





|
|
GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 05.05.10, 18 Uhr
|
Zurück zur Übersicht :: Druckversion
Kinderarbeit: Streit unter Weltverbesserern: Pro und contra Verbot der Kinderarbeit
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 26. April 2010
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom
5. Mai 2010
Streit
unter Weltverbesserern: Pro und contra Verbot der Kinderarbeit
Der Kampf gegen die
Kinderarbeit ist den Hilfsorganisationen und sonstigen Vereinen aus dem Lager
der 3.‑Welt-Bewegung ein wichtiges Anliegen. Sie klagen an, dass in
vielen Ländern Kinder massenhaft unter schlimmsten Bedingungen und zu absoluten
Hungerlöhnen arbeiten müssen, und liefern dabei durchaus noch Hinweise, wo
der Grund des beklagten Skandals zu suchen ist:
„Kinder
in Entwicklungsländern .... sind als Arbeitskräfte sehr beliebt, weil man sie
leicht einschüchtern und ihnen einfach weniger Geld als Erwachsenen geben
kann.“ (Thesenpapier „Stopp Kinderarbeit“)
So ist es! Geschäftsleute,
immerzu hinter billigem Arbeitsmaterial her, benutzen die Kinder als Lohndrücker.
Niedriger Lohn und die ausgiebige Arbeitsleistung der eingekauften
Arbeitskräfte sind nun mal ihrer Gewinnrechnung zuträglich, je niedriger, desto
besser. Wenn die Feinde der Kinderarbeit sagen, dass man den Kindern einfach
weniger Geld als Erwachsenen geben kann, haben sie zumindest eine Ahnung davon,
dass die Geschäftsleute eine Konkurrenz zwischen Arbeitssuchenden ausnutzen und
anheizen können. Diese Konkurrenz gibt es wiederum, weil die Arbeitssuchenden
kein anderes Mittel zum Überleben haben als eben ihr Arbeitsangebot,
beeindrucken können sie ihren potentiellen Arbeitgeber – in der so genannten
3.Welt ist das besonders krass – nur mit ihrer Bereitschaft, sich von dem
die Bedingungen diktieren zu lassen. An diesem Konkurrenzverhältnis zwischen
lauter Abhängigen mitsamt seinen elenden Folgen entdecken die Kinderfreunde
aber plötzlich eine Gelegenheit, genau dieses zugunsten der Betroffenen zu
wenden:
„Wenn
es keine billigen Kinderarbeiter mehr auf dem Arbeitsmarkt gibt, können die Eltern bessere Löhne aushandeln.“ (Thesenpapier „Stopp Kinderarbeit“)
Ausgerechnet das Prinzip
der Lohnarbeit, das da zum Zuge kommt, wenn die Mittellosen in der Dritten
Welt, Erwachsene wie Kinder, darum konkurrieren, überhaupt und sei es auch zu
den brutalsten Bedingungen beschäftigt zu werden, das nehmen sie gar nicht in
den Blick. Sie sehen es genau umgekehrt: Die Ausbeutung von Kindern, diese spezielle
Abteilung kapitalistischer Anwendung von Arbeitskräften, ist in ihren Augen der Grund allen Elends in den einschlägigen Armenhäusern der Weltwirtschaft.
Als hätten mit dem Ausscheiden der Kinder als Konkurrenten um Arbeitsplätze die
Millionen beschäftigter und unbeschäftigter Erwachsenen irgendetwas in der Hand
und plötzlich eine schlagkräftige Verhandlungsposition den Arbeitsherren
gegenüber. Mit dieser Sichtweise werden aus den beklagten ausbeuterischen
Arbeitsverhältnissen schlagartig annehmbare Einkommensgelegenheiten, die
allerhand Zukunftsperspektiven eröffnen:
„.... reicht das Einkommen für
die ganze Familie, und die Kinder können in der Schule für eine bessere Zukunft lernen.“ (Thesenpapier „Stopp Kinderarbeit“).
Und wie soll die
Kinderarbeit aus der Welt kommen? Ganz einfach: Getreu dem Motto „Es kann nicht
sein, was nicht sein darf!“ haben die Aktivisten von Initiativen wie „Stopp
Kinderarbeit“ eine originelle Lösung: Verbieten wir sie doch einfach!
„Kinder haben das Recht auf
eine Kindheit ohne Kinderarbeit, und sie haben das Recht auf Bildung.“
(www.welthungerhilfe.de) „Alle Regierungen haben die Pflicht, zu
gewährleisten, dass sie Kinderarbeit in ihren Staaten nicht erlauben oder
zulassen.“ (www.stopchildlabour.eu)
Wer ein Verbot fordert, der geht davon aus
und macht die Erfahrung, dass die angesprochenen Staaten dieses Anliegen von
sich aus erst einmal nicht haben. Bei denen rangieren Arbeitgeber noch allemal
vor Kindern, jedes Stück kapitalistische Geschäftstätigkeit ist dringend
erwünscht – was 3.‑Welt-Staaten von so genannten „Industrienationen“
nicht unterscheidet, nur sind ihre Möglichkeiten, dem Kapital Angebote zu
machen, viel beschränkter –, und wenn die Kinder ein günstiger „Produktionsfaktor“
sind, dann können die Geschäftsleute erst mal mit viel Entgegenkommen rechnen.
Das irritiert die Kinderfreunde aber nicht. Unverdrossen appellieren sie an
diese Staaten und auch an die sonstige Staatenwelt, die Kinder doch zu
verschonen, und legen damit eigentlich nur Zeugnis ab von ihrem guten Glauben
an die Politik, von deren tatsächlichen Gründen sie nichts wissen wollen. Und
so landet ihre Kritik bei einer ziemlich ignoranten und deswegen brutalen Feier
der Lohnarbeitsverhältnisse samt ihrer idealistischen Verbrämung („… für
eine bessere Zukunft lernen“), kombiniert mit der Hoffnung, dass ihr Appell
manches zum Guten wenden könnte.
Das neue
Rezept gegen Kinderarbeit: Einfach ordentlich erlauben!
Gegen dieses Programm
meldet neuerdings eine Fraktion aus dem Lager der 3.‑Welt-Freunde grundsätzliche
Bedenken an – sie hält das Programm ihrer Mitstreiter für „weltfremd“ und ihren
Forderungskatalog dagegen für „realistisch“, um den Kindern wirklich zu helfen.
Anlässlich des „Welttages der arbeitenden Kinder“ am
09.12.2009 provoziert sie die Öffentlichkeit und ihre eigene Klientel mit der
Forderung nach Aufhebung des völkerrechtlich kodifizierten
Verbots der Kinderarbeit:
„Das
pauschale Verbot von Kinderarbeit beendet die Ausbeutung von Kindern und
Jugendlichen nicht... Wir fordern die Aufhebung dieses Verbotes, weil es den
Kindern schadet... Durch die internationale Ächtung der Kinderarbeit werden die
kleinen ArbeiterInnen in die Illegalität gezwungen... Und dadurch sind sie viel
ausbeutbarer... Durch das Verbot sind sie gezwungen, in ganz prekären Umständen
zu arbeiten.“ (J. Fincke, auf www.pronats.de und in B 5 aktuell des
Bayerischen Rundfunks – Interview vom 09.12.09)
Ihr Blick auf die
einschlägigen Verhältnisse des globalisierten Kapitalismus lehrt sie, dass ein
Verbot nichts nutzt. Sie gehen davon aus, dass die Zustände, gegen die die
Forderer eines Verbots ihren Appell richten, „nun mal so sind“. Die
„realistischen“ Verbotsgegner akzeptieren also als Voraussetzung ihres
menschenfreundlichen Handelns, dass die Geschäftswelt dort, wo die blanke Not
Kinder zu welchen Konditionen auch immer in die Fänge von Arbeitgebern treibt,
auf die Ausnutzung kindlicher Arbeitskraft so leicht nicht verzichtet – völlig
unbeeindruckt von der Rechtslage. Und dass mit einer strikten Durchsetzung des
Verbots auch gar nicht zu rechnen ist, wo Staatsgewalten die Kinderarbeit als
nützlichen Beitrag zur Entwicklung ihres im Weltmaßstab ohnehin viel zu
rückständigen Standorts begreifen. Das ist ihnen geläufig: Verbieten und
Verhindern, das sind in dieser Welt zwei paar Stiefel. Und wenn wirklich auf
Unterlassung gedrungen werden sollte, dann schadet das Verbot nicht den
Ausbeutern, sondern denen, deren Ausbeutung unterbunden werden soll; die haben
dann nämlich überhaupt keine Einkommensquelle und deshalb kein Überlebensmittel
mehr. Während die Verbotsfreunde meinten, ein Verbot würde den Familien zugute
kommen, weil dann die Eltern bessere Chancen hätten, sich der – knappen –
Lohnarbeit zu unterwerfen, sehen das die „realistischen“ Verbotsgegner genau
umgekehrt:
„Der
... Ausschluss von Kindern aus der Arbeit ... kann dort, wo das
Arbeitseinkommen der Kinder für das Überleben unverzichtbar ist, die Familien
in noch größere Not stürzen.“ (M. Liebel, Kinder fordern ein
Recht zu arbeiten, http://www.vsp-vernetzt.de)
Wenn man das mal einen
Moment lang distanziert betrachtet, kommt heraus: Die Lohnarbeit bietet also
nur zwei beschissene Alternativen – sich ausbeuten zu lassen oder gleich völlig
zu verelenden. Ein unübersehbarer Hinweis darauf, dass die Gründe für die
Kinderarbeit und ihre Brutalitäten am System liegen, sollte man meinen.
Das sehen die Kritiker,
die den Verbotsanträgen ihrer Mitstreiter Idealismus vorwerfen, anders. Sie
trennen im Geiste an der beklagten kapitalistischen Anwendung der absoluten
Armutsbevölkerung, was gar nicht zu trennen ist – nämlich die Lohnarbeit
von den Arbeitsbedingungen –, und kommen zu dem Konstrukt, „dass es nicht die Arbeit ist, die den Kindern zu schaffen macht,
sondern die Bedingungen, unter denen sie diese verrichten müssen“. (M.
Liebel, a.a.O.) Tatsächlich wird aber Lohnarbeit in diesen Weltregionen nur zu
diesen Bedingungen angeboten, weil sie sich sonst für ihre Anwender nicht
lohnen würde. Leute wie Liebel denken sich Lohnarbeit als grundsätzlich
nützlich und unschädlich, man müsste nur die Bedingungen entsprechend
gestalten. Die Lohnarbeit braucht bloß ein paar menschenfreundliche
Bedingungen, und – das kennen wir ja schon von den Verbotsfreunden – schon wird
aus Hölle der Lohnabhängigkeit in der 3.Welt ein Kinderprojekt!
„Gemeinsam mit den arbeitenden
Kindern und Jugendlichen fordern wir stattdessen kindgerechte, menschenwürdige
Arbeitsbedingungen sowie eine Vereinbarkeit von Schule und Arbeit.“ (J.
Fincke, www.pronats.de)
Ausgerechnet den
Verhältnissen, denen nach ihrer Auskunft mit Verboten
nicht beizukommen ist, verordnen sie nach dem Motto „Weniger ist mehr!“
regulierende Gebote für die Ausnutzung kindlicher
Arbeitskraft, die plötzlich alles zum Guten wenden sollen. Und die
regierungsamtlichen Sachwalter eines wie auch immer gearteten Arbeitsrechts vor
Ort werden an ihre Kinderliebe erinnert, die ihnen die so realistischen
Verbotsgegner als eigentliche Handlungsmaxime in Erinnerung rufen. Diese
Fraktion ist also genauso von einem guten Glauben an die Politik beseelt. Da
hat man die Lohnarbeit in ihrer ganzen Schädlichkeit vor sich, und dann
erwartet man vom Staat, dass er mit ein paar Regelungen diese Schädlichkeit
beseitigt und die Lohnarbeit zu einer schönen Sache macht. Als ob solche
Regelungen von Staaten, bei denen die Kinderarbeit doch wohl nicht einfach so
eingerissen ist, es vielmehr ein staatliches Interesse daran gibt, auf einmal
locker zu haben wären und von der Geschäftswelt respektiert würden, wenn man
denen ihren Geschäftsumgang nur höchst offiziell erlauben
und hoheitlich mit gewissen Einschränkungen versehen würde. Die Freunde der
„arbeitenden Kinder“ opponieren also gegen die von ihnen als „unrealistisch“
kritisierten Freunde des Kinderarbeitsverbots nicht minder idealistisch:
Ausgerechnet mit der Zulassung von Kinderarbeit verlöre sie ihren verheerenden
Charakter und die Schäden des kapitalistischen Zugriffs würden sich ins
Gegenteil verkehren. Dann nämlich, so ihr Alternativmodell
einer heilen Lohnarbeitswelt, befänden sich
„die Kinder in einer weniger
von Armut und dem ‚Diktat des Geldes‘ geprägten Situation“ und
hätten infolgedessen „mehr Möglichkeiten, sich eine Arbeit
auszusuchen, die ihnen gefällt und ihnen was bringt.“ (M. Liebel, a.a.O.).
Man muss sich eben nur
auf die geltenden Geschäftsinteressen konstruktiv einlassen und dann wandelt
sich Lohnarbeit – mit ein paar Korrekturen – von „Ausbeutung“ zu einer einzigen
Chance, die man nur richtig zu bewirtschaften hat, damit sie den Kleinen in der
Welt schließlich sogar „gefällt“ und „was bringt“.
So sind sich am Ende die
Fraktion von „Kinderarbeit verbieten“ und ihre Kritiker in einer sehr grundsätzlichen
Sichtweise der Welt der Lohnarbeit einig: Sie ist und bleibt, richtig
verstanden, eine Chance, wenn nur richtig und von den Richtigen drauf
aufgepasst wird.
Zurück zur Übersicht :: Druckversion
|