber der Mensch darf darüber nicht vergessen werden! Mensch und Profit sollen
koexistieren können, so ist es doch gemeint? Wie passt das dazu, dass Profit
von vornherein auf Kosten der arbeitenden Menschen geht? Dass er gar nichts
anderes ist, als was der Kapitalist aus seinen Arbeitskräften herausholt?
Sieht
so die „andere Welt“ aus? Ist das das „neue Wirtschaftssystem“,
für das ihr demonstrieren geht?
*
Nein,
liest man, mit Mindestlohn, existenzsichernder Sozialhilfe, Rente mit 65 etc.
ist die „solidarische Gesellschaft“ noch nicht fertig. Das alles sind nur
„Sofortmaßnahmen“, „erste Schritte“ – aber Schritte wohin? Die
Demo-Aufrufe zählen viele Übel auf, die das kapitalistische Wirtschaften bei
der Klasse der Lohnabhängigen verursacht, aber sie wenden sich nicht gegen
das Kapital, sondern an den Staat, der dem Schaden Grenzen ziehen
soll. Also an genau die Adresse, die mit ihrer politischen Macht durch
die Garantie des Privateigentums die Wirtschaftsmacht des Kapitals in
die Welt setzt, absichert und betreut. Eine sozialere Politik soll die
Schäden korrigieren, die die Wirtschaft verursacht. Im Fordern nach Schadensbegrenzung
werden all die ökonomischen Prinzipien, die im Kapitalismus herrschen, und all
die sozialen Rollen, die er hervorbringt, vorausgesetzt und anerkannt. Das ist
nicht ein erster Schritt zur Abschaffung des Kapitalismus, es ist der Ruf nach
sozialer Politik, der diese Ausbeutungsökonomie begleitet, solange es sie gibt.
*
Wer nicht weiterhin zum Opfer von Krise und
Krisenbewältigung gemacht werden will, wer in einem neuen Aufschwung nicht
wieder Mittel des Profits sein will – der hat anderes zu tun, als mit einer Demonstration
gesellschaftlichen Druck für einen sozialen Politikwechsel in Berlin
aufzubauen.
Ihr
wollt nicht zahlen für die Krise des Kapitals?
Dann feilscht auch nicht mit der Regierung um Preisnachlässe bei der Bezahlung
der Krisenlasten.
Im neuen GegenStandpunkt 1‑2009:
Die Deutsche Linke sieht sich bestätigt
Jetzt sieht es jeder: Der Kapitalismus stellt sich mit
seiner Krise bloß. Was Kritiker von Jusos & Attac bis Linkspartei & DKP
an ihm zu kritisieren haben, gerät allerdings zu einer ziemlichen Ehrenrettung
– soweit es das „Wirtschaften“ angeht, das unter dem Firmenschild „real“
in Gegensatz zum Finanzkapital gestellt wird. Und selbst an Letzterem
unterscheiden sie noch zwischen nützlichen ‚Kreditdiensten‘, die es der
Gesellschaft zu leisten hätte, aber verweigert, und den ‚Exzessen‘ eines
spekulativen Gewerbes, das nie genug damit hat, was anderswo geschaffen und den
Arbeitern an Lohn vorenthalten wird. Diese Kritik fantasiert sich eine bessere
Geldwirtschaft zurecht – und landet folgerichtig beim Verbesserungsvorschlag,
den ‚entfesselten‘ Kapitalismus mit staatlicher Aufsicht zu ‚fesseln‘. So –
sozial korrigiert und damit vermeintlich krisenfest gemacht – soll ‚die
Wirtschaft‘ endlich besser funktionieren und fürs Volk nützliche Dienste
leisten. Kurz:
„Der neoliberale
Turbo-Kapitalismus ist gescheitert!“
Die Linke will’s besser machen!
112 Seiten, € 15.– Ab
sofort im Buchhandel und beim Verlag erhältlich:
GegenStandpunkt
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Tel. 089 2721604
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