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GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 20.04.10, 18 Uhr

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Freerk Huisken: "Sie irren, Herr Prantl"

GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart, 21. April 2010

 

AUSWEGE – 16.4.2010 – GegenRede 7

Freerk Huisken

Sie irren, Herr Prantl!

Eiszeiten der Erziehung“ heißt der Artikel, in dem sich Heribert Prantl in der SZ vom 10./11.04.10 zum Thema Gewalt in der Erziehung äußert. Die durchaus verdienstvolle Darlegung der zähen Geschichte des Verbots der Gewalt in deutschen Erziehungseinrichtungen von der Familie über die Schule bis hin zu Sport- und anderen Vereinen hat einen gravierenden Mangel. Sie unterlässt es, auch nur einmal die Frage zu stellen, warum denn von deutschen Gerichten unter öffentlichem Beifall kinderfreundlicher Pädagogen das „Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung“ beschlossene Sache wurde. Der Umstand für sich steht für nichts anderes als für eine – in der Tat allerdings überfällige – Korrektur der Erziehungsmittel. Doch wie steht es mit den Erziehungszielen und politischen Erziehungsabsichten? Ist mit der Abschaffung der Prügelstrafe wirklich ein Schritt zu einer Erziehung getan, in der das Kind, „wie es ihm gebührt, als Subjekt behandelt“ wird? Zweifel befallen H. Prantl selbst, wenn er den „Leistungsdruck, der heute vielen Kindern von ihren Eltern … eingepflanzt wird“ als „neue Form von Gewalt“ vorstellt. Die Zweifel sind berechtigt. Allerdings irrt Prantl, wenn er an der Abkehr von äußerst rohen Methoden der Erziehung bereits grundlegende Korrekturen von Erziehungszielen festmacht.

*

Die moderne demokratische Nachkriegserziehung hat sich von der Erziehung zum Untertanen verabschiedet und an deren Stelle die Erziehung zum mündigen Bürger gesetzt. Dieses Ziel schmückt heute Präambeln von Schulgesetzen und ist in Politik, pädagogischer Wissenschaft und Erziehungspraxis unbestritten. Und ebenso unbestritten ist: Angehende mündige Bürger prügelt man nicht! Doch was ist eigentlich ein mündiger Bürger? Was muss man lernen, um ein mündiger Bürger zu werden? Ist es gerechtfertigt, die Mündigkeit eines Menschen für ein so hohes Gut zu halten, dass sie zum obersten Erziehungsziel erklärt wird? Wann ist ein Mensch eigentlich mündig und wann noch unmündig?

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Wo Kinder und Jugendliche per Gesetz zu (noch) Unmündigen erklärt werden, da steht fest, dass ihnen als Erwachsenen ein Leben bevorsteht, das eigentlich eines Vormundes bedarf, also einer Instanz oder Person, die jeweils vorschreibt oder vorsagt, was in welcher Lage zu tun ist. Wo Mündigkeit zum Erziehungsziel erklärt worden ist, das ohne einen 10-12 Jahre währenden Schulvorlauf nicht zu erreichen ist, da kommt man nicht um den Befund herum, dass sich das Leben in dieser Gesellschaft nicht so ohne weiteres mit den Inter­essen verträgt, die jedermann so im Laufe seines frühen Lebens entwickelt. Um Kollisionen zwischen dem individuellen Wollen von Heranwachsenden und dem gesellschaftlich vorgegebenen Sollen zu vermeiden bzw. in Grenzen zu halten, muss der junge Mensch lernen, dieses Sollen, d. h. alle existierenden Pflichten, Anordnungen und moralisch daher kommenden Leitlinien als notwendige zu begreifen, an denen er sein individuelles Wollen auszurichten hat; und das heißt in erster Linie und für die meisten Menschen, dass sie ihre Wünsche an Vorschriften zu relativieren haben. Die umgekehrte Ausrichtung, also die Anpassung der mit Regeln geordneten gesellschaftlichen Verhältnisse an das individuelle Wollen ist nicht vorgesehen. Nicht einmal die Klärung der Frage, auf welcher Seite die Vernunft liegt und welche Seite damit auf praktische Umsetzung dringen kann, ist hierzulande vorstellbar. Immer geht es allein um die Anpassung individueller Wünsche, Anliegen und Interessen an das in der Regel sogar gesetzlich vorgeschriebene Sollen. Und wer das aus freien Stücken leistet, d. h. wer sich all die Argumente – sie hießen besser ‚Legitimationen‘ – einleuchten lässt, mit denen die Unterwerfung des Wollens unter das den Alltag der Bürger beherrschende Zwangssystem aus Gesetzen und Vorschriften zur Notwendigkeit erklärt wird, der erhält hierzulande das Prädikat „mündiger Bürger“.

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Diese Sorte moderner demokratischer Erziehung ist natürlich nicht mit dem Rohrstock und der Prügelstrafe vereinbar. Aus Überzeugung soll sich der junge Bürger heute demokratischer Herrschaft und ökonomischer Ausnutzung unterordnen, nicht aus Angst vor Strafe! Aus Überzeugung soll er sich dem Regime des Privateigentums auch dann unterwerfen, wenn er keines besitzt, das diesen Namen verdient, und nicht weil ihm mit dem Rohrstock eingebläut worden ist, dass aus ihm ohnehin „nichts Gescheites“ wird. Und dafür soll ihm ein Lügengebäude, in das ihn die moderne demokratische Staatsschule theoretisch und praktisch so erbarmungslos einführt, zur zweiten Natur werden. Es lautet: Nutze deine Chancen! Du allein kannst mit deiner Leistung etwas aus deinem Leben machen! Das Ganze auf volkstümlich: Du bist deines Glückes Schmied. Und am Ende weiß man dann: Jeder verdient, was er verdient!

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‚Leistungsprinzip‘ nennt sich diese geistige und praktische Zumutung: Als ob in einer Gesellschaft, in der der Zugang zu fast allen Positionen der Gesellschaft über Konkurrenz geregelt wird, in der folglich von vornherein feststeht, dass viele Verlierer und wenige Sieger gebraucht werden, der Schulabschluss oder der Verdienst an der individuellen Leistung bemessen würde! Ist es denn Ausdruck von Leistungsverweigerung bzw. Unvermögen des Nachwuchses, wenn die Mehrheit von weiterführender Ausbildung und damit von gehobenen gesellschaftlichen Positionen immer noch frühzeitig und ziemlich irreversibel ausgeschlossen wird? Oder ist das die Leistung der Schule, mit der der Nachwuchs vermittels organisierter Lernleistungskonkurrenz für eine Berufshierarchie vorsortiert wird, die eben nur in den höheren Rängen „lebenswerte Perspektiven“ anzubieten hat. Den Prügelpädagogen von einst lag so etwas wie das Leistungsprinzip fern. Sie wussten und vermittelten, dass der Schuster bei seinem Leisten zu bleiben und das Handwerk einen goldenen Boden hat. Doch genau dieser Standpunkt passt nicht mehr zu einer entwickelten bürgerlichen Gesellschaft, die für alle ihre beruflichen Positionen die Geeignetsten haben will. Da ist sie anspruchsvoll und verlässt sich nicht mehr darauf, dass die Herkunft aus der Elite bereits dafür bürgt, dass ihr die Leistungsstärksten für die zukünftige Elite zuwachsen. Die soll sich ganz getrennt von Stand und Vaterberuf im Durchlauf durch Ausbildung und Studium bewähren. Das ist die Chance, die die bürgerliche Gesellschaft ihrem Nachwuchs insgesamt zugesteht: Wer sich mit Stucken, Ellenbogen, Opportunismus und Ausstecherei bis zum Masterabschluss vorgearbeitet hat, darf sich auf den Arbeitsmärkten für höhere Positionen um den Fortschritt der Nation kümmern, egal ob er aus einer Familie von Akademikern oder Fabrikarbeitern stammt. Wer vorzeitig in der Lernkonkurrenz abgehängt worden ist – und es ist kein Zufall, dass es in erster Linie Kinder aus den unteren Schichten und Klassen sind (vgl. Gegenrede 6) –, darf weiterhin an seine Chance glauben und in der Konkurrenzgesellschaft seine Heimat erblicken.

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In der modernen Schule werden Kinder ohne Prügel, statt dessen mit viel Motivationsarbeit, ohne Karzer, statt dessen mit freundlichen Kompensationsangeboten für Verlierer, ohne „schwarze Pädagogik“, statt dessen mit einer Pädagogik vom Kinde aus, kurz: werden die Kinder methodisch als Subjekte behandelt, damit sie später als mündige Bürger, d. h. mit dem Vormund im eigenen Kopf, folglich freiwillig und von den Notwendigkeiten aller späteren Pflichten und Zwänge überzeugt, dort ihren Pflichten nachgehen, wohin es sie durch die Konkurrenz verschlägt: am Band, in Hartz IV, in den Diensten eines Altersheims, in der Autowerkstatt, am Schreibtisch einer Zeitung oder an der Spitze eines Aufsichtsrats.

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Die „Eiszeit der Erziehung“, Herr Prantl, liegt nicht in den Methoden der Erziehung, sondern in den politischen Anliegen, denen die Schule hierzulande dient.

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