





|
|
GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 25.11.09, 18 Uhr
|
Zurück zur Übersicht :: Druckversion
Zur landesweiten BIldungsdemo am 21.11.2009 in S: Warum effektiviert der Staat die "Ressource Bildung"?
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im
Freien Radio für Stuttgart vom 25. November 2009
Zur Ausbildung im Kapitalismus,
zur „Bildungsreform“ und
zum Bildungsstreik im Wintersemester 2009/10
Interview mit Theo Wentzke,
Redaktionsmitglied der Zeitschrift GegenStandpunkt
„VERSUS aktuell“
Sonderausgabe
der Gruppe kritischer Studenten Tübingen
zur landesweiten BildungsDemo am 21.11.2009 in Stuttgart
Warum effektiviert der Staat
die „Ressource Bildung“?
Der Staat hat
eine Kritik an seinem Bildungswesen: Die Ausbildung deutscher
Hochschulabsolventen dauert ihm im europäischen Vergleich zu lange, kostet ihn
zu viel und sie ist ihm zu wenig auf die spezifischen Bedürfnisse der
Arbeitswelt zugeschnitten. Außerdem bringe sie im internationalen Vergleich zu
wenige Spitzenleistungen, z B. Nobelpreise, hervor. Diese Kritik hat er in
die Praxis umgesetzt. Die gymnasiale Schulzeit wurde auf 8 Jahre verkürzt und
dabei das Lernpensum verdichtet. Die universitäre Bildung wurde modularisiert,
die Zwischenprüfung zum eigenständigen Universitätsabschluss (Bachelor)
erklärt, das weitergehende, vertiefte Studium (Master) stark beschränkt und den
Studenten ein Beitrag zur Finanzierung ihrer Ausbildung abverlangt, in die auch
‚die Wirtschaft‘ verstärkt einbezogen wird.
Sehr
deutlich wird also klargestellt, wozu in dieser Gesellschaft Bildung da ist:
Erklärtermaßen soll sie kapitalistischen und öffentlichen Arbeitgebern
junge und für ihren Bedarf passend qualifizierte Arbeitskräfte liefern.
Insofern interessiert das Wissen als Qualifikation: Vermittelt wird, was
den jeweiligen Arbeitgebern dient und die Lernenden diesem Bedarf dienstbar
macht. Die Vermittlung dieses Wissens ist in der Form des Leistungsvergleichs
organisiert, d. h. an der Wissensaneignung pro Zeit sollen sich die Lernenden
unterscheiden. Bezwecktes Resultat dieser Konkurrenzveranstaltung ist die
Auseinandersortierung der Schüler und Studenten in eine differenzierte
Hierarchie von Bildungsabschlüssen. Diese sind ihrerseits Zulassungsvoraussetzungen
zur hierarchisch gegliederten Welt der Arbeitsplätze, die die Arbeitgeber zur
Verfügung stellen, – und von denen hängen bekanntlich die Einkommenshöhen ab,
die die Lebensverhältnisse in der Klassengesellschaft bestimmen.
Mit dem
erfolgreichen Durchlaufen der schulischen Selektion ist für diejenigen, die der
Aussortierung in die unangenehmen und schlecht bezahlten Berufe fürs Erste
entgangen sind, der Durchsetzungskampf gegen andere im Leistungsvergleich am
Wissen nicht vorbei. Die Selektion geht an der Universität weiter: Wer die Uni
nicht mit dem Bachelor verlassen will, der einem bestenfalls Aussichten auf die
Jobs knapp über der Nicht-Studierten, der Angestellten mit Berufsausbildung,
eröffnet, muss schauen, dass er noch mindestens ein Master-Studium anhängen
darf. Dafür reicht die bloße Aneignung von „Lernstoff-Modulen“
wie in den ersten Bachelor-Semestern nicht
mehr aus. Wer zum Master-Studium zugelassen werden will, muss mehr bringen: Zu
bewähren haben sich die Studierenden nun daran, sich – in Konkurrenz
gegeneinander, versteht sich – als überdurchschnittlich kenntnisreiche und
selbstbewusste Vertreter ihres Fachs darzustellen. Wirtschaft und Staat wollen
in ihrer Elite nicht Mitmacher, sondern Überzeugungstäter. Auch wenn aktuell
der Anspruch erhoben wird, dass das auch in kürzerer Zeit und für den Staat
billiger zu schaffen sein muss als im abgeschafften Diplom-Zeitalter:
Führungsqualitäten sollen die zukünftigen Führungskräfte unbedingt erwerben.
Gute Gründe und
schlechte Begründungen für Protest
Schüler
und Studenten bekommen „Leistungsdruck“ zu spüren; sie erfahren, dass
ihre Schul- und Studienzeit mit „G 8, Verschulung, Regelstudienzeit und
Dauerüberprüfung“ ungemütlicher wird – dass sie damit unzufrieden sind, ist
absolut verständlich. Leider zieht die Mehrzahl der Betroffenen daraus keine
Schlüsse, welchem Zweck ihr Ärgernis geschuldet ist: Nämlich, dass
Bildung im Kapitalismus zu nichts anderem als zur Durchsetzung im ‚Wettstreit‘
der Nationen ihren Beitrag leisten soll. Bildung ist also nicht zum Nutzen und
zur Aufklärung der Studierenden da, vielmehr haben diese dem Vorankommen von
Wirtschaft und Nation zu dienen. Anstatt diesen Grund ihrer Misere aufs
Korn zu nehmen, stellen sich die Verfasser der meisten Aufrufe zum
Bildungsstreik neben die schlechte Realität des Bildungswesens und
halten ihr die eigene Idealvorstellung von einem guten Bildungswesen entgegen.
In der haben sie vom real existenten Bildungssystem alles abgezogen, was sie
stört. Ihre Gegnerschaft zum wirklichen Bildungswesen führen sie mit dem
Vorwurf, dass es höhere Werte missachte, denen Bildung eigentlich zu
entsprechen hätte. Die beklagte Wirklichkeit nehmen sie nur zur Kenntnis als
Abweichung von einem jahrhundertealten, von ihnen selbst so genannten Bildungs-Ideal
– also von etwas, das eingestandenermaßen noch niemals irgendwann als Leitfaden
für die Praxis der Bildung Gültigkeit hatte.
Was taugt es, der
Bildungsreform
das humanistische Bildungsideal entgegenzuhalten?
Wogegen
die wirkliche Bildung demnach verstößt, ist
„das humanistische Ideal einer
zur kritischen Reflexion befähigenden, gemeinwohlorientierten
Bildung“
(http://www.bildungsstreik.net/wp-content/uploads/2009/10/6-seiter_wickelfalz_bund_Winter-2009.pdf),
ein
Ideal, welches seit jeher zum Bildungswesen dazugehört und gegen dessen
Missachtung sich nicht nur kritische Studenten, sondern bezeichnenderweise auch
konservative Presseorgane wenden:
„Für
Studenten heißt die neue Bologna-Wirklichkeit: Zielstrebigkeit ohne Umwege und
Sackgassen. Neugier, Erkenntnisinteresse, selbständiges Denken – also alles,
was höhere Bildung ausmacht – bleiben auf der Strecke.“ (FAZ, 19.6.09)
Mit
diesem Ideal wird nicht behauptet, dass Lehrinhalte in Frage gestellt werden
sollten, schon gleich nicht, dass in ihnen wissenschaftliche Fehler und
Parteilichkeit für die herrschenden Zustände zu kritisieren wären, sondern
alles gebilligt, was zum Studienstoff gehört; der Haupteinwand dagegen ist: zu
viel, zu dicht, zu wenig Zeit. Damit soll auch keinerlei Kritik am Zweck des
Ausbildungswesens geübt sein. Dieser Mahnung zufolge hat die Aneignung des zu
erlernenden Wissenskanons so lange einen Mangel, solange er nur „auswendig
gelernt“ und „nachgebetet“, anstatt selbstbewusst und überzeugt vertreten wird.
Zwar geht „Denken“ sowieso nicht anders als „selbstständig“, aber
was die rechte „Zeitung für Deutschland“ meint und womit sie den Demonstranten
mal recht geben will, ist klar: Damit sich die Studenten ihr Fachwissen
aktiv zu eigen machen, brauchen sie Gelegenheit für „Umwege und
Sackgassen“; anstatt zum etablierten Wissenskanon geführt zu werden,
sollen die Studenten selbstständig den Weg zu ihm finden. Das gehört – nach
Auffassung der rechten Elitezeitung – unverzichtbar zur Qualifikation des
Führungspersonals, das als gesellschaftliche Elite in der Lage sein soll, im
Interesse der zukünftigen privaten und öffentlichen Arbeitgeber die gewünschten
Dienste zu verrichten: Die Aneignung von Wissen auf dieser Ebene solle sich unbedingt
mit dem Standpunkt und dem Selbstbewusstsein verbinden, das alles aus freien
Stücken zu tun! Das erst mache „höhere Bildung“ aus.
Wer mit diesem für die real
existierende Gesellschaft parteilichen Elite-Ideal nichts zu tun haben und
statt dessen wirklich „kritisch sein“ und „richtig kritisieren“
möchte, dem bleibt es nicht erspart, das dann auch zu machen, anstatt einen
Antrag bei der Kultusbehörde zu stellen, endlich eine Lehreinheit „kritisches
humanistisches Reflektieren“ einzurichten. Oder glaubt jemand wirklich,
dass beim Staat Geld für eine Kritik locker zu machen ist, die die Zwecke
seines (Aus)Bildungswesen aufs Korn nimmt?
PS: Zweifelhaftes Lob des studentischen Protests und
„konstruktiver Dialog“ mit der Politik
In vielen Aufrufen und
v. a. in den Beiträgen der Medien, die dem Studierendenprotest
attestieren, er mache dankenswerterweise auf ein sträfliches Versäumnis der
Bildungspolitik aufmerksam, wird „mehr Bildung“ gefordert mit dem
Argument, von ihr hänge schließlich die Zukunft der ganzen Nation, insbesondere
der nationalen Wirtschaft, ab. Diese werfen der Politik vor, vergessen zu
haben, dass „Bildung
unser einziger Rohstoff“ sei und machen Vorschläge, wie man
Unterricht und Studium so „reformieren“ sollte, dass aus der Bundesrepublik
Deutschland wieder eine „Bildungsrepublik“ werde. Typisch dafür ist die
Petition der bayerischen LandesAstenKonferenz (LAK) an den Bayerischen Landtag:
„Angesichts
des herrschenden Fachkräftemangels halten wir es für äußerst kontraproduktiv,
talentierte junge Menschen von einem Studium abzuhalten.“ (http://studiengebuehrenbayern.de/petition/)
Wer so protestiert,
führt sich als ideeller Ressourcenverwalter auf. Ihm ist es offensichtlich
selbstverständlich, dass Wissen für keinen anderen Bedarf da ist als für den
der heimischen kapitalistischen Wirtschaft und seiner Verwaltung. Bildung
braucht es in dem Maße, wie sie dem nationalen Standort nützt! Wer so
argumentiert, lässt sich mit den wirklichen Ressourcenverwaltern auf einen – im
schlechten Sinne konstruktiven – Dialog
ein: Bei dem bekommt er zu hören, dass ein „Bummelstudium“ natürlich auch nicht
nützlich, sondern „äußerst
kontraproduktiv“ sei; dass die Wirtschaft nicht nur hoch qualifizierte
Masters brauche, sondern auch halb qualifizierte Bachelors; und dass es dem
Standort nütze, wenn sich an den Kosten zur Ausbildung der Ressource
‚Fachkraft‘ auch Sponsoren aus der Wirtschaft und – Studierende mit
Studiengebühren beteiligen. Sollen derart konstruktive Beschwerden auch
als willkommene Bestandteile der Protestbewegung verstanden werden?
http://versust.blogsport.de – Kontakt: redaktion@versus-tuebingen.de
Zurück zur Übersicht :: Druckversion
|