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Zurück zur Übersicht :: Druckversion Sarrazins herrschaftliche Durchmusterung des Volkskörpers auf seine Nützlichkeit GegenStandpunkt – Kein
Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 2. Dezember 2008 Herrn Thilo Sarrazins herrschaftliche Durchmusterung des Volkskörpers
auf seine Nützlichkeit für Staat und Kapital mit dem Befund „bedingt tauglich!“
– Wo ist da der „Skandal“? Während sich die Schweizer
Stimmbürger herbe Kritik aus den demokratischen Redaktionsstuben hierzulande
einfingen mit ihrem Baustopp für moslemische Kirchtürme, hat Thilo Sarrazin,
Ex-Senator von Berlin und immer noch Vorstandsmitglied der Deutschen
Bundesbank, mit einem ausführlichen Interview zwar für einigen Wirbel gesorgt,
aber vorwiegend großes Verständnis für seine „zugespitzten“ Formulierungen
gefunden. Herr Sarrazin hat nämlich Sorgen mit dem, was er Deutschlands „kleines
Volk“ nennt. Denkt er an Berlin in der Nacht, ist der Mann gewissermaßen um
den Schlaf gebracht. In „Lettre International“ vom Oktober 2009 gibt er
zu Protokoll: „Bei uns gibt es eine breite
Unterschicht, die nicht in Arbeitsprozesse integriert ist. Doch das Berliner
Unterschichtproblem reicht weit darüber hinaus … Wir haben in Berlin vierzig
Prozent Unterschichtgeburten, und die füllen die Schulen und die Klassen …
Berlin hat einen Teil von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung, die
nicht ökonomisch gebraucht werden ... Eine große Zahl an Arabern und Türken hat
keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel... Das gilt
auch für einen Teil der deutschen Unterschicht, die einmal in den
subventionierten Betrieben Spulen gedreht oder Zigarettenmaschinen bedient hat.
Diese Jobs gibt es nicht mehr. Berlin hat wirtschaftlich ein Problem mit der
Größe der vorhandenen Bevölkerung.“ (Alle
Zitate aus Lettre International: Berlin auf der Couch. Autoren und
Künstler zu 20 Jahren Mauerfall. Heft 86, Herbst 2009.) Die Aufregung drehte sich
eigentlich nur um eine Frage: Ist er nun ein Rassist, oder was? Dabei ging in
der Öffentlichkeit unbemerkt und unkritisiert durch – wohl weil sie das für
normal hält –, von welcher herrschaftlichen Warte aus dieser Mann argumentiert.
Da tritt nämlich mal ein Politiker an und wirft sich nicht gleich in die Pose
eines Dieners des Volkes, gibt sich nicht den Anschein eines Anwalts der
Unzufriedenheit, dem mitten aus dem Volk Interessen und Wünsche gemeldet werden
und der sich bemüht, denen gerecht zu werden. Hier äußert ein politischer
Macher ziemlich ungeschminkt, dass Berlins Regierende sich nicht bloß mit den
Sorgen ihrer Untertanen zu befassen haben, sondern vielmehr sie es sind, die
massive Probleme mit Teilen ihres Volkes haben. Es laufen zu viele Leute mit
„Migrationshintergrund“ herum, ohne dass sie Staat oder Wirtschaft etwas nützen
würden. So das Menschenmaterial des Staates vom Standpunkt seiner Nützlichkeit
sortiert, versagen an die 20 bis 40 Prozent. Sie leisten nicht das, was sich
die Regierenden von ihnen erwarten: Sie haben sich gefälligst für die Wohlfahrt
Berlins, dann Deutschlands überhaupt, nützlich zu machen, wobei nicht einmal
extra betont werden muss, dass damit für ihre Wohlfahrt nichts versprochen
wird. Dieses „Bevölkerungssegment“ ist oft arbeitslos, arm, ungebildet – in der
Summe jedenfalls für die Führung eines erfolgreichen Wirtschaftsstandorts eine
Zumutung! Wie soll man, bitteschön, mit einem solchen Volk Staat machen?, fragt sich und vor allem uns der Herrenmensch Sarrazin. So ein elender Zustand für eine
demokratische Herrschaft, mit einem in relevanten Minderheiten untauglichen Volk
regieren zu müssen, verlangt nach schonungsloser Erklärung. Sarrazin will
ausdrücklich „gegen viele Mauern der politischen Korrektheit“ verstoßen. Die
nicht bloß von ihm entdeckten Missstände will er endlich einmal schonungslos
beim Namen nennen, und da stößt Sarrazin bei seinem Volk als Erstes auf dessen
mangelnde Geistesausstattung: „Unsere Bildungspopulation
wird von Generation zu Generation immer dümmer. Der Anteil der intelligenten
Leistungsträger fällt kontinuierlich ab.“ So denkt ein Vertreter der
staatlichen Elite. Von seinem Anspruchsdenken her dreht er das wirkliche
Verhältnis einfach um: Wenn eine wachsende Zahl von Menschen weder von Staat
noch Wirtschaft gebraucht wird, dann müssen die zu dumm dafür sein! Bei Opel
kann man gerade mal wieder sehen, wie der kapitalistische „Sachzwang“ aussieht,
der Unternehmer veranlasst, „Arbeitsplätze abzubauen“. Wegen ihrer Konkurrenz
mit anderen Autobauern sparen die Manager bezahlte Arbeit ein und wollen aus
der verbliebenen Mannschaft mehr herausholen. 4000 Leute, die bis gerade eben
noch keineswegs ‚zu dumm‘ waren, fliegen raus, und sie sind ein weiterer
lebender Beweis dafür, dass das „kleine Volk“ eben nur Manövriermasse und
abhängige Variable kapitalistischer Profitrechnungen ist. Privileg und Selbstverständnis
der politischen Elite ist es aber, an ihrer Schuldzuweisung unerschütterlich
festzuhalten: Wer in dieser Gesellschaft nichts wird, ist selber schuld! Für
Sarrazin ist klar, dass er und seinesgleichen schon im eigenen Interesse das
Nötige für eine erfolgreiche Benützung des Volkes tun, und wenn diese Benützung
dennoch nicht passiert, dann muss es am Menschenmaterial liegen. Sie, die
Menschen, werden immer untauglicher für ihre Benützung. Sie müssen in doppelter
Hinsicht eine Art Defekt haben: Ihnen fehlt die nötige Intelligenz dafür, die Fähigkeit,
und ihnen fehlt nicht selten auch der nötige Wille, die Dienstbereitschaft, um
von Staat und Wirtschaft hergenommen werden zu können. Sarrazin versetzt sich
in die Rolle des politischen Verwalters zweier nationaler Leistungsquellen,
nämlich der Intelligenz und der Integrationsbereitschaft, und er macht sich
daran, den Berliner Volkskörper nach tauglichen und untauglichen Volksgruppen,
nach Nützlingen und Schädlingen durchzumustern. Und das tut er ganz vorurteilslos
– den Vorwurf „Rassist“ will er damit auch gleich widerlegt wissen. Er hat
nichts gegen Ausländer – es müssen nur die richtigen sein, die für den
wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands nützlichen eben! Sarrazin greift sich als
Beurteilungskriterien den schulischen und akademischen Erfolg und den
Integrationswillen heraus. Da schneiden die Vietnamesen, verschiedene
Osteuropäer und die Russlanddeutschen ganz gut ab, auch wenn es mal zwei oder
drei Generationen dauert. Jugoslawen, Türken und Araber gehören hingegen in die
Kategorie ‚Parasiten der Berliner Gesellschaft‘: „Auch in der dritten Generation haben sehr viele keine vernünftigen
Deutschkenntnisse, viele gar keinen Schulabschluss ... Ich muss niemanden
anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner
Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen
produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der
arabischen Bevölkerung in Berlin.“ So geht politische Selektion
von oben, mitten in der deutschen Zivilgesellschaft: Bevölkerungspolitiker
interessiert alles – Schulabschlussquoten, Gesinnung, die Art zu leben, von
deutschen Gewohnheiten abweichende sittliche Eigenheiten usw. –, für all das
sind sie zuständig. Sie messen damit die Menschen an den Maßstäben, die die
hiesige Herrschaft als verbindlich erklärt hat dafür, wie sie mit den von ihr
Regierten umzugehen gedenkt, was sie denen abverlangt. Weichen welche von
diesen Maßstäben ab, so wird ihnen das als ihr völkischer Naturdefekt
zur Last gelegt. Die eine Abteilung Bevölkerungspolitiker holt dann das
Programm mit dem Titel „Integration“ heraus: Auf den Nutzen dieser Volksgruppen
– wenn er auch erst noch herzustellen ist – wollen sie nicht verzichten, aber
es ist völlig klar, was mit „Integration“ gemeint ist: Die müssen sich anpassen,
ihren ‚Naturdefekt‘ überwinden. Andere Bevölkerungspolitiker, darunter
Sarrazin, halten das für vollkommen verkehrt. Sie wollen mit allen
Integrationsmaßnahmen, genauer: Integrationszwangsmaßnahmen, die noch
irgendwie einen sozialen Touch haben, gründlich aufräumen. Dazu zählt für
Sarrazin auch die überkommene Sozialpolitik mit Hartz IV. Sie habe nicht nur
versagt, sie sei mit verantwortlich für den unzumutbaren Zustand der
Gesellschaft in Berlin: „Der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky erzählt von einer Araberfrau,
die ihr sechstes Kind bekommt, weil sie durch Hartz IV damit Anspruch auf
eine größere Wohnung hat. Von diesen Strukturen müssen wir uns verabschieden
... So kann man keine nachhaltige Gesellschaft bauen, das geht für ein, zwei,
drei Generationen gut, dann nicht mehr.“ Sechs Kinder von deutschen oder
vielleicht auch ausländischen Eliteeltern, das ginge in Ordnung. Damit
ließe sich staatlicherseits was anfangen. Aber Elendsfiguren Stütze
zahlen, damit schadet sich der Staat selbst. Laut Sarrazin gibt es nämlich
Volksgruppen wie Vietnamesen, Osteuropäer etc., die durchaus arbeits- und
integrationswillig sind. Denen wird mit Stützungszahlungen an Türken erschwert,
sich gegen die minderwertige Konkurrenz durchzusetzen. Erschwert wird damit
aber insbesondere, dass die „Türken“ und „Araber“ – wie Sarrazin es vornehm
aber unmissverständlich ausdrückt – sich „auswachsen“. Stattdessen vermehren
sie sich auch noch: „Die Türken erobern
Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch höhere
Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit
einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung … Die Araber
und Türken haben einen zwei- bis dreimal höheren Anteil an Geburten, als es
ihrem Bevölkerungsanteil entspricht... Zudem pflegen sie eine Mentalität, die
sie als gesamtstaatliche Mentalität aggressiv und atavistisch macht.“ Sarrazins Äußerungen sind eine
gezielte Polemik gegen die aktuelle Integrationspolitik mit den dazugehörigen
Sprachregelungen. Araber und Türken, die sind so!, und
zwar Schädlinge Deutschlands, die drohen „unseren“ Staat zu unterwandern und zu
übernehmen, lautet sein Credo. Wenn einer so daherredet, offenbart sich da nun
ein unverbesserlicher Rassist, der gegen unverbrüchliche demokratische
Grundwerte verstößt, oder denkt hier nur einer – zwar radikal, aber trotzdem –
im Rahmen der demokratischen Ausländerpolitik weiter? Die Reaktion der
demokratischen Öffentlichkeit auf Sarrazins Polemik bietet darauf eine Antwort:
Die herrschaftliche Sichtweise, mit der Sarrazin das Volk mustert, sortiert und
in nützlich und unnütz einteilt, wurde nicht kritisiert. Im Gegenteil: Dem Mann
wurde attestiert, ein real existierendes Problem „unserer Gesellschaft“ noch
dazu „mutig“ angepackt zu haben. „Rassist“ hin oder her, der Standpunkt,
Menschen bezüglich ihrer Nützlichkeit für Staat und Kapital zu sortieren und
den daran gemessen als unwürdig befundenen Individuen das Existenzrecht hierzulande
abzusprechen, das ist offensichtlich und unverbrüchlich ein Grundwert unserer
Demokratie. Zurück zur Übersicht :: Druckversion | |||