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GegenStandpunkt: Kein Kommentar! vom 15.06.10, 18 Uhr
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BP und das Öl im Golf von Mexiko
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 21. Juni 2010
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im
Freien Radio für Stuttgart vom 23. Juni 2010
Das Öl im
Golf von Mexiko:
Unvorhergesehener Kostenfaktor einer marktwirtschaftlichen Geschäftskalkulation
oder eine „menschliche“ Katastrophe?
Über die Berechnungen des
Geschäfts, die BP veranlasst haben, vom Meeresgrund aus nach Öl zu bohren, steht
alles in der Zeitung: Die derzeitige Höhe des Ölpreises macht den investiven
Aufwand rentierlich. Für den US-Staat sind nationale Ölfelder ohne fremde
Transitländer ein Mittel zur strategischen Unabhängigkeit von diesem kostengünstigsten
Energieträger. Die zuständigen Aufsichtsbehörden haben das Geschäft von „big
oil“ genehmigt, obwohl eine Verseuchung des Meeres bei der Ölförderung
notwendigerweise dazu gehört. So lange diese in den „normalen“ Grenzen bleibt,
läuft das Geschäft wie geschmiert. Die Erwartung eines lukrativen Geschäfts mit
dem Öl und das nationale Interesse verbietet es offensichtlich, mit der Förderung
so lange zu warten, bis man die 100prozentige Sicherheit hat, dass der Rohstoff
ohne jegliche Gefahr für Mensch und Natur aus dem Boden sprudelt.
BP samt der Konkurrenz der anderen
Ölkonzerne scheuen das Risiko jedenfalls nicht, sondern nehmen es als Mittel
ihres Gewinn bringenden Geschäfts. Es gehorcht der Logik dieses Geschäfts, wenn
auch an den Sicherheitsvorkehrungen bei der Ölförderung gespart wird, so gut es
geht, weil die eben kosten und damit den Gewinn schmälern.
Die Kalkulationen der Ölkonzerne
mit der kostengünstigen „Begrenzung“ bei der Ruinierung von Lebensgrundlagen sind
öffentlich durchaus bekannt. Sie folgen schließlich den Prinzipien eines
kapitalistischen Geschäfts, das sich gar nicht von den übrigen Geschäften
unterscheidet, von denen der Wirtschaftsteil der Zeitungen sonst so kündet. Die
„Risiken“ mögen sich in der Sache für die jeweiligen Geschäftemacher, aber vor
allem für das eingesetzte Arbeitspersonal und die strapazierte Natur
unterscheiden. Das Prinzip der kapitalistischen Reichtumsvermehrung bleibt. Die
angesichts des Lecks jetzt verbreiteten Weisheiten über die „Ölkatastrophe von
BP“ folgen allerdings dem Motto „Wir lassen uns die freie Marktwirtschaft
nicht madig machen“. Deshalb wird die Schuldfrage gewälzt und nach
Verantwortlichen für das Desaster am Golf von Mexiko gefahndet.
Marc Beise von der „Süddeutschen“:
„Dass der Mensch immer tiefer ins Meer vordringen
muss, um an Öl und damit an Energie zu kommen, ist nachvollziehbar; es ist Teil
unseres Lebensstandards, von dem sich nur die wenigsten zu verabschieden bereit
wären. Die Zeiten, da das Leben auf der Erde ohne nennenswerte Belastung für
die Natur und nennenswertes Risiko für den Gesamtorganismus Erde verwaltet
werden kann, sind vorbei. Das mag man bedauern, aber es ist nicht mehr zu ändern.
Der Preis dafür ist hoch. In großen
Tiefen oder extremer Kälte stößt der Mensch in Grenzbereiche der Technik vor.
Wenn man sich also für diesen Weg des "Immer mehr" entscheidet, dann
ist ein Gebot überlebenswichtig: Die Belastung für die Umwelt und das Risiko
sind so sehr zu begrenzen, wie es nur irgend geht. Im Zusammenhang mit den
Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko ist gegen dieses Gebot offenbar
vielfach verstoßen worden.“
Ein merkwürdiges Subjekt, das da
als Ölförderer vorstellig gemacht wird: Unter der gleichmacherischen Kategorie
„der Mensch“ versammeln sich doch mindestens vier gesellschaftliche Fraktionen,
die alle ihr jeweils spezifisches Interesse am Öl geltend machen.
-
An erster
Stelle die Ölkonzerne selbst, die ihr Geschäftsinteresse mit der Förderung und
Vermarktung des Rohstoffs verfolgen;
-
andere
kapitalistische Unternehmen, die ihr Geschäft durch den Einsatz vergleichsweise
kostengünstiger Energie voranbringen;
-
Staaten, die
dieses Geschäftemachen befördern und beaufsichtigen und dafür sorgen, dass der
Nachschub an Erdöl grenzüberschreitend sichergestellt ist;
-
und dann sind
da noch die vielen Endverbraucher mit ihrem eher schmalen Geldbeutel, die zwar
kein Geschäft mit dem ‚schwarzen Gold‘ machen, deren Energiekonsum allerdings
ein auch nicht zu vernachlässigendes Geschäftsmittel für die Ölkonzerne ist.
Alle diese disparaten Interessen werden
in dem Denkkonstrukt vom „Menschen“ friedlich vereint und in ihrem Tun
und Handeln mit vollstem Verständnis bedacht: Weil aus Öl gewonnene Energie zu
„unserem Lebensstandard“ gehört, muss –nicht BP, sondern „der Mensch“
ins tiefe Meer vordringen. Mit dem Verweis, dass jeder gewohnheitsmäßig Energie
zum Beleuchten, Heizen und Autofahren nutzt, wird unterschlagen, dass der Konsument
dieser Notwendigkeiten des modernen Lebens gerade nicht das Subjekt der
Veranstaltung ist, das dafür sorgt, dass die Wohnung hell erleuchtet und beheizt
ist. Im richtigen Leben geht es geradezu umgekehrt zu: da diktiert eine
Geschäftswelt – also auch BP und Konsorten – über den Preis, der sich aus der
Vermarktung der geförderten Rohstoffe erzielen lässt, ob und wie viel sich „der
Mensch“ auf Grundlage seines mehr oder weniger gefüllten Geldbeutels davon
leisten kann. Ein steigender Ölpreis zwingt nicht wenige Leute, die Heizung
runter zudrehen oder sonst wie zu sparen. „Unser Lebensstandard“ ist
alles andere als der Grund dafür, dass BP als ideeller Beauftragter „des
Menschen“ nach Erdöl bohrt, sondern er ist die abhängige Variable
davon, wenn sich für diesen Konzern das Geschäft mit der Ölförderung lohnt.
Mit der Suche nach Schuldigen an
der Ölkatastrophe wird fernab aller real existierender Geschäftsinteressen der
Ölkonzerne ein fiktives Subjekt erfunden, das eigentlich für die ganze
Sauerei im Golf von Mexiko verantwortlich sein soll –„ der Mensch“. Der
ist einerseits schuldig und andererseits auf Grund seines „Lebensstandards“ auch
wieder entschuldigt, weil es so nachvollziehbar wird und unvermeidbar gewesen
sein soll, wenn „unzählige Liter des schwarzen Gifts, das die Menschheit für
ihren Wohlstand braucht,“ ins Meer strömt, „und es strömt weiter.“
Aufgeklärt über die Bedeutung von Lebensrisiken – „ohne nennenswertes
Risiko“ ist an das Öl einfach nicht zu kommen – wird dann mit abgeklärtem
Realismus behauptet, die risikolosen Zeiten seien – wieder für „den
Menschen“- endgültig vorbei. Weltfremd, wer das nicht so sieht. Deshalb
muss „Mensch“ auch entsprechend risikobereit sein: Die Explosion
der „Deepwater Horizon“ war für Beise mitnichten das Ergebnis einer kapitalistischen
Kalkulation, sondern eines irgendwie schicksalhaften „Restrisikos“ beim
unverzichtbaren Ölbohren unterm marktwirtschaftlichen Diktat der Gewinnmaximierung.
So gesehen ist die Katastrophe im
Golf eine menschliche Tragödie: Der vom SZ-Analysten zur Weißwaschung
des Systems erschaffene „Mensch“ läuft sehenden Auges wegen des Erhalts
eines „Lebensstandards“ mit vollem „Risiko“ in sein Verderben. Aber es gibt
eine Hoffnungsperspektive in der „Katastrophe“: Der Umgang mit dem
„Risiko“ eröffnet Chancen. BP hätte sich sträflich gegen seine Sorgfaltspflicht
vergangen. Das Unternehmen „muss alle, wirklich alle Möglichkeiten
ausschöpfen, gefährliche Technologien unter Kontrolle zu halten. Das gilt für
Ölkonzerne nicht anders als für Fluggesellschaften oder
Kernkraftwerksbetreiber.“ Seltsam: Erst behauptet Beise, dass „das Leben
auf der Erde“ ohne „nennenswertes Risiko“ nicht zu haben sei – und dann soll es
begrenzt werden, „wie es nur irgend geht.“ Und wenn sich diese Technologie der
Kontrolle entzieht? Soll man sie dann (bleiben)lassen? Da Beise der Logik der
Sache nach keine Grenze zwischen erlaubtem und nicht mehr akzeptablen Risiko benennen
kann, bleibt wohl die klassische marktwirtschaftlich-demokratische Definition
des „Restrisikos“ gültig, der zufolge das Risiko dann „unverantwortlich“ war, wenn
der Schadensfall eingetreten ist?
Deshalb ist nicht einmal der Super-GAU
für Beise ein Argument gegen das Geschäft mit Tiefseeöl, sondern für das
Strafrecht. „Die Energiekonzerne, die Jahr für Jahr viele Milliarden Gewinn
erzielen, also Überschuss nach Abzug aller Kosten, hätten das Geld, so viel Sicherheit
wie irgend möglich zu organisieren. Wenn sie es nicht tun, ist dies ein Verbrechen.“
Die Marktwirtschaft funktioniert allerdings
genau andersherum: Gerade weil BP und Konsorten ihre Kosten und damit die
Sicherheit haarscharf kalkulieren, bleibt ihnen soviel Reibach, wofür sie, wenn
gerade keine Katastrophe stattfindet, von den Wirtschaftsexperten gelobt und
ihre Aktionäre belohnt werden. Daran will Beise nichts ändern, sondern BP
finanziell ausbluten lassen.
„Am
Ende, steht zu erwarten, wird BP nicht mehr das sein, was es heute ist. Die
US-Regierung muss den Konzern zwingen, zu zahlen, zu zahlen, zu zahlen, und
wenn das Unternehmen daran zugrunde geht.“ Am Ende hat Herrn Beises „Mensch“
als „Lebensstandard“ ein versautes Meer und die tiefe Befriedigung, dass dem
Recht genüge getan wurde, falls ein Ölmulti in die Pleite getrieben werden
sollte. Und, wie „der Mensch“ so drauf ist, wird er sturzzufrieden sein, wenn
die restlichen Ölkonzerne das Geschäft von BP übernehmen und das Risiko weiter
seinen Lauf nimmt, wg. „Lebensstandard“ bis zur nächsten Havarie!
Nochmal SZ-Journalist Beise:
„Bei all den Krisen gerät leicht in
Vergessenheit, dass die Marktwirtschaft immer noch eine vergleichsweise gut
funktionierende Veranstaltung ist. Es gibt, soweit erkennbar, keine bessere Alternative.
Wer das freiheitliche System aber zu Lasten der Allgemeinheit missbraucht, muss
hart bestraft werden. Wer es mit so gravierenden Folgen missbraucht wie BP und
die anderen beteiligten Firmen, hat keinen Anspruch mehr darauf, in diesem System
mitmachen zu dürfen.“
Wer auf die Idee kommen könnte,
derlei Sauereien wie diese Ölsintflut für einen Einwand gegen den Kapitalismus
zu halten, und in Profitkalkulationen den Grund für deren notwendiges Auftreten
zu sehen, der wird belehrt: die Marktwirtschaft ist „immer noch eine
vergleichsweise gut funktionierende Veranstaltung“. Die geht zwar nicht ohne
Risiken ab, aber dazu mag ein Herr Beise „keine bessere Alternative“ erkennen. Außerdem
gibt es in diesem famosen System ja noch die freie Presse, die jeden Missbrauch
schonungslos aufdeckt, Schuldige wie BP an den Pranger stellt und aus der
ganzen Veranstaltung ausgeschlossen sehen will. Das macht zwar kein Bohrloch
sicherer oder sauberer, nimmt aber die Gründe für alle so genannten
„Unglücksfälle“ sauber aus der Schusslinie.
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